Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Article
- Nationale Tendenzen im deutschen Judentum
- Date
- 1914-03-27
- Page
- 304 (sequence 3)
- Language
- German
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304 Nr. 13 DtE2§KELT oder Temperament, der zwischen Deutschen und Franzosen im allgemeinen besteht, auf, ein kultureller Unterschied zu sein? Wenn die Masse der Juden, als Einheit betrachtet, eine Seite künstlerischen Temperamentes besonders ausgebildet zeigt, dürfen wir es als zur jüdischen Eigenart gehörig betrachten, auch wenn einzelne Angehörige anderer Gemeinschaften dieselben Eigenschaften zeigen. Keineswegs sollen sie darum als unabänderlich gelten. Sie sind geworden, und können anders werden, sind durchaus geschichtliche Größen. Auf Grund dieser funktionellen Einheit der jüdischen Seele, die selbst zu gewissen Richtungen, auf bestimmte Lebensberufe führen kann, entsteht unter den Juden eine schnelle Verständigungsmöglichkeit, die allein schon ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugen müßte. Die Gleichartigkeit der seelischen Struktur schließt die Juden kulturell zusammen, während der sachliche Inhalt der Religion an einigender Kraft verloren hat. III. Die Verkennung oder Nichtanerkennung dieses funktioneilen Kulturelementes, die Bewertung der Kultur nach ihren sachlichen Werten allein, führt notwendig zu mancherlei Mißdeutung. So gelangt Guttmann, um den Gegensatz einer deutschnationalen und jüdischnationalen Anschauung unter den deutschen Juden genetisch zu erklären, zu der primitiven Vorstellung, wer sich mit Heimat und Vaterland verbunden fühle, könne nicht nationaljüdisch denken, nur die Konzentration auf das Judentum führe zu nationalem Judentum. Ach Gott, wenn die Dinge so einfach wären 1 Das ist ein erdachter Gegensatz, sehr klar, sehr logisch, — und sehr unrichtig. Für Naturen, die auf geistige Inhalte gerichtet sind, mag er gelten. Sie übernehmen deutschen Kulturinhalt, — und meinen, ganz und gar Deutsche zu sein. Im ernsthaften Ringen aber mit der Seele des Deutschtums, mit den Kräften, die tiefer liegen als sein bloßer Kulturinhalt, entsteht für viele deutsche Juden gerade ihr Nationaljudentum. So ist es auch durchaus kein Zufall, daß jenes funktionelle Judentum die deutsche Kulturtätigkeit der Juden heute sogar vielfach noch tiefer bestimmt als früher. Solange der Anteil des deutschen Juden sich auf Aneignung von deutschen Kulturinhalten beschränkte, war er, von Ausnahmen abgesehen, Jude und Deutscher, beide Kreise seiner Tätigkeit lagen gleichsam nebeneinander, und die jüdische Seele verriet sich nur wenig in der deutschen Tätigkeit. Erst in dem tieferen, innerlicheren Verwachsen mit dem Deutschtum entsteht innerhalb der deutschen Kunst und Literatur jener Jude, bei dem das Judentum auch die Form seines deutschen Schaffens beherrscht. Diese Entwicklung ist noch nicht notwendig abgeschlossen, und theoretisch könnte man sich vielleicht denken, daß das deutsche Judentum stark genug wäre, um sich in solcher Form zu erhalten. Aber dazu bedürfte es denn doch wohl einer stärkeren territorialen und kulturinhaltlichen Geschlossenheit, und wir glauben um uns einen Wandel zu spüren. Wer die Psychologie des jetzigen Judentums schreiben wollte, wird nicht umhin können, besonders in der Gesinnung unserer Jugend, eine Entwicklungstendenz zu betonen. Es handelt sich hier in weitestem Umfange gar nicht um ein „J ude s e i n“, sondern um ein „Jude werden“. Das ist der Hauptgrund, weshalb die Betrachtungsart Guttmanns dem Problem unmöglich gerecht werden kann. Hatten wir schon gesehen, daß seine im wesentlichen konstatierende, mit festen Begriffen operierende Methode zwar dem Bedürfnis philosophischer, aber schwerlich dem historischer Untersuchungen entspricht, so kann die Zerlegung und Abwägung begrifflicher Einheiten besonders da nicht das letzte Wort behalten, wo ein annoch Werdendes beurteilt werden soll. Die innere Bindung des einzelnen an das Judentum wächst. Ob die Jugend das Bedürfnis empfindet, sich zusammenschließen, ob der einzelne sich seiner jüdischen Bedingtheit stärker bewußt wird und mit einem neuen Interesse an jüdische Fragen herantritt, das sind alles Symptome derselben Erscheinung. Wenn die junge Orthodoxie ernsthafter orthodox, die Liberalen ernsthafter radikal, die weder religiös noch ethisch gerichteten stärker national, sie aber alle damit