Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Article
- Nationale Tendenzen im deutschen Judentum
- Date
- 1914-03-27
- Page
- 305 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 13 305 ME2§ffilT Gemeinschaft erhebt er den Anspruch auf vollen Anteil an der deutschen Volksgemeinschaft. In einer Welt der Ideen ist eine solche Vorstellung ja realisierbar, wie aber in Wirklichkeit neben einem „vollen Anteil an der deutschen Volks- Gemeinschaft" eine irgendwie, und sei es religiös, bestimmte Eigenart des Judentums sich erhalten solle, bleibt unerfindlich. Der volle Anteil an der deutschen Rechtsgemeinschaft freilich entspricht dem Wesen des modernen Staates und ist um so stärker gewährleistet, je mehr die Idee des Staates gegenüber den Elementen der Wirklichkeit sich vollendet. Den Gegensatz von Idee und Wirklichkeit zu überbrücken, wird immer eine Forderung der Idee sein müssen. Aber die Selbstaufhebung einer Eigenart ist höchstens die Negation einer Idee. Guttmann gibt ja ein paar Reihen darauf auch zu, daß eine Homogenität nicht stattfinden könne, und es zeigt sich nur auch hier wieder der verzweifelte Widerspruch eines Standpunktes, der das — nicht religiöse — Judentum aufheben und doch auch wieder nicht aufheben will. „Der Gegensatz" — von Juden und Nichtjuden — „ist seiner Form nach durchaus dem verschiedener Religionsgemeinschaften analog." Das ist, für die Gegenwart, in sehr weitem Sinne richtig, und doch in dieser allgemeinen Form ungeheuer irreführend. Wollte man etwa den Gegensatz als einen wirklich religiösen Gegensatz hinstellen, so wäre das ganz falsch. Nein, religiöse Gegensätze, wie sie in den Zeiten religiöser Spannung sich entladen, gibt es heute nicht. Man mag zum Verständnis etwa an eine katholische Diaspora in protestantischen Teilen Deutschlands denken: auch hier handelt es sich eben nicht um einen religiösen Gegensatz. Es ist der protestantischen Majorität ziemlich gleichgültig, ob der Katholik zur Messe und Beichte geht, man sieht zuweilen selbst die Geistlichen beider Konfessionen unbefangen imit einander verkehren, und katholische Familien, die sich zufällig von ihren katholischen Mitbürgern irgendwie herausheben, können ohne Schwierigkeit in den entsprechenden protestantischen Kreisen Aufnahme finden: nicht die Religion, sondern die geschlossene Gemeinschaft, zu der ihre Angehörigen sieh zusammenschließen, erweckt den Gegensatz und die Abneigung, und es ist keineswegs bloß politische Phrase, sondern entspricht der Deutung dieses Volksempfindens, wenn die „protestantischen" Parteien stets behaupten, daß sie nicht den Katholizismus, sondern den Ultramontanismus bekämpfen. Der getaufte Jude kann, wenn auch mit Mißtrauen betrachtet, in die christlich-deutsche Familie aufgenommen werden, nicht weil er seine Religion gewechselt hat, sondern weil er deutlich dem Willen zur jüdischen Lebensgemeinschaft entsagt hat. Um also jedes Mißverständnis zu vermeiden, dürfte man nicht sagen, der Gegensatz von Juden und Nichtjuden entspricht dem der religiösen Gemeinschaften, sondern umgekehrt: das, was heute in Deutschland sich äußerlich als religiöser Gegensatz darstellt, ist gar kein solcher, sondern ein Gegensatz gegen die personal geschlossene Gemeinschaft, soweit diese eine Lebenseinheit darstellt. Nicht seiner Religion wegen, sondern weil das Judentum eine Lebenseinheit bedeutet, erregt der Jude Widerspruch, mag man nun diese Lebenseinheit national nennen oder nicht. Vollends werden Guttmanns Ausführungen ein Voltigieren mit Begriffen, wenn er die Richtung der gegenwärtigen Entwicklung behandelt. Mit mannigfachen Zwar und Aber legt er dar, daß das Verhältnis des Juden zu seiner Umwelt „wandlungsfähig" ist. Natürlich ist es das, und wie wenig das Nationaljudentum davon ausgeht, aus dem Wesen des Judentums ergebe sich mit Notwendigkeit die Unmöglichkeit eines erträglichen Zusammenlebens, zeigt die Theorie des Alljudentums: hier wird ja ein erträgliches Zusammenleben erstrebt. Nicht von Notwendigkeiten gehen wir