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Die Welt · 1914-02-13 · 7 (13.2.1914) · p. 170

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
7 (13.2.1914)
Article
Ein volkstümlicher Philosoph des Mittelalters
Date
1914-02-13
Page
170 (sequence 2)
Language
German
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170 Nr. 7 DIE3^ELT Makkabäer, haben nicht die Aufnahme in die heilig gehaltenen und wie ein Heiligtum bewahrten Schriften gefunden, schon weil sie nicht hebräisch waren. Nur durch Zufälligkeiten und nicht durch Anstrengung der Juden sind sie vor dem Untergang bewahrt worden. Aber noch späterhin haben die größten Werke des jüdischen Geistes sich nur dadurch als Eigentum des Volkes erhalten und vor dem Untergang retten können, daß eine hebräische Uebersetzung sie zum wahren Volkseigentume machte. Das gilt besonders von dem größten Geisteswerk des jüdischen Mittelalters, von dem Dalälat al-cha’irin, dem Führer der Verirrten des Maimonides. Und ganz ebenso ist es dem volkstümlichsten aller jüdischen Philosophen, dem tiefgründigen Behaj ergangen, dessen arabisches Original bis heute im Staube der Handschriftensammlungen schlummerte und dessen hebräische Uebersetzung wie ein Originalwerk sich die ganze jüdische Welt eroberte. Die Hidäja des Behaj wurde vergessen und die Hoböt hal-lebaböt des I b n T i b b 6 n , seines Uebersetzers, eroberten sich die jüdische Welt, weil sie in der allein nationalen Sprache des Volkes, im Hebräischen, geschrieben waren. So ist uns Behaj der Typus des Juden, und zwar der Typus des frommen Juden des Mittelalters geworden und geblieben. Aber er ist doch durchaus nicht ein Jude schlechthin gewesen. Denn seit die Juden im Galuth sind, gibt es „Juden schlechthin“ überhaupt nicht mehr. Sondern er ist der arabische Jude, der mit seiner ganzen Bildung ebenso in der arabischen Zeitkultur wie im überlieferten Judentum wurzelt. Er war so ein arabischer Jude seiner Zeit, wie ein Graetz und ein Cohen deutsche Juden, ein Smolenskin und ein Achad Ha-am doch russische Juden sind. Er wurzelte eben im Judentume, aber er hatte die ganze arabische Bildung im vollsten Maße in sich aufgenommen. Und diese Bildung war nicht gering. Lebte er doch in einer Zeit, in der gerade die arabische Philosophie eine besonders hohe Stufe erklommen hatte. Ja, sie war in der Gestalt, die sie durch die Ihwän as-safä erhalten hatte, tief in das gebildete Volk gedrungen und unter den Brüdern und Freunden dieses philosophischen Bundes vom lauteren Leben befanden sich im zehnten christlichen Jahrhundert in allen islamischen Ländern ebenso Prinzen und Staatsmänner, wie Gelehrte und Kaufleute, Geistliche und Schriftsteller, aber auch Beamte aller Art, Handwerker und Agenten. Das Bildungsniveau der muslimischen \Velt war sehr hoch, und unter den Juden, die mit zu den gebildetsten Kreisen dieser mohammedanischen Welt gehörten, war einer der erlauchtesten Geister eben unser Behaj Ibn Josef Ihn Paqüda. Aber diese Juden bildeten sich niemals ein, Araber zu sein. Sie waren und blieben Juden, deren geistige Heimat doch die hebräische heilige Literatur war. [>azu empfanden sie den Gegensatz zu der Lehre des Muhammed, die zwar der jüdischen ganz außerordentlich nahe steht, aber doch von ihr verschieden ist, und zwar durch die Willkürlichkeit der Ueberlieferung, die Muhammad begründet hatte. Er hatte seine Offenbarung von vornherein dadurch sichern wollen, daß er die kühne These aufstellte, die Juden seien zwar das Volk der Schrift, nämlich der durch Gottes Offenbarung gegebenen heiligen Schrift, aber sie hätten diese Thora, die durchaus heilig sei, entstellt und ihren Inhalt gefälscht. Und diese Vergewaltigung der historischen Ueberlieferung, die sich freilich anderswo noch viel ärgere Vergewaltigungen hat gefallen lassen müssen, ist dem Stifter des Islam geglückt. Aber sonst sind Lehre und sittliche Anschauung von Judentum und Islam einander viel näher als katholische Ueberlieferung und protestantischer Glaube. Beide sind streng monotheistisch. Wissen und Handeln (al-’im wal-’amal) sind hier wie dort die höchsten und zugleich die einfachsten Forderungen der Ethik. Wenn es schon an und für sich nach talmudischer Lehre nicht als Assimilation verwerflich ist, wenn man das Gute und Vollkommene von andern Völkern annimmt, wenn man nur nicht das eigene Wesen aufgibt, und statt sich die fremden Stoffe zu assimilieren, sich in ihnen verliert, so mußte diese Weisung doppelt gegenüber den stammverwandten Arabern und den religionsverwandten Muhammedanern gelten, die eine ganz ähnliche Entwicklung durchmachten wie schon vor ihnen das Judentum. Freilich nicht die Asketik der Süfis konnte die Nachkommen der alten Hebräer fesseln. Diese Süfis, die zwar nicht vom wollenen Mantel, sondern vom hebräischen Sofe ihren Namen hatten, standen unter arisch-indischem Einfluß, und diese buddhistische Askese konnte auch in ihrem muslimischen Gewände keine Einwirkung .auf die Juden ausüben. Gegenüber David Kaufmann, der eine Abhängigkeit von den lauteren Brüdern angenommen hatte, weist nunmehr der neueste Bearbeiter, der gelehrte Orientale Yahuda, der zugleich ein europäischer Gelehrter ist, in seiner großen Ausgabe von Behajs arabischem Werke nach*), daß Behaj vielmehr als ein Schüler des G a z z ä 1 i anzusprechen ist. Natürlich haben auch andere arabische Werke auf Behaj gewirkt und sind von ihm benutzt worden. Behaj hatte ursprünglich sein Werk nicht für die Veröffentlichung bestimmt, sondern nur für sich selbst geschrieben. Erst später hat sich der bescheidene Mann nach langem Zögern entschlossen, es zu veröffentlichen. Dann aber hat es eine so breite Oeffentlichkeit gefunden, daß sich allmählich viele Lesarten bildeten und auch der hebräische Text immer unsicherer wurde. Darum ist das Verdienst des erst jüngst nach Madrid als Professor der orientalischen Wissenschaften berufenen Yahuda so groß, daß er das schwierige Werk unternommen hat, eine wissenschaftlich einwandfreie Ausgabe des arabischen Originals unter genauer Nachprüfung der hebräischen Uebersetzung und ihrer Varianten zu veranstalten. Denn dieses Werk ist keine einfache Ausgabe einer immerhin schwierigen Handschrift, sondern erfordert nicht bloß die genaueste Kenntnis der arabischen und hebräischen Sprache und Literatur, sondern vor allem eine tiefgründige Durchforschung der weitschichtigen Literatur der Araber, die zum großen Teile erst aus Handschriften herausgesucht werden muß. Gar vieles hat Yahuda aus zugänglichen Drucken zitiert, was er ursprünglich in Handschriften gefunden hat, wo die eigentlichen Quellen waren. Dazu kommt, daß die Frage der Abhängigkeit von den Lauteren Brüdern oder von G a z z ä 1 i eine überaus komplizierte ist, deren Schwierigkeit man erst zu ermessen vermag, wenn man sich stets vergegenwärtigt, daß das Mittelalter den Begriff des geistigen Eigentums so wenig kannte, daß ein Kirchenschriftsteller, der nachher heilig gesprochen wurde, den andern ohne Quellenangabe ausschrieb, während er ihn gleichzeitig als Ketzer verdammte. Der Unterschied zwischen dem Ausschreiben und Abschreiben, der auch heute nicht immer ganz geklärt ist, fließt im Mittelalter ganz ineinander über. Plagiator und Schüler sind Begriffe, die völlig verschwimmen. Behaj war ein gläubiger Jude. Seine Tendenz war es, die Wahrheit und Richtigkeit der jüdischen Lehre zu erweisen. Er wollte zugleich den muslimischen Vorwurf zurückweisen, der das Judentum des heimlichen Polytheismus beschuldigte. Insofern ist er durchaus Apologet. Apologetik ist aber keine Wissenschaft. Sie gleicht darin der Medizin, die ja auch keine eigentliche Wissenschaft ist, sich aber durchaus wissenschaftlicher Mittel bedient, um ihre Kunst auszuüben. Behaj bediente sich dieser wissenschaftlichen Mittel, und er beherrschte sie im Sinne und im Rahmen seiner Zeit. Diese philosophische Bildung der Araber hat es vermocht, daß noch heute in arabischen Ländern das bloße Wort „failßüf“ einen besonderen Klang hat. Aber Behajs Philosophie ist von allen jenen mystischen Trübungen völlig frei, denen die arabischen Meister ausgesetzt sind. Er empfiehlt *) Al-Hidäja ’ila farä’id al-qulüb des Bach ja Ibn Josef Ibn Paqüda aus Andalusien im arabischen Urtext zum ersten Male nach der OxfOrder und Pariser Handschrift sowie den Petersburger Fragmenten hrsg. von Dr. A. S. Yahuda. Leiden: Brill 1912. XVII, 113, 407 §. 8°.

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