Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- Unsere Stellung zum Jiddischen
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 178 (sequence 2)
- Language
- German
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178 Nr. 8 Werte einzuführen. Wir sind glücklich, wenn unsere Jugend zu 100 Büchern, die sie liest, auch ein jüdisches in die Hand bekommt, wenn sich in unsere Häuser neben dem deutschen Tag- und Abendblatt einmal in der Woche ein jüdisches Blatt von wenig Seiten Umfang verirrt; und wenn von hundert Zionisten einer hebräisch erlernt, müssen wir glücklich sein, von Nichtzionisten gar nicht zu sprechen. So sieht unser „nationales beben" aus. — Wir wissen, daß all das, was wir tun, Stückwerk von Stückwerk ist, daß das Leben überall gegen uns ist, und was wir ihm entgegensetzen, einem Nichts gleich zu achten ist, aber wir müssen doch all dieses tun. „Einer Stunde Leben ist auch ein Leben" sagt das Sprichwort und wenn es uns gelingt, die Existenz des Volkssplitters, dem wir angehören, noch einige Generationen lang zu fristen, damit er helfen könne, an unserem Palästinawerke zu bauen und vielleicht eben hierdurch sich so lange zu halten, bis Palästina stark genug sein wird, auch ihm ein neues, ganzes Leben einzuflößen, so haben wir genug getan. Wie anders, wie fröhlicher und zukunftssicherer ist die Arbeit unserer östlichen Genossen. Sie haben ein jüdisches Volk vor sich, das sie nicht erst jüdisch zu machen brauchen. Sie haben es nicht notwendig, ihr Judentum zu unterstreichen, damit es sich nur aus den übrigen Lebenszusammenhängen heraushebe; sie brauchen nicht erst künstlich zwischen dem Judentum und dem Leben Zusammenhänge herzustellen. Der Ostjude braucht nur zu leben und er lebt jüdisch. Diese Selbstverständlichkeit des Jüdischseins verdankt er vor allem der jiddischen Sprache. In den letzten fünfzig Jahren haben sich im Leben der östlichen Juden ungeheure Umwälzungen vollzogen;*) die alten Bande sind gesprengt, eine völlige soziale Umschichtung hat sich vollzogen, der Batlon, der Luftmensch schwindet mehr und mehr aus dem Ansiedlungsrayon und macht dem Arbeiter Platz, große Massen haben die alte Heimat verlassen und haben eine neue aufgesucht, die religiösen Bindungen sind stark gelockert, neue politische und soziale Ideale haben die Massen ergriffen, und doch ist das Judesein dieser Masse so selbstverständlich und so wahr wie früher. Wem dankt sie es in erster Reihe? Ihrer jiddischen Sprache! Ihr danken w i r es, daß wir mit dieser Masse für unser Zukunftswerk rechnen können. So lange unsere Massen jiddisch sprechen, braucht uns vor allen diesen Umwälzungen nicht zu bangen; wir können vertrauen, daß der Genius unseres Volkes es von seinem historischen Wege nicht auf die Dauer abirren lassen wird. Nun ist freilich die Zukunft des Jiddischen leider lange nicht so gesichert, wie man uns glauben machen will. Wer z. B. Galizien in den letzten Jahren einigemal bereist hat, wird sich überzeugt haben, wie der Polonisierungsprozeß fortschreitet. Dr. Zipper berichtet: „In dem Mittelstand (!) wird noch ein bischen jüdisch gesprochen, aber kaum kommt man auf die Gasse, spricht man deutsch oder polnisch. Noch ärger ist es unter der Intelligenz; von Kindheit an lernt man in der fremden Schule polnisch, man gewöhnt sich daran, polnisch zu denken und zu sprechen, es wächst ein Geschlecht heran, das mit dem Volke und der Jüdischkeit kaum noch Berührungspunkte hat. Auch die zionistische Intelligenz ist nicht frei von diesen Fehlern. Auf unseren Parteisitzungen referiert und diskutiert man über jüdische Angelegenheiten polnisch oder deutsch, und spricht einer jüdisch oder hebräisch, so betrachtet man *) Ich benutze die Gelegenheit, um auf J. Leszczynskys bedeutsame Artikelfolge „Fragen des jüdischen