Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 12 (20.3.1914)
- Article
- Religion und Nation als Gemeinschaftswerte des deutschen Judentums
- Date
- 1914-03-20
- Page
- 280 (sequence 2)
- Language
- German
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280 OlE^ELT bietet der Freimaurerorden, der dadurch ein gewisses, aber doch keineswegs kräftiges Gemeinschaftsbewußtsein erzeugte, daß er aus sittlichen Ideen heraus sich künstlich Formen zu schaffen suchte. Es kommt dabei nicht sehr viel darauf an, ob der Liberalismus diese oder jene Form der überlieferten Religion zu stützen sucht, — die „Richtlinien“ bedeuteten ja eine gewisse Anpassung —, die Judenheit selber muß vielmehr, als Erscheinungsform jüdischer Lebensanschauung, ganz anders im Mittelpunkt stehen. Es genügt nicht, daß sie Träger, sie müßte die Gestaltung jüdischer Ethik sein. Daß sie das nicht ist, liegt im Wesen des modernen Liberalismus. Er ist nämlich nicht etwa eine wirkende sittliche Kraft, sondern eine Philosophie über sittliche Fragen. Mit der Vergeistigung der Idee im Bewußtsein schwand ihm der gestaltende Wille. Daß diese Entwicklung eintreten konnte, liegt eben an der Abkehr von der körperlich-leiblichen Judenheit: nur an der lebendigen Erscheinung kann sich der zeugende Wille entzünden. Wenn es dem jüdischen Liberalismus gelingen sollte, dieses Band von Idee und Erscheinung zu schlingen, dann erst gäbe es eine (wahrhaft aus jüdischem Daseinswillen erstandene Ethik, die wir wahrlich nicht entbehren können. II. Dem ernsthaften Liberalismus gegenüber steht als zweite an einen religiösen Inhalt sich bindende Gemeinschaft die jüdische Orthodoxie Deutschlands. Sie ist nicht so einheitlich, wie sie dem Fernstehenden erscheint, verschiedenartige Faktoren, vvesensverschiedene Männer gaben ihr das Gepräge. Da das Wirken dieser Männer noch heute lebendig ist, kann man an ihnen nicht vorübergehen. Als das Judentum zu empfinden begann, daß seine gewaltsame Europaisierung es in seinen Grundfesten zu erschüttern drohte, machte Samson Rafael Hirsch den Versuch einer Erneuerung, auch er natürlich getragen von Tendenzen seiner Zeit, die auch in der christlichen Welt — ich erinnere an 'Creuzer — ihre deutliche Parallele haben. Die einfache Rechtgläubigkeit, wie sie noch heute, ohne das Bedürfnis einer Neuorientierung, gewisse Kreise besonders des ländlichen Judentums beherrscht, genügte ihm nicht. Er fühlte das Bedürfnis, die religiösen Formen wie das religiöse Schrifttum! aus einem gedanklichen System heraus zu erklären und zu vergeistigen. (In diesem Bedürfnis nach geistiger Interpretation lag im Grunde das Zugeständnis, daß die Lebenskraft der religiösen Form, die Selbstverständlichkeit, mit der sie einst Gemüt und Willen erfaßt hatte, verblaßt sei; aber das wußte er keineswegs.) Das Ergebnis leidet an einer von der Wärme der Rhetorik kaum verhüllten Künstlichkeit, weil es nicht sowohl von der religiösen Grundkraft des Enthusiasmus, wie von einer philosophisch angehauchten Geistigkeit bestimmt ist: ein Führer des Berliner traditionellen Judentums sah den Grundfehler seiner Lehre mit Recht darin, daß er Symboliker sei, ohne Mystiker zu sein. Viel stärker mit dem lebendigen, unvergeistigten Judentum! verwachsen war Israel Hildesheimer, das beweist schon seine enge Berührung mit dem Judentum Osteuropas, seine Betonung des Talmudlernens, sein Anteil an den Bestrebungen Kalischers und der Kolonisation Palästinas: es ist kein Wunder, daß beide Männer, wenn sie auch in Fragen jüdischer Politik zusammen arbeiteten, kein engeres Verhältnis zu einander, kaum .rechtes Verständnis für einander gewannen. Wenn das Judentum Hirschs von einer gewissen Feierlichkeit nicht loskam, eignete dem jüdischen Leben Israel Hildesheimers mehr Familienhaftigkeit, mehr unmittelbare Hingabe an die Selbstverständlichkeit der jüdischen Daseinsformen, wie er denn überhaupt weit weniger rückwärts gewandt war. Im Gegenteil hatte er durchaus den Willen, sich mit der Wissenschaft seiner Zeit, soweit sie in seinen Gesichtskreis trat und seine Aktivität ihm wissenschaftliche Betätigung erlaubte, auf deren Grundlage auseinanderzusetzen, und nicht ihr eine Wissenschaft aus eigener Machtvollkommenheit entgegenzusetzen. Eine eigentliche innere Verknüpfung der beiden Welten — Thora und moderne Bildung — ist aber von ihm und seinen Schülern nur vereinzelt versucht worden, sie stehen als zwei getrennte ideale Forderungen nebeneinander. Die Einflüsse beider Männer schneiden sich heute vielfach, und werden drittens