Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-03-20 · 12 (20.3.1914) · p. 279

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
12 (20.3.1914)
Article
Religion und Nation als Gemeinschaftswerte des deutschen Judentums
Date
1914-03-20
Page
279 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316637-3352808--59717-3352909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 12 276 DiE^ELT Religion und Nation als Gemeinschaftswerte des deutschen Judentums Von Moses Calvary Es scheint, als ob die Frage nach den Beziehungen von Deutschtum und Judentum in dem deutschen Juden sobald nicht zur Ruhe kommen wird. Der ständige Blick aut das Deutschtum, die unruhige Besorgnis, .wir könnten in einen inneren Konflikt mit ihm geraten, verwirren dabei oft den Betrachter. So sollten gerade wir Zionisten einmal ruhig erwägen, welche Momente seines Seelenlebens denn in dem deutschen Juden ein Gefühl jüdischen Zusammenhangs bewirken, — wenn freilich auch dabei der Hinblick auf seine Beziehungen zum Deutschtum nicht gänzlich auszuschalten sein wird. Den äußeren Anlaß bot mir ein Aufsatz, von Dr. Julius Guttmann im Januar- und Februarhefte der K. C.-Blätter: „Der Begriff der Nation in seiner Anwendung auf die Juden.** Denn auch seine Argumente sind im wesentlichen dem deutschen Judentum entnommen. Ein unmittelbarer Anlaß, sich mit ihm zu beschäftigen, läge für einen Zionisten vielleicht nicht vor. Der Verfasser betont mehrfach mit aller Entschiedenheit, daß seine Ausführungen die zionistische Lösung der Judenfrage nicht berühren, da diese von Fragen der internationalen Politik abhängig sei. Um 'so entschiedener wendet er sich gegen den jüdischen Kulturnationalismus - es ist fraglich, ob er an Achad Haärn oder an das Alljudentum denkt — und endet mit der Alternative: politischer Zionismus oder religiöses Judentum, ein drittes gibt es nicht. Wer den Zionismus rein wirtschaftlich begründen will, könnte sich damit zufrieden geben. Aber wenn wir uns in den letzten Jahren der nationalen Grundlage unserer Bewegung immer stärker bewußt geworden sind, so liegt uns die Verpflichtung ob, uns mit dem Verfasser über diese Grundlage auseinanderzusetzen: denn seine Ausführungen erheben sich weit über den Durchschnitt der uns bekämpfenden Literatur und versuchen, dem Problem der Juden als Nation sachlich und gründlich in wissenschaftlicher Form gerecht zu werden. Bevor ich aber auf seine einzelnen Ausführungen eingehe, scheint es mir nützlich, eine Frage vorwegzunehmen, die ihrer Bedeutung nach eine gesonderte Behandlung beansprucht. Guttmann betont, daß die wahren Grundlagen eines Gemeinschaftsbewußtseins nur in s a c h 1 i c h e n Lebensinhalten zu suchen seien. Einen solchen sachlichen Lebensinhalt des Judentums erblickt er allein in der Religion. Der Religion ist er bereit, einen geradezu magischen Zauber zuzusprechen, noch heute sei sie, und sie allein, imstande, auch das Gefühl derer an das Judentum zu binden, denen persönlich die Religion nichts bedeute. Mir scheint, wer eine so gewagte, überraschende Behauptung aufstellt, der muß sie irgendwie aus der Gegenwart psychologisch zu begründen versuchen. Es fehlt aber auch der leiseste Hinweis, was Guttmann eigentlich unter jüdischer Religion versteht. Deswegen sei zunächst der Versuch gemacht, die beiden religiösen Bekenntnisse des deutschen Judentums, das liberale wie das orthodoxe, auf ihren gemeinschattsbildeiulen Charakter hin zu untersuchen und ihnen das nationale Bekenntnis gegenüberzustellen. I. Dem religiösen Liberalismus gerecht zu werden, ist darum nicht ganz leicht, weil auch die ganz indifferenten Kreise des deutschen Judentums sich dem Namen nach zu ihm bekennen und er noch nie den ernsthaften Versuch gemacht hat, sie abzuschütteln; dennoch muß es versucht werden. Man macht jhm den Vorwurf, er sei gänzlich an dem modernen Protestantismus orientiert: mit Unrecht, wie mir scheint. Der Vorwurf richtet sich wohl im wesentlichen gegen die moderne Bibelkritik, deren Ergebnisse freilich im großen und ganzen von dem jüdischen Liberalismus akzeptiert worden sind. Aber, um nur e i n Beispiel anzutühren. es ist ja bekannt, daß diejenige Behauptung der Bibelforschung, die der jüdischen Tradition am stärksten widerstreitet, die Lehre von der nachmosaischen Herkunft des Pentateuchs in seiner jetzigen Gestalt, gar nicht erst auf den Protestantismus zu