ökonomischen Lebens“ in der „Jüdischen Welt“ (2. Halbband 1913) hinzuweisen. Ein deutscher Auszug erscheint in der Prager „Selbstdies als notwendiges Uebel." Freilich — nicht alle Zionisten konstatieren die Gefährdung des Jiddischen durch die großen Kultursprachen mit jenem Bedauern, wie Dr. Zipper. Viel zu viele von uns sind geneigt, solche Tatsachen mit einem zufriedenen Lächeln darüber aufzunehmen, daß wir mit unserer Galuththeorie Recht behalten haben. Aber daß sich nur unsere Prognose nicht auch für uns zu schnell erfülle! Daß nicht das ganze jüdische Volk mit dem Jiddischen zugleich in den Abgrund gezogen werde, ehe unsere Kräfte stark genug sind, es emporzuziehen. Manche von uns sagen freilich, der Weg zum Zionismus führe nur über die Assimilation und fürchten darum die Verdrängung unserer Volkssprache nicht. Allein von all den Viertelwahrheiten, von denen unser öffentliches Leben erfüllt ist, ist diese eine der gefährlichsten. Was ist wahres daran, daß der Weg zum Zionismus über die Assimilation führt? Daß unser moderner Nationalismus ein Produkt des 19. Jahrhunderts ist, und daß wir — wenigstens viele von uns — ohne den Weg über Kant, Fichte, Ibsen, Nietzsche auch die Forderungen nicht verstanden hätten, die den Sinn des Judentums und daher letztlich den Sinn aller jüdischen Bewegung ausmachen. Kurz, ohne den Weg durch die europäische Kultur hätten wir die Synthese zwischen Judentum und Menschtum nicht vollziehen können, die uns der Zionismus bedeutet. Aber wird man zu dieser Synthese immer nur durch die Assimilation kommen? Weil auf dem Wege zwischen Ghettojudentum und Zionismus die moderne Kultur liegt, deren Aneignung für viele (nicht für alle) eine zeitweise Assimilation bedingte, führt deswegen der Weg zum Zionismus nur durch die Assimilation? Man macht sich das Ungeheuerliche solcher Anschauungen nicht genug klar. Denn sie würden bedeuten, daß wir aus uns heraus niemals — wenigstens meint man außerhalb Palästinas niemals — imstande sein werden, eine Synthese von Judentum und Menschtum zu erreichen. Tatsächlich ist die hebräisch-jiddische Kultur heute schon auf dem besten Wege zu einer solchen Synthese. Das Gefährliche solcher Anschauungen besteht in der Uebertragung eines Schemas, das für Ein- - zelne gelten mag, auf ein Volk. Der einzelne mag sich eine Zeitlang der Assimilation hingegeben haben und zurückkehren, ein Volk, das einmal sich oder auch nur ein so wesentliches Stück seiner selbst wie die Sprache aufgegeben hat, kann sich nicht mehr wiederfinden. Denn nur weil das Volk da war, fand sich der einzelne zu ihm zurück. Unser Volk ist da, weil es seine Volkssprache, die jiddische, hat. Es wäre töricht, hier Palästina und Hebräisch gegen Galuth und Jiddisch auszuspielen. Palästina kann noch für lange ohne das Galuth eben so wenig sein, als das Galuth auf die Dauer ohne Palästina. Darüber kann doch unter uns heute kein Zweifel sein, daß das Werk des Zionismus ein Werk von Generationen ist. (Man lese Ruppins noch immer aktuellen Artikel über Gegenwartsarbeit in dem Sammelbuch „Stimme der Wahrheit", der auch sonst für unsere ganze Frage bedeutungsvoll ist.) Wenn es uns in diesem Jahrhundert gelingen soll, einen ansehnlichen Bruchteil unseres Volkes in Palästina anzusiedeln, so brauchen wir dazu die ganze Kraft unseres ganzen Volkes. Ohne ein starkes Galuth gibt es kein jüdisches Palästina. Das müssen wir uns doch einfür allemal klar machen und müssen darum alles daransetzen, den Lebenswillen des Volkes auch im Galuth zu stärken; und wenn sich dieser Lebenswille, was ja ganz natürlich ist, auch darin äußert, daß er Kulturwerke in der Sprache des Volkes hervorbringt, daß er für den Schutz und die Entwicklung dieser Werke Schulen in dieser Sprache verlangt, so dürfen wir am allerwenigsten Halt! rufen. Gewiß