begleitet von einem Judentum, dem das Nr. 12 Bedürfnis, sich Rechenschaft zu geben, fern ist, und das im wesentlichen in der religiösen Form aufgeht. Ich war einmal zugegen, als an einem Feiertag von einem ehrsamen Minjan noch rasch vor Tisch Minchoh heruntergebetet wurde. Ein Herr aus der Gemeinde fragte darauf zweifelnd den eiligen Vorbeter, ob Gott nicht von einem solchen Schnelligkeitsrekord wenig erbaut sein würde. „I wo," war die in jovialstem Tone mit Achselzucken gegebene Antwort, „d e r Mann kann folgen!" Von der Getragenheit Samson Rafael Hirschs bis hierher ist sicherlich ein weiter Weg, aber auch diese für den Außenstehenden vielleicht nur groteske Wendung will richtig verstanden sein. Sie ist ein freilich in solchen Formen seltener Ausdruck jener religiösen Behaglichkeit, die nicht gerade die kompliziertesten, aber keineswegs die schlechtesten Männer des orthodoxen Judentums beherrscht, Männer, die zum lieben Gott im allgemeinen in einem gemütlich-familienhaften Verhältnis stehen, und dennoch die besonderen religiösen Weihestunden durchaus ernsthaft erleben. (Es ist ja bekannt, daß gerade über den Wert des Gebets schon im Talmud vereinzelte Aeußerungen stehen, die für einen Menschen religiöser, gerade int Gebet sich entladender Inbrunst schwer verständlich sind, und daß andererseits die Gemütlichkeit des Gebetsbetriebs in der Synagoge schon oft *die Mißbilligung der Rabbiner erfahren mußte.) Ganz vereinzelt sind endlich in der Orthodoxie Naturen, die die letzten und kühnsten Ziele der religiösen Autarkie, ein credo quia absurdum, ein sacrifieium intellectus erstreben — sie haben die Masse des deutschen orthodoxen Judentums, das auch dem „Neuchassidismus" bis jetzt sehr kühl gegenübersteht, nie ergriffen. Nun aber, den verschiedenen Strömungen der Orthodoxie liegt doch e i n Wille zugrunde. Der Wille zur Aufrechterhaltung der Tradition, zur Bindung des einzelnen an sie. Die erzieherische Bedeutung dieses Willens, der den einzelnen in einen bestimmten Kreis von Formen und Pflichten sicher hineinstellt, ist nicht zu unterschätzen. Es ist wahr, die Forderung der Orthodoxie verlangt in ihrer verpflichtenden Kraft viele Opfer an freiem Menschentum, und manche Naturen sind an ihr einfach zerbrochen, — aber es geht uns hier ja gar nicht um den Wert der Orthodoxie für das Individuum, sondern um ihre Bedeutung als Gemeinschaftsfaktor. Zum Teil stehen beide gewiß im Gegensatz: gerade die religiöse „Behaglichkeit", die dem einzelnen eine sichere Beruhigung bietet und seine Seele vor jeder Aufwühlung bewahrt, also eigentliche Persönlichkeitswerte nicht entwickelt, ist zweifellos für den Zusammenhalt einer Masse von der robustesten Wirkung; keine Bildung in der Welt ist so frei von aller Problematik, fühlt sich so wenig in Frage gestellt — wie die des Philistertums. Und darüber hinaus läßt sich sagen: soweit die Orthodoxie den einzelnen von der Problematik des Daseins erlöst, ihm gleichsam einen seelischen Ruhepunkt verschafft, zu dem er immer wieder, nachdem er die Forderungen seines Tages unbekümmert erfüllt hat, sich zurückziehen kann, soweit gewährt sie der Gemeinschaft eine eminente Sicherheit, wie es der einzige ernsthafte Antisemit, Paul de Lagarde, so wahr gesehen hat: „Die Sabbathfeier ist ein wahres Atemholen des inneren Menschen, das allein dem Juden sein rastloses Leben erträglich macht." Nun aber ist sich ja die Orthodoxie in ihren besten Köpfen längst selber zum Problem geworden, und hat noch keine zwingende, weitere Kreise fortreißende Lösung gefunden. Ihr Versuch, eine Einheit ihres Judentums in philosophisch gerichteten Anschauungen zu finden, ist daran gescheitert und mußte daran scheitern, daß eine Masse verschiedenartigster und aus den verschiedensten Tendenzen heraus entstandener Forderungen mit dem gleichen Anspruch der Verpflichtung auftraten und sie infolgedessen keine Idee gefunden hat, die die einzelnen religiösen Inhalte aus eigener Kraft umwertend neu zusammenbindet und organisch zusammenschließt. Soweit sie aber die europäische Kultur als einen selbständigen Kreis neben dem religiösen Judentum anzuerkennen, ja zu fordern wagte, hat dieses zwar für einen Teil ihrer Anhänger seine alte Kraft, die von der Gemütswelt der Formen ausgeht, behalten, aber in weitem Umfange hat die neue Forderung auflösend gewirkt, und die europäische Welle das jüdische Dasein überflutet und vielfach hinweggeschwemmt. Wenn dies der Zustand der beiden „religiösen" Parteien ist, kann man da wirklich Guttmann glauben, daß der Religion