sich ihres Judentums inniger gewiß werden, — so geht es doch nicht an, eine solche Entwicklung von der positiven Religion ableiten zu wollen. Hier muß schon eine allgemeine jüdische Voraussetzung vorliegen. Allgemein aber ist nichts als die personale Geschlossenheit des Judentums: sie erlebt eine neue Spannung. Wir sagen: sie will Nation werden. IV. Sie will es werden, sie ist es nicht. „Die alle Lebensgefühle umfassende Einheit einer nationalen Kultur“ wird niemand dem deutschen Judentum der Gegenwart zuschreiben wollen. Und es dürfte ein Traum des Alljudentums bleiben, daß eine solche jüdische Kultur in Europa möglich ist. Dazu sind wir eben mit unserem sachlichen Lebensinhalt aufs tiefste durch die Kultur unserer Umwelt bestimmt und in sie verschlungen. Das hat Guttmann sehr klar dargelegt. Einen sachlichen jüdischen Lebensinhalt hätte er freilich stärker betonen müssen: den gemeinsamen Feind. Glaubt jemand wirklich, daß der Kampf um die Gleichberechtigung etwa darum im Vordergründe der großen Organisationen steht, weil ein ungeheures Rechtsgefühl sie beherrschte? Das hat noch niemand behauptet. Die Werbekraft dieser politischen Formel beruht eben darauf, daß ein so wichtiger sachlicher Gemeinschaftswert die zerflattemde Judenheit einigt. Das Bewußtsein gemeinsamer Gegenwartsinteressen ist aber nur eine Teilerscheinung des Gefühls geschichtlicher Zusammengehörigkeit überhaupt. Eine Gemeinschaft, die jahrtausendelang eng zusammengekettet war, hält die Erinnerung an ihre Geschichte notwendig noch fest, selbst wenn sie einmal von einer auflösenden Strömung erfaßt ist. Das Bewußtsein gemeinsamer Geschichte erfüllt auch die Kreise der Judenheit, die dem Judentum sonst indifferent gegenüberstehen, und ist der eigentliche dem Gesamtjudentum heute noch gemeinsame Inhalt. So kommt es auch, daß selbst religiös gleichgültige Kreise mit solcher Hartnäckigkeit daran festhalten, die Religion bilde den Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden. Denn das geschichtliche Bewußtsein, das sie an die Judenheit bindet, ist allerdings in erster Linie auf die Religionsgemeinschaft gerichtet, da das Judentum in den religiös gerichteten Zeiten des Mittelalters sich als solche fühlte und seit dem IS. Jahrhundert bewußt eine solche sein Das ist nicht viel an gemeinsamen Gedanken. Und Guttmann sieht ganz richtig, daß das moderne Nationaljudentum gerade auf der Hoffnung beruht, dem jüdischen Gemeinschaftsbewußtsein einen sachlichen Inhalt zu geben. Nicht nur in dem Gedanken des Volkstums selber. Das Nationaljudentum glaubt nicht etwa schon ein Ersatz für die andern menschlich-jüdischen Werte zu sein, wie es ihm Mißverstand noch eben vorwarf. Als Friedrich Nietzsche das Ideal eines neuen, natürlicheren Menschen aufstellte, sah man in dieser Persönlichkeit eine Art Verbrechematur, und er empfand mit Unmut: „Diese Menschen glauben wahrhaftig, ich sei gekommen, um die anständigen Werte aufzuheben!“ Uns geht es ähnlich. Weil wir die Basis der jüdischen Gemeinschaft nicht in der Religion sehen und das Judentum auf eine natürlichere Grundlage stellen wollen, meinen die Gläubigen aller bisherigen Richtungen, das Nationaljudentum wolle die Auseinandersetzung mit den Menschheitswerten ausschalten, ihm sei selbst das Bedürfnis des einzelnen, sich seinem Gotte zu verbinden, gleichgültig oder verhaßt. Aber weit entfernt, das religiöse oder irgendein anderes jüdisches Erleben zu negieren, glauben wir vielmehr auch ihm überhaupt erst wieder eine gesunde Voraussetzung schaffen zu können. Nur soviel spüren wir, d-?.: Bekenntnis zur Nation hat an sich unser jüdisches Fühlen aufs tiefste befruchtet. Das Vertrauen haben aber auch wir nicht, daß die jüdische Nationalität sich in Deutschland gegen ihre Umwelt auf die Dauer(behaupten können wird. Wir fühlen, daß uns das Judentum zerrinnt, — darum eben sind wir Zionisten. V. Ich bin im Grunde zu Ende, das weitere ergibt sich von selbst. Aber da Guttmann, dessen Voraussetzungen weniger einfach sind, die Stellung des Juden innerhalb des Deutschtums besonders behandelt, werden wir seinen verschlungenen Pfaden noch eine Weile folgen. Auch er erkennt, daß das Verhältnis des Juden zum Deutschtum eine besondere Färbung hat, daß der Jude nicht dem deutschen Volkstum, sondern den geistigen und staatlichen Werten Deutschlands hingegeben ist. Auf Grund dieses Willens des Juden zur deutschen Kultur-