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Die Welt · 1914-03-27 · 13 (27.3.1914) · p. 303

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
13 (27.3.1914)
Article
Nationale Tendenzen im deutschen Judentum
Date
1914-03-27
Page
303 (sequence 2)
Language
German
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Mr. 13 303;hrem eigentümlichen Erregungszustand sachlich auseinanderegen möchte, gehemmt. Denn das Wesen der nationalen Bindung beruht, auch für die theoretische Betrachtung ihres tatsächlichen Vorhandenseins, weder darauf, ein Ganzes zu sein, Jas, neben der Religion, einen Komplex von einzelnen Gefühlen umfaßt, noch darauf, ein von Anfang an gleichmäßig vorhandenes Element des Gemeinschaftsgefühls zu sein, sondern es bedeutet gleichsam eine gewisse Gemeinschaftlichkeiten belebende, ihr Gemeinschaftsgefühl erzeugende Spannung. Ich habe selbst einmal versucht — in einer Kontroverse 4egen den Zentralverein —, das deutsche Nationalgefühl in veine Komponenten zu zerlegen: Staatsbewußtsein, Heimatsgefühl, Stammesgefühl, Gefühl der Kulturgemeinschaft. Ich möchte diese Teilung durchaus aufrechterhalten, glaube aber nicht, daß eine solche Zerlegung des Nationalgefühls, so nötig sie war und ist, dessen Bedeutung erschöpft. Es ist ja bekannt, daß der ganze Zustand nationaler Erregung in Europa iungen Datums ist. Das ist nicht so gemeint, als ob etwa ein von Anfang an den Völkern eigentümlicher Zustand nun erst in das Bewußtsein getreten sei. Nein, daß die personale Bindung bestimmter, etwa durch jene vier Gefühle zusammengehaltener Gruppen überhaupt von einem inneren zwangsmäßig wirkenden Trieb nationaler Tendenz getragen wird, ist eine Tatsache, die erst auf später Kulturstufe eines Volkes Eintritt*). Zu anderen Zeiten mögen verwandte Stimmungen andere Erlebnisse begleiten, und vielleicht erlebte das deutsche Judentum zur Zeit Gabriel Rießers infolge der damaligen Bedingtheiten eine ähnliche Spannung in seinem Rechtsgefühl. Wie dem auch sei, von dieser Spannung muß im wesentlichen die Rede sein, wenn man an den Begriff der Nation herantritt: in Guttmanns Ausführungen ist eine mechanistische Additionspsychologie in der Betrachtung des Gemeinschaftsdaseins wieder auferstanden, die in der Betrachtung der Einzelseele heute als glücklich überwunden gelten kann. Wo immer ein geistiger Faktor sich in Lebenswillen umsetzte, geschah das kraft dieser Spannung, die ihm innewohnte, nicht kraft seiner inhaltlichen Bestimmtheiten. Mag man etwa aus den sittlichen Lehren der Propheten noch so sauber und korrekt das Fach ziehen und sie an logischer Systematik weit übertreffen, nicht an ihre dem Denker sich erschließenden Wahrheiten war ihre fortzeugende geschichtliche Wirksamkeit geknüpft, sondern an die Lebendigkeit ihres sittlichen Erlebens. Wir wissen nicht, nach welchen Gesetzen im Völkergeschehen die Gewalt dieses Erlebens sich bald an diesem, bald an jenem Inhalt entzündet. Religiöse Dogmatik, ins Weite lockender Erobererdrang, tiefsinnige Mystik, Rittertum und Frauendienst, staatlicher Erhaltungstrieb, geschichtliche Vertiefung, philosophisches Denken, wirtschaftlicher Zusammenhang, starke Persönlichkeiten, — das alles hat in der Geschichte des Abendlandes Mittelpunkt für das Sinnen und Handeln ganzer Generationen werden können. In der Gegenwart scheint das stärkste Gemeinschafterleben an wirtschaftliche und nationale Geschlossenheiten gebunden. Wenn wir von Nationaljudeptum reden, so ‘meinen wir auch damit nicht eine natürliche Tatsache der Bluts- oder Geistesverwandtschaft an sich, sondern eben ihr Getragensein von einer zentralen Erregung. Sie schließt sich weder an einen religiösen Inhalt, noch an ein wirtschaftliches Klassenbewußtsein an. Wie weit wir berechtigt sind, sie national zu nennen, wird noch zu prüfen sein: eine erste Voraussetzung dafür ist jener Spannungszustand. Diese Erregung ist durchaus der religiösen Erregung verwandt, ja, da die intensivsten seelischen Spannungen, die wir kennen, das religiöse Erleben tragen, pflegt inan die Erregung selbst wohl eine religiöse zu nennen, selbst da, wo von einem religiösen Inhalt selbst keine Rede ist. Die aus Dissonanzen heraus gesteigerte Leidenschaft, die das Sein eines Menschen zu umfassen, zu deuten, zu regieren strebt, immer wieder seinen Sinn auf das eine, als zentral empfundene Problem lenkt, ■ine Leidenschaft, wie sie einst die religiösen Massen ergriffen hat, taucht in dem Innenleben des heutigen Nationaljuden wieder auf. *) Das Wertvollste, was ich über die komplizierte Frage der Nationalität bisher gelesen habe, findet sich bei Eduard M e y e r, ieschichtc des Altertums I., 1-, S. 7b ff., und J e 11 i n e k Mlgemeine Staatslehre S. 116 ff. wenn ich mich beiden auch lieht in allen Einzelheiten anschließen kann. II. Wenn ein solcher Spannungszustand in dem Zusammengehörigkeitsbewußtsein derjenigen Juden möglich ist, die der Religion fernstehen, muß doch wohl noch ein innerer Zusammenhang der Juden existieren, auch außerhalb der Religion. Hier begeht Guttmann in dem Bestreben, den bisherigen Streit um die Nationalität des Judentums als einen bloßen Wortstreit zu erweisen, einen verhängnisvollen Irrtum. Beide Parteien, meint er, seien sachlich einig, daß die Juden durch gemeinsame Abstammung, durch Geschichte und Religion verbunden, politisch aber und kulturell mit ihrer Umgebung vereint seien. Diese Uebereinstimmung ist durchaus nicht vorhanden. Die nationaljüdische Theorie anerkennt einen heute bereits bestehenden kulturellen Zusammenhang der Juden untereinander. An diesem Punkte entsteht gerade der Gegensatz. Guttmanns Auffassung hängt mit seinem Begriff von Kultur zusammen, der ganz äußerlich von dem Kulturinhalt ausgeht. Gemeinsame Kultur sei eine Gemeinschaft sachlicher Inhalte. Eine Viertelwahrheit. Wenn wir von europäischer Kultur reden, denken wir gewiß zunächst an bestimmte Inhalte: Beethoven, Renaissance, Naturwissenschaft, Philologie und so fort. Aber es ist schon nicht mehr ganz dasselbe, wenn wir deutsche und französische Kultur einander gegenüberstellen. Der Inhalt kann hier durchaus gemeinsam sein. Man lese etwa eine französische Einleitung zur Ausgabe irgendeines antiken Schriftstellers. Es sind, um die von Guttmann verwandten Kriterien eines Kulturinhalts zu verwenden, dieselben Probleme, dieselben geistigen Voraussetzungen, dieselben Ziele, wie in der deutschen Philologie. (Der Kreis, an den der Schriftsteller sich wendet, ist freilich ein anderer.) Und doch, wer könnte zweifeln, daß die Färbung der Gedanken, die artistische Stimmung, die tänzerische Heiterkeit sofort den Franzosen verraten, alles Dinge, die mit dem sachlichen Inhalt der Forschung gar nichts zu tun haben! Ich möchte auch hier nicht in einen Wortstreit geraten, und überlasse jedem, dieses Tempo, diese Spielart des Lebensgefühls als Eigenart der Kultur zu bezeichnen oder nicht, — daß aber ein solcher Unterschied die seelische Qualität des Deutschen und Franzosen stärker scheidet als ein Unterschied der sachlichen Inhalte, dürfte nicht zweifelhaft sein. Und die Frage ist nur, ob ein solcher Unterschied der seelischen Grundstimmung zwischen dem deutschen Juden und seiner Umwelt vorhanden ist. Guttmann schiebt verächtlich die „psychologische Note, die man in einer Leistung wittern kann, die bestimmten seelischen Qualitäten“ als gleichgültig für den Kulturkreis beiseite. Seine Gebärde ist dabei eigenartig geringschätzig; er scheint gar zu glauben, daß die Männer, die von einer jüdischen Kultur in Deutschland reden, bei diesem Worte hauptsächlich an die Behandlung jüdischer Probleme in Dichtung und Kunst denken, und verleiht damit einem vereinzelten, unglücklichen Einfall Moritz Goldsteins, der den Wert solch jüdischer Stoffe auffallend überschätzt, eine viel zu weit reichende Geltung. Wohl aber sind wir von dem Vorhandensein eines ganz besonderen Tempos, einer bestimmten Qualität des jüdischen Lebensgefühls überzeugt, das unverkennbar, und ohne daß man erst lange zu „wittern“ braucht, in der geistigen Leistung des deutschen Juden sich äußert, im Stil des Schriftstellers wie in der Geste des Politikers oder der Aktion des Organisators. Es erscheint bald als Mangel einer dem Nichtjuden eigentümlichen Sinnenhaftigkeit, bald als Erregtheit oder Kompliziertheit oder Dialektik oder Kombinatorik, bald, ja meistens als eine Mischung verschiedener dieser Eigenschaften. Das scheint mir, auch wenn man die seelische Eigenart im einzelnen anders fassen wollte, prinzipiell völlig unleugbar, und es bleibt nur zu erwägen, welche gemeinschaftsbildende Bedeutung wir diesem „funktionellen Judentum“, — wie es wohl Kurt Blumenfeld zuerst nannte, ich selbst sprach früher weniger scharf von einem formalen Judentum, — zuschreiben sollen. Naheliegend ist der Einwand, daß die hier angedeuteten Kräfte, mit denen sich der Jude seiner Umwelt bemächtigt, sich ja in ähnlicher Gestalt bei den Nichtjuden finden, daß es auch unter ihnen zum Beispiel erregte und nüchterne, sinnendurchglühte und ganz und gar sinnenferne Naturen gibt. Ganz gewiß. Aber es gibt ja auch unter den deutschen Schriftstellern manche, bei denen wir von einem französischen Stil sprechen können. Hört dämm der Gegensatz von Stil

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