aus, sondern von den geschichtlichen und gegenwärtigen Erscheinungen. Aber gerade diese sucht Guttmann Begriffen unterzuordnen. Daß die Juden nur in Ländern, in denen sie einen geringeren Prozentsatz darstellen, mehr Rechte haben, fällt ihm wohl ein, aber er tröstet uns mit dem Gedanken: der Unterschied der Zahl ist gradueller, nicht prinzipieller Natur. Das ist sicherlich eine sehr philosophische Auffassung. Es ist derselbe Grund, aus dem einst die Eleaten leugneten, daß es Bewegung und Masse überhaupt geben könne — — —. VI. Ich fasse zusammen: Die jüdische Religion hat ihre gemeinschaftsbildende Kraft für die Gesamtjudenheit verloren, der Glaube an das Volkstum eine solche Kraft noch nicht gewonnen. Gemeinsame Inhalte für die deutschen Juden sind der gemeinsame Gegenwartskampf und das Bewußtsein gemeinsamer Geschichte. Diese Inhalte können nur darum einigend wirken, weil die seelische Struktur der Juden gleichartig ist und sie trotz der verschiedenen Inhalte ihres Berufslebens und ihrer Lebensanschauung kulturell verbindet. Wie kräftig ein auf diesen Faktoren beruhender Zusammenhalt an sich sein wurde, ist zweifelhaft; in der Gegenwart aber erlebt die Judenheit eine neue Spannung ihres Gemeinschaftsgefühls, wie sie in der Geschichte die Voraussetzung eines jeden fruchtbaren Lebenswillens gewesen ist. Da diese Spannung eine nicht nur durch Blut und Geschichte, sondern auch durch kulturelle Bande zusammengehaltene Gemeinschaft erfüllt, reden wir von einem Nationaljudentum und suchen dessen Erfüllung im Zionismus. Dieses Nationaljudentum zu bejahen, dazu bestimmt uns in letztem Sinne nicht die Beobachtung einer Wirklichkeit, sondern ein Werturteil. Nicht aber daß es sich darum handelt, wie hoch wir die nationalen oder die religiösen oder die deutschen Faktoren werten, sondern noch allgemeiner um die Frage: Ist uns das Judentum überhaupt erhaltungswert? Die Intensität unseres jüdischen Erlebens aber zwingt uns, die letzte, einfachste, natürlichste Form des Judentums, das Volkstum, zu bejahen. Was so in der Seele des gegenwärtigen Nationaljuden herauskommt, ist ein Stückchen -- Primitivität. Eine Erlösung aus der Skepsis. Der Verstand und seine Werte sollen nicht mehr die Führerrolle spielen. Diese Generation ist von der ihrer Großväter sehr verschieden. Jene hatten auf allen Zweigen europäischer Kultur ihr Wesen getrieben, neugierig und vermessen, spielerisch und ernsthaft: die heutige nationaljüdische Jugend kann fast von dem Vorwurf einer gewissen Kulturlosigkeit, zum mindesten einer kulturellen Einseitigkeit nicht freigesprochen werden. Aber es gilt eben zunächst wichtigere Dinge, als das, was man gemeinhin Kultur zu nennen pflegt,. und was doch meist nur Kultiviertheit und Bildung war. Es gilt zunächst etwas sehr Einfaches: Vertrauen zu gewinnen, zu uns, und zu den natürlichen Kräften, die uns tragen. Auch das ist ein Werk, der Arbeit einer Generation wert. Und erst auf ihm kann sich ernsthafte Kultur erheben. Diese Vereinfachung des Daseins wird nicht in einem Schritte erreicht, sie erwächst aus einer Gegensätzlichkeit, wie sie den Grenzen zweier Zeitalter eigentümlich ist. Bindungen, die fest und sicher waren, erscheinen auf einmal gelockert. Eine innere Unruhe ergreift die Menschen, eine Sehnsucht nach Freiheit erfüllt sie, doch was sie Freiheitslust nennen, ist nur ein Suchen nach einer neuen Einfügung. Von einer -ähnlichen Doppelstimmung ist das Nationaljudentum getragen. Alle Behaglichkeit und Bequemlichkeit sind seine natürlichen Gegner, sie mögen den Suchenden nicht. Der Suchende selbst aber fühlt, wie er aus Unruhe, Spannung, Verwirrtheit, Aufwühlung einer neuen Sicherheit ruhig entgegenwächst. 888888888888888888888888 Geldsendungen aus Oesterreich für das zionistische Zentralbureau sind in Zukunft' auf unser neueingerichtetes Scheckkonto bei dem Postsparkassenamt Wien Nr. 145340 unter folgender Adresse zu leisten: Professor Dr. Otto Warburg für das Zionistische Zentralbureau Berlin-Wilmersdorf 888888888888888888888888