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Die Welt · 1914-02-13 · 7 (13.2.1914) · p. 171

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
7 (13.2.1914)
Article
Ein volkstümlicher Philosoph des Mittelalters
Date
1914-02-13
Page
171 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 171 DIESaKELT zwar im Sinne GazzSIis strenge Askese. Aber das ist bei ihm nur Beiwerk. Wie bereits der Titel seines Buches andeutet, ist die Ausbildung des Herzens und die Lauterkeit der Seele das, was er erstrebt. Denn eine tiefe innerliche Frömmigkeit ist der Grundzug seines ganzen Wesens. All sein Wissen dient ihm nur als Bestätigung seines lauteren Sinnes, seiner tiefinnigen Frömmigkeit. „Jir’at e 16h im reschit hochmä“ gilt bei ihm mehr als bei irgendeinem Autor des Mittelalters. Die zehn Abschnitte seines Buches wollen das Wesen der jüdischen Lehre innerlich erfassen. Im ersten legt er die einzigartige Einheit Gottes dar; im zweiten das Erkennen Gottes in der Schöpfung, im dritten handelt er von der Unterwerfung unter den göttlichen Willen, dann vom Vertrauen, vom bloßen Tun um Gottes Willen, von der Demut, von der Buße, von der Selbstprüfung, von der Enthaltsamkeit, um im letzten Abschnitt wieder auf den Ausgangspunkt, auf die Liebe zu Gott als die Quelle und das Ziel aller Ethik zurückzukommen. Alle philosophische Lehre des Behaj wurzelt in seiner Begründung der jüdischen Lehre von der Einzigkeit und Einheit Gottes. Hier begegnet er sich auch am meisten mit den muslimischen Lehrern. Seine Lehre vom Tauhid ist ganz die arabische Lehre, und das J i h ü d mrp) der hebräischen Uebersetzung entspricht ganz und gar dem arabischen Tauhid. Denn hier decken sich Islam und Judentum. Y a h u d a hat aber nicht bloß der Wissenschaft als solcher, und besonders der arabisch-jüdischen Wissenschaft durch die Veröffentlichung des arabischen Originals des Behaj einen großen Dienst geleistet, er hat auch dazu beigetragen, daß hier ein Weg neu begangen werden kann, auf dem man im Mittelalter von Islam und Judentum zueinander gekommen ist. Gerade der allerbeste und lebensfähigste Teil der Araber des Orients hat die alte Tradition nicht verlassen, lebt noch heute in der Literatur und der Wissenschaft der klassischen Zeit der arabischen Größe des Mittelalters. Sie bekommen aber auch noch heute Werