Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 8 (20.2.1914)
- Article
- Unsere Stellung zum Jiddischen
- Date
- 1914-02-20
- Page
- 179 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 179 &IE2qKELT würden wir es lieber sehen» wenn diese Werke in unserer Nationalsprache geschaffen würden» aber wenn dies nicht der Fall sein kann» dann dürfen wir nicht dem Schema das Leben opfern. Die Erfahrung hätte uns da schon manche Lehre geben können. Man kann seit Jahren beobachten, welche Folgen die antijiddische Parole zeitigt. Man ist in zionistischen Kreisen theoretisch für das Hebräische und spricht faktisch — polnisch und russisch. Und der Verlust an nationalen Werten, der dadurch entsteht, daß ein jiddisch erzogener Intelligenzler unter dem Einfluß jener Parole zum Polnischen übergeht, kann durch eine noch so gut gemeinte und tüchtige nationale Arbeit des Betreffenden kaum wettgemacht werden. Man kann sich heute nicht mehr darauf berufen, es sei einem Intellektuellen nicht möglich, jiddisch zu sprechen, denn die Sprache sei hierfür nicht genug ausgebildet; wäre dies aber doch wahr, dann gehörte es zu u n s e r n vornehmsten Pflichten, das Jiddische in dieser Richtung auszubauen; statt dessen finden es manche von uns für gut, solche Bestrebungen, wie sie sich in dem kürzlich erschienenen Jahrbuch „der Pinkes" manifestiert haben, vornehm zu belächeln. Wir Zionisten können dem Jiddischen gegenüber nur eine Parole haben: Es muß überall erhalten und gekräftigt werden, und nur für das Hebräische kann und darf es aufgegeben werden. Wir müssen unter unsern Genossen die Ueberzeugung erwecken, daß die Aufgabe des Jiddischen zugunsten einer nichtjüdischen Sprache ein Akt des nationalen Verrates ist. Ob Jabotinskys Plan, in Rußland hebräische Schulen zu errichten und so ein hebräisches Geschlecht heranzuziehen, Aussicht auf Erfolg hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Das aber scheint mir sicher, daß die neuerdings aufgekommene Parole hebräisch-polnisch oder hebräisch-russisch das allergefährlichste ist, was man für ein Schulprogramm ersinnen konnte. Denn — darüber dürfen doch gerade wir Zionisten uns am allerwenigsten täuschen — im Galuth ist alles Leben gegen ein gesprochenes Hebräisch. Selbst die Konferenz der Histadruth konnte für Europa nur an Gruppen von Hebräischsprechenden, nicht an das Hebräische als Volkssprache denken. Wenn nun aber das Kind durch die jüdische Schule der natürlichen Volkssprache, dem Jiddisch, entzogen wird und man ihm dafür eine Verbindung des Hebräischen mit der Landessprache gibt, dann wird dieses Hebräisch die Konkurrenz der Landessprache nicht ertragen und unsere jüdischen Schulen werden uns ein nichtjüdisches Geschlecht erzogen haben. Wir werden Zirkel von Hebräischsprechenden haben, und hinter ihnen wird kein Volk stehen. Wenn Zionisten mit dem Plan hebräischer Schulgründungen Versuche machen wollen, dann muß es dort geschehen, wo das Volk nicht jiddisch spricht, wo wir also nichts zu verlieren haben. Wo aber das Jiddische Volkssprache ist, da ist auch die jiddische Unterrichtssprache das natürliche und es wird an uns liegen, darüber zu wachen, daß den hebräischen Unterrichtsgegenständen die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wird. (Leider ist mir über den Umfang des hebräischen Unterrichts in den von den amerikanischen Poale Zion gegründeten jiddischen Hilfs-Schulen, die nach einer Mitteilung des „Jüdischen Arbeiters“ jetzt 1300 Kinder erziehen, nichts bekannt.) Man könnte sich denken, daß unter dem Einfluß Palästinas das Jiddische — natürlich nur partiell — hebraisiert wird, daß vor allem die Aufnahme neuer Termini für das geistige Leben aus dem Hebräischen erfolgen könnte. Heute freilich wird das Jiddische mehr und mehr e n t hebraisiert, germanisiert. Berdyczewski, gewiß ein Berufener, hat kürzlich in den „Nethiboth“ hierüber sehr bittere Bemerkungen gemacht. „Man macht — schreibt er — die Muttersprache geradezu zu einem Deutsch und nimmt ihr den letzten Rest jüdischer Seelenhaftigkeit.