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Die Welt · 1914-04-03 · 14 (3.4.1914) · p. 325

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
14 (3.4.1914)
Article
Hebräisch und jiddisch
Date
1914-04-03
Page
325 (sequence 1)
Language
German
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DIEIpELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 14 BERLIN, 3. April 1914 ’UmW» n"Dnn 'K p’j '1 ,^12 XVIII. JAHRG. HEBRÄISCH UND JIDDISCH Von Dr. M. Glücksohn, Odessa I. Die Ausführungen Dr. Hugo Bergmanns über „Unsere Stellung zum Jiddischen“ („Die Welt“ Nr. 8) dürfen nicht unwidersprochen bleiben, wenn anders nicht falsche Vorstellungen über Wesen und Charakter unseres Sprachenkampfes, ebenso auch über unsere prinzipielle Stellung in diesem Kampfe aufkommen sollen. Zunächst eine tatsächliche Berichtigung. Bergmann geht von einer falschen Voraussetzung aus und macht infolgedessen den russischen Zionisten ungerechte Vorwürfe. Die sinnlose Parole: „Entweder hebräisch oder russisch“ hat nie die russischen Zionisten beherrscht. Sie ist ein Produkt der Phantasie unserer Gegner. Diese liebenswürdige Unterstellung wurde von den aggressiven Jiddischesten so häufig mit dem glühenden Zorn sittlicher Entrüstung wiederholt, daß, wie man nun sieht, selbst Zionisten auf den Leim gehen und gegen ein von schneidiger Polemik eingegebenes Wahngebilde ankämpfen zu müssen glauben. Eine solche programmatische Parole gibt es nicht und kann es nicht geben. Ein derartiges „Entweder- Oder“ ist ein schlechtes Paradoxon, zum Programm erhoben ist es kompletter Nonsens. „Entweder hebräisch oder russisch“ — ist ebenso unsinnig, wie „Entweder Palästina oder Golus“. Allein — und das kann nicht nachdrücklich genug betont werden — auch die etwaige Losung „Entweder hebräisch oder jiddisch“ wäre verfehlt, ebenso wie etwa „Palästina oder Itoland“. Unser Ringen und Streben hat nur ein einziges, unverrückbares Ziel: die Wiedergewinnung der Ureinheit von nationalem Wesen und nationalen Lebensformen. Mit Surrogaten, und seien sie noch so „bequem“, ist uns nicht gedient. Nicht Wahl, sondern Entscheidung ist die gebieterische Forderung unserer Landnot und unserer Sprach not. Wählen dürfen wir nur im Reiche der Anpassungen. Zwischen Hebräisch, unserer ureigenen, aus den Tiefen unseres Wesens in freier schöpferischer Betätigung gebildeten und dieses Wesen in wechselwirkender Verbundenheit weiter bildenden Sprache, und irgendeiner anderen, ganz oder halbfremden Sprache kann nicht gewählt werden, wohl aber zwischen Jiddisch, der besseren, und Russisch der schlechteren Anpassung. Diese Wahl haben wir auch grundsätzlich getroffen, und zwar nach der entgegengesetzten Richtung, als Herr Dr. Bergmann mit wohlberechtigtem Bedauern annimmt. Soweit es sich nicht um rein technische, durch Zweckmäßigkeitsrücksichten bestimmte Dinge handelte, hat sich der Zionismus in Rußland niemals für Russisch gegen Jiddisch entschieden. Im Gegenteil. Der Wiener Delegiertentag der russischen Zionisten, der sich im allgemeinen in der Kulturfrage auf dem extrem hebraistischen Standpunkt Jabotinskys stellte, hat den ausdrücklichen Beschluß gefaßt, daß in Fällen, wo man hinsichtlich der Unterrichtssprache zwischen Jiddisch und Russisch zu wählen haben würde, unbedingt das Jiddische vorgezogen werden soll. Und selbst die in der Minderheit gebliebenen Gegner des betreffenden Antrages hatten gegen denselben in der Hauptsache nichts anderes einzuwenden, als daß die konstitutive Festlegung dieses Grundsatzes der etwaigen Indolenz unserer russischen Exekutivorgane Vorschub leisten könnte, indem sich diese mit jiddischen Schulen bescheiden und mit dem Plan hebräischer Schulgründungen überhaupt keine ernsten Versuche machen möchten. Mag sein, daß in der Hitze des Gefechts dieser oder jener Hebraist den Verstiegenheiten des aggressiven Jiddischismus gegenüber eine Aeußerung getan hat, die jener von Bergmann gerügten Parole gleichkommt, nichts aber berechtigt unsere Gegner, aus derartigen polemischen Paradoxen der Partei einen Strick zu drehen. Soviel zur tatsächlichen Berichtigung. Wir müssen den Aeußerungen unserer liebenswürdigen Gegner, die darauf berechnet sind, den Streitpunkt auf einen ihnen vorteilhafteren Boden zu verschieben, entschieden entgegentreten, um desto sicherer die eigentlichen Differenzen ins Auge zu fassen und die trennende Grenzlinie in aller Schärfe zu ziehen. II. Der Kampf zwischen Jiddischismus und Hebraismus ist nichts als ein Spezialfall jenes großen Kampfes, der das moderne Judentum erschüttert. Es ist dies der Kampf der trägen Bequemlichkeit, des Gewährenlassens, der „praktischen“ Anpassung einerseits, und einer von Sehnsucht getränkten Idee, die die Materie zu formen sich anschickt, eines Dranges nach schöpferischer Erfüllung, nach Echtheit und Entscheidung andererseits. Der Jiddischismus ist gewiß auch eine Bejahung des Judentums, er ist aber die Bejahung des Judentums von heute und gestern, das im schweren Netz der mannigfaltigen Bedingtheiten verstrickt ist. Der Hebraismus hingegen ist die Bejahung der schöpferischen Tat, des erlösenden

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