warten brauchte: sie stammt von Ibn Esra und Spinoza. Ueberliaupt ist es bedenklich, den unlogischen Begriff einer „protestantischen Wissenschaft** zu verwenden, schließlich entscheidet doch das Bewußtsein der einzelnen Forscher nach dein wahren oder vermeintlichen Wahrheitsgehalt, und wenn die Ergebnisse protestantischer Forscher der Kritik bedürfen, so bedürfen sie ihrer nicht vom Standpunkt des Judentums, sondern von dem der Wissenschaft aus. Die Forderung einer voraussetzungslosen, auch von jüdischen Voraussetzungen unabhängigen, Forschung wirkt jedenfalls, so wenig sie in Wahrheit durchführbar ist, reinigend auf das wissenschaftliche Gewissen und könnte ein Gemeinschaftsbewußtsein jüdischer Forschung erzeugen oder verstärken. Dasselbe gilt von der Hauptrichtung des jüdischen Liberalismus, der ja heute weniger von geschichtlich-bibelkritischen als von ethisch - philosophischen Fragen ausgeht. Daß er, genau wie der Protestantismus, sich an den großen Denkern orientiert, ist an sich natürlich, beide verarbeiten eben europäische Werte, und man kann nicht einmal behaupten, daß die liberalen Rabbiner darauf verzichten, innerhalb Europas an einer selbständigen, jüdischen, geistigen Welt teilzunehmen. Aber der Inhalt ihrer Lehre kann nicht eigentlich die jüdische Gemeinschaft stärken. Das Wesentliche ihres Judentums besteht in der Besinnung auf die Propheten. Aber wenn man denn eine Kontinuität der jüdisch-religiösen Entwicklung behauptet: niemals standen die Propheten im Mittelpunkt der jüdischen Religion des Mittelalters, weder bei den Religionsphilosophen noch bei den Moralisten, von der gesetzlichen Literatur ganz zu schweigen, haben sie eine zentrale Stellung. Das zu sagen gilt heute freilich als ketzerisch; denn der Geist Nietzsches und die protestantische Theologie haben die Propheten — modern gemacht. Die Form ihres Willens wirkt persönlichkeitsgestahend, das ist ihr unersetzbarer Wert für unsere Gemeinschaft; aber der Inhalt ihrer Lehre, die, bei aller Anerkennung des einmal vorhandenen Volksganzcn, ganz aufs Ethisch-Menschliche gerichtet ist, kann nicht gemeinschaftsbildend wirken. Der Liberalismus vollends baut sich auch aus ihnen nur eine geistige Welt, die sich bewußt von der jüdischen Leiblichkeit zu emanzipieren sucht, den Juden höchstens als Träger eines bestimmten geistigen Wertes, einer reinen Ethik, gelten läßt. Der Liberalismus ist wirklichkeitsfremd geworden. Als Treitschke die Behauptung wagte, daß bei der Judenemanzipation Rothschildseh...“ Einflüsse mitspielten, konnte sich Ludwig Philippsori über den Materialismus nicht genügend entrüsten, der es wagte, den Fortschritt der Idee, den Triumph der reinen Gerechtigkeit, mit so äußerlichen Gewalten verbinden zu wollen, er empfand diese realpolitische Behauptung nicht nur als sachlich falsch, sondern als eine Beleidigung des Judentums. Und noch immer lebt der Liberalismus von einem Kampf gegen die Realität, gegen die Form, von einem überschwänglichen Glauben an die siegende Kraft der reinen sittlichen Idee. Dieser Glaube natürlich soll nicht im geringsten angefochten werden: es siegt stets die Idee, ja, was in der Welt siegreich ist, kann immer nur die Idee sein. Aber zwischen der siegenden Idee und denen, die sie zum Siege führt, muß eine lebendige Einheit bestehen. Der ethische Liberalismus wendet sich an die Menschheit, sie sucht er auszudrücken. nur in ihr kann er und soll er siegen: uns beschäftigt aber gerade hier die Frage, wie weit er die Gemeinschaft des Judentums stärkt. Der Liberalismus verkennt die Art der Beziehungen, dazwischen dem reinen Gedanken und der Erscheinung bestehen. Erst vor kurzem hat Mathias Acher darauf aufmerksam gemacht. daß die Religion nicht die Mutter, - ich füge hinzu, auch nicht die Tochter — der Ethik ist, sie sei vielmehr eine ihrer Erscheinungsformen. (Ich darf vielleicht auch auf meinen Aufsatz im Jahrbuch des Prager Barkochba „Vom Judentum-* hinweisen.) Das Wesentliche verdeutlicht ein Blick auf die moderne Entwicklung der deutschen Jugendbewegung: sie entstand, im „Wandervogel*-, durchaus als Erscheinung, als Aufruhr irgend einer Jugend, die im Wandertrieb sich auszutoben suchte, und jetzt erst wird allmählich klar, daß eine Idee in ihr siegreich zum Ausdruck gekommen ist. Ein Gegenbeispiel, den Tendenzen des Liberalismus verwandt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.