“ Es zeigt sich aber hier sprachlich ein Problem, das für die Zukunft des Jiddischen von entscheidender Bedeutung ist. Nur als jüdische Kultur kann die jiddische ihre Einheitlichkeit bewahren. Heute lebt sie ganz und gar von der jüdischen Vergangenheit; und die vielgerühmte Einheit der amerikanischen und russischen Kultur des Jiddisch ist auch nur durch die gemeinsame Wurzelung im Ghetto erklärlich. Was wird geschehen, wenn dieses Band nicht mehr sein wird? Ich kann beim besten Willen nicht daran glauben, daß eine jiddische Kultur in Rußland und in Amerika, getrennt durch die Verschiedenheit so gut wie aller Interessen, auf die Dauer eine Einheit bilden können. Es ist mir deshalb sehr verständlich, wenn jetzt die weitsichtigen Jiddischisten ihre Hoffnungen auf eine neue religiöse Bewegung setzen, welche die Entfernten einander nahe bringen wird. Gewiß könnte sie das. Aber wird sie kommen? Auf Wunder können und sollen wir nicht bauen. Und so scheint mir, daß nur ein großes gemeinsames Volksideal, an dessen Verwirklichung alle Teile des Volkes durch Generationen mit gleicher Energie beteiligt sein können, eine einheitliche Entwicklung der jiddischen Kultur in allen Weltteilen verbürgen kann. So ist der Zionismus dem Jiddischen ebenso notwendig, wie das Jiddische dem Zionismus. Man möchte wünschen, daß endlich einmal diese Ansicht hüben und drüben sich durchsetzte und einem sinnlosen Kampfe ein Ende bereitet würde. Die neue Kuratoriumssitzung Am 22. d. M. findet die Sitzung statt, in der die Entscheidung über die nächste Zukunft des Technikums in Haifa fallen wird. Auf den Ausgang dieser Sitzung haben wir nach dem Austritt der zionistischen Mitglieder keinen Einfluß. Es läßt sich daher heute nicht mit Sicherheit voraussehen, wie der Beschluß des Kuratoriums ausfallen wird. Die russischen Kuratoren sind nach wie vor entschlossen, für die Hebraisierung des Technikums einzutreten. Die amerikanischen Kuratoren haben inzwischen in einer Sitzung, die am Sonntag, den 15. Februar, in New York stattfand, ihre endgültige Stellungnahme in folgender Form zum Ausdruck gebracht: „Die amerikanischen Mitglieder des Kuratoriums, die den Technikumstreit im Licht weiterer Verhandlung nochmals überdacht haben, wiederholen einstimmig ihre Empfehlung vom IS. Januar bezüglich der Sprache für Unterricht und offiziellen Verkehr im Institut und mit der Außenwelt, wie in Schiffs Kabel vom 22. Januar folgendermaßen näher erklärt ist: Hebräisch soll vorherrschen, doch das Kuratorium behält sieben Jahre lang freie Verfügung; danach müssen alle Fächer hebräisch sein, ausgenommen die, für welche Bücher und Lehrer noch nicht existieren. Die Amerikaner bedauern tief die Vorgänge in Palästina, sowie die kürzlich in Deutschland gegen die Zionisten veröffentlichten Proklamationen. Angesichts der hervorragenden Wichtigkeit nicht nur für unser Institut, sondern für das Judentum allenthalben, daß schleunigst Friede hergestellt wird, appellieren wir an Ginzberg, Levin und Tschlenow, an ihren Ergebenheitssinn für das jüdische Volk und die Sache, die uns allen teuer ist, sich mit ihren Freunden zu vereinigen und drei annehmbare Herren namhaft zu machen, welche die durch ihren Rücktritt entstandenen Vakanzen ausfüllen sollen, und das Kuratorium zu ersuchen, diese Kandidaten als Mitglieder zu wählen. Ebenso appellieren wir an