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Die Welt · 1914-02-13 · 7 (13.2.1914) · p. 169

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
7 (13.2.1914)
Article
Ein volkstümlicher Philosoph des Mittelalters
Date
1914-02-13
Page
169 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 7 :£>!E3&ELT: 169 FEUILLETON Ein volkstümlicher Philosoph des Mittelalters Von Heinrich Loewe Wenn wir so gemeinhin von dem Mittelalter sprechen, tauchen vor unserem geistigen Auge unwillkürlich mit hohen Zinnen umgebene Kleinstädte, Glaubenskämpfe und geharnischte Ritter auf, und der enge Geist des Abendlandes läßt uns vergessen, daß dem Mittelalter der einzigartige Kulturbau des alten Orients und die hohe Blüte des Altertums in den Ländern am Mittelmeer weit vorangingen. Alles ist eng, die Städte und die Burgen, die Klöster und die wenigen Schulen, vor allem eng das Herz, und am allerengsten der Geist. So das europäische Mittelalter, das jetzt noch weit in Europa, und sogar nicht bloß in den Europa genannten Osten hineinragt. Aber ganz andere Bilder umgeben uns, wenn wir Europa verlassen und in der Chalifen Länder gehen, deren bunte Pracht nicht bloß von einem immer blauen Himmel milde beschienen wird, sondern die in den Zeiten gerade des für uns finstersten Mittelalters eine wirtschaftliche Regsamkeit und eine geistige Blüte aufwiesen, die sie niemals wieder erreichen konnten. Die große Kultur, die durch die Revolution der Araber hervorgerufen war, und deren Träger dieser semitische Stamm ein halbes Jahrtausend lang blieb, hatte ihre schönsten Blüten gerade in derselben Zeit entfaltet, in der die christliche mittelalterliche Bildung am wildesten in Glaubensfanatismus entbrannt war, und daran ging, ihre Glaubensglut in jenen hundertjährigen Zügen zu entladen, und erst durch die Abwehrkämpfe gegen diese fanatischen Züge verlor der Orient seine .bis dahin fast unerschöpfliche Kraft. Zu diesen blühenden Ländern arabischer Kultur gehörte seit der Wende des siebenten Jahrhunderts jenes Land am Westrande europäischen Geistesgebiets, das zum mindesten seit den Tagen der makkabäischen und herodianischen Fürsten eine zahlreiche und immer zahlreichere jüdische Bevölkerung hatte, die nach den entsetzlichen Verfolgungen durch die katholischen Goten unter der kulturfreundlichen Regierung arabischer Herrscher sich so stark an der Kultur des Landes beteiligte, wie es seitdem kaum wieder in der allerjüngsten Zeit erreicht worden ist. Mit der Liebe der Stamm- und Sprachverwandten und zugleich mit der Dankbarkeit der aus grausamster Unterdrückung Befreiten nahmen diese Juden im arabischen Spanien an aller Kultur des Landes, an seiner Kunst und seinem Handel, an Ackerbau und Industrie, aber am allermeisten an seiner Dichtkunst und seiner Wissenschaft teil. Die Pflege der Philosophie, in der die arabische Wissenschaft gipfelte, fand in ihnen die gelehrigsten Schüler und die eifrigsten Förderer, und zum ersten Male seit der Zeit des großen Alexandriners Philo gab es wieder eine große philosophische Literatur der Juden, die zugleich den höchsten Anforderungen der zeitgenössischen Forschung genügte und dabei doch nur jüdisch und durchaus jüdisch sein wollte. Die großen Dichter des arabisch-spanischen Judentums sind zugleich Philosophen, deren Namen in der Geschichte der Philosophie fortleben. Und auch der größte jüdische Religionsphilosoph, der Rambam, verdankt dieser arabischen Periode jüdischer Geistesgeschichte seine Entstehung und seine Größe. Während aber Maimonides und Ihn Gabirol (Avicebron) ebenso wie sogar Jehuda Halevi als Philosophen stets nur einem kleinen Kreise von Gelehitdn und wissenschaftlichen Feinschmeckern ihre Weisheit boten, ist einer dieser aus arabischem Kultur-Mittelalter hervorgegangenen