Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-02-20 · 8 (20.2.1914) · p. 177

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
8 (20.2.1914)
Article
Unsere Stellung zum Jiddischen
Date
1914-02-20
Page
177 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316633-3352156--59258-3352238
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 8 BERLIN, 20. Februar 1914 un*?:6 n^onn 'X “t"3 /p^-|2 XVIII. JAHRG. UNSERE STELLUNG ZUM JIDDISCHEN Von Dr. Hugo Bergmann, Prag In den letzten Tagen sind in zwei bedeutsamen Versammlungen der östlichen Juden Beschlüsse gefaßt worden, die gewichtig genug sind, um die Judenheit der ganzen Welt anzugehen. — Die Landeskonferenz der Zionisten Galiziens hat beschlossen, hebräisch-polnische Kindergärten in ganz Galizien zu gründen, welche die Grundlage für hebräischpolnische Volksschulen abgeben sollen. Und ungefähr gleichzeitig hat der große, nun ein halbes Jahrhundert bestehende Schulverein der russischen Juden, die „Chewrath mefize haskalah" eine Resolution angenommen, in welcher namens der russischen Juden von der Regierung die Errichtung von Schulen verlangt wird, deren Unterrichtssprache das Jiddische sein soll. Diese beiden Beschlüsse sind symptomatisch dafür, daß zur selben Zeit, wo unsere Palästinenser für ihre Schulen mit der ganzen Aufopferung eintreten, mit der man für ein nationales Heiligtum streitet, auch die nationalen Juden des Galuth einzusehen beginnen, daß der Weg zu einem nationalen Leben nur durch die eigene Schule geht. Zugleich aber zeigen jene beiden Beschlüsse einen prinzipiellen Gegensatz, der uns einen Blick tun läßt in die ganze Komplikation der Schulfrage im Galuth. Während die galizischen Zionisten hebräisch-polnische Schulen errichten wollen, verlangt der russisch-jüdische Schulverein die jiddische Unterrichtssprache. Während die ersten, wenn ich ihre Beschlüsse recht deute, daß Jiddische aus der Schule völlig ausschließen möchten, stellt es letzterer an die Spitze seiner Forderungen. — Es gibt unter uns Zionisten viele, welche die Einführung der jiddischen Unterrichtssprache als ein Unglück und als - eine Niederlage des zionistisch verstandenen nationalen Gedankens betrachten. Die Kombination hebräisch-polnisch der galizischen Zionisten klingt nur allzu deutlich an das gegen das Jiddische gerichtete unglückselige Schlagwort an, das eine Zeitlang die russischen Zionisten beherrscht hat: Entweder hebräisch oder russisch! Diese Abneigung gegen das Jiddische ist nicht ganz unverständlich. Vielen mag es als der typische Repräsentant des Galuth erscheinen und sie bekämpfen Letzteres im Ersteren; vielfach aber ist der Anti-Jiddischismus eine Reaktion auf die maßlosen Uebertreibungen der Jiddischisten, die das jiddische Judentum mit dem Judentum schlechthin identifizieren, die unsere Vergangenheit negieren und, als wären wir das jüngste Volk der Weltgeschichte, uns mit unserer Kulturarbeit von vorn beginnen lassen möchten.*) Auch daran können wir nicht vorübergehen, daß die Argumente der antihebräischen Jiddischisten geradezu die der Assimilanten sind. Wenn gesagt wird, wir könnten unsere Muttersprache nicht gegen die fremde hebräische vertauschen, der Zionismus vergesse, daß unser Heute eine Konsequenz unseres Gestern und nicht einer längst verschollenen Vergangenheit ist, er unterschätze die Geologie unseres Geistes, indem er das Galuth überspringen wolle (Schipper in der Jubiläumsnummer des „Jüd. Arb.") — so sind das fast dieselben Argumente, die wir aus dem Munde der Assimilanten zu hören gewohnt sind und ihre Logik führt für alle nicht jiddisch Sprechenden zur Assimilation. Aber wenn wir auch die Stellungnahme vieler Zionisten in dieser Frage zum Teil begreifen mögen, so ist die Bedeutung des Jiddischen für den Zionismus eine viel zu große, als. daß wir hier nach Sympathien und Antipathien entscheiden oder uns gar durch Uebertreibungen der Gegner zu einer falschen Stellungnahme drängen lassen dürften. — Diese Bedeutung des Jiddischen würde unseren östlichen Genossen eher zum Bewußtsein kommen, wenn sie einmal die unsäglich mühevolle und wenig dankbare Judaisierungsarbeit der westlichen Zionisten aus der Nähe betrachten könnten. Diese ist im wesentlichen eine Arbeit der Infiltration. Wir bemühen uns — so gut und so schlecht es geht — in das Leben der Juden jüdische *) Charakteristisch in dieser Beziehung ist die in der jüngsten Konferenz der russisch-jüdischen Bildungsgesellschaft vorgenommene Abstimmung über die Frage, ob in den von der Bildungsgesellschaft zu errichtenden jiddischen Volksschulen die Bibel überhaupt gelehrt werden soll! Von den zwanzig jiddischistischen Mitgliedern stimmten acht für die Aufnahme der Bibel in den Lehrplan, unter der Voraussetzung, daß die Bibel nicht im „Urtext", sondern in einer jiddischen Nachdichtung vorgetragen wird; andere acht Jiddischisten wollten nicht einmal von einem jiddischen Bibelunterricht etwas wissen und die restlichen vier Jiddischisten enthielten sich der Abstimmung!! Im übrigen beschloß die Konferenz mit 20 gegen 19 Stimmen, daß das Jiddische auch in den für die kaukasischen Juden (deren Umgangssprache ein tatarisch - jüdischer Dialekt ist) bestimmten Schulen als ausschließliche Unterrichtssprache eingeführt werden soll. — Die Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.