Philosophen so tief ins jüdische Volk gedrungen, daß er noch bis auf den heutigen Tag zu der geistigen Nahrung gehört, an der sich viele Tausende von Juden ebenso in Polen und Rußland wie im weiten Orient erbauen und erquicken. Dieser so bekannte Philosoph ist doch so unbekannt geworden, daß wir fast nichts über ihn wissen. Seine Lebenszeit ist strittig und muß erst durch die Kombination gelehrter Forschung erschlossen werden. Wenn David Kaufmann von dem Verfasser der „Herzenspflichten", von dem außer seinem Buche wenig mehr als der Name auf die Nachwelt gekommen ist, sagt: „Daß er Bachja ben Josef Ibn P a k u d a geheißen, ist fast das einzige, was wir mit Sicherheit über ihn wissen," so trifft auch das nur mit der Einschränkung zu, daß auch die Namensform, wenigstens was die Aussprache betrifft, bereits strittig ist. Denn während seit Salomo n Munk, der sich auf die Schreibung des Namens bei spanischen Autoren stützt, die Schreibung Bachja üblich geworden ist, und noch Kaufmann selbst hierfür das arabische Jahja als Analogie zur Bekräftigung von Munks Schreibung heranzieht, kommt der neueste Forscher über diesen großen Religionsphilosophen A. S. Y a h u d a*) zu dem Resultate, daß die Tradition der orientalischen Juden, die den Autor unterschiedslos von Marokko bis Jemen und dem Iräq B a h j e nennen, sehr viel Wahrscheinlichkeit hat. Die aschkenasischen Juden dagegen haben als Form seines Namens volkstümlich überall B e c h a j e überliefert, als ob dem Autor der „Herzenspflichten" der Name gegeben wäre, um ihn bei großer Gefahr vor dem Todesengel zu retten, wie solche Namensänderungen in schwerster Lebensgefahr noch heute nicht aufgehört haben. Aber mag dem sein, wie ihm wolle, der Andalusier Behaj Ibn Paquda, der später als Dajjän in Zaragossa seines Amtes waltete, ist über seinem Werke fast völlig in Vergessenheit geraten. Es ist das eine Eigenart des jüdischen Volkes, die sie mit den stammverwandten orientalischen Völkern gemein hat, über den Wert eines Werkes den Verfasser zu vergessen, oder ihn gar kurzweg statt mit seinem Namen nach seinem Werke zu bezeichnen: Der „Tür" sagt, der „Behebet Jehuda", der „Zemach Zedek" (R. Mendele von Lubawitsch) sagt, und tausend andere. So ist das Werk Chobot halle b a b 61 des Dajjän Behaj von Zaragossa an seine eigene Stelle getreten und hat den Weg durch die Jahrtausende angetreten. Aber dem Werke selbst ist es auch so ähnlich wie seinem Verfasser ergangen. Denn während das Original so unbekannt wurde, daß es seit vielen Jahrhunderten in wenigen Handschriften in Paris, Petersburg und vor allem in Oxford schlummerte, wurde die eine Uebersetzung des Jehuda 1 b ii T i b b 6 n so bekannt, daß darüber das Original völlig verschwand, wie das Werk selbst seinen Autor verdrängt hatte. Und auch hier liegt wiederum eine Eigentümlichkeit des jüdischen Volkes vor, das seine Lieblinge nicht in fremdem Gewände bei sich duldete, sondern den hebräischen Geist auf die Dauer nur in hebräischer Gewandung zu ertragen vermag. Denn die hebräische Sprache ist so sehr die Sprache des jüdischen Volkes auch dann geblieben, als sie längst im Munde der redenden Nation erloschen war, daß die jüdische Literatur doch eine hebräische Literatur geblieben ist. Schriften, die einen ganz ähnlichen Charakter wie die biblischen Geschichtsbücher tragen und die heilige Geschichte des Volkes und seine Kämpfe erzählten, wie die Bücher der *) A. S. Yahuda: Prolegomena zu einer erstmaligen Herausgabe des Kitäb al-hidäja Mia fara’id al-qulüb < nz*~ r.'az'rr;» von Bachja ibn Josef ibn Paqüda aus dem ’Andalus nebst einer größeren Textbeilage. Darmstadt, 19J4: Winter. VII, 43, 49 S. 8«. 23532301020102025302482323232323534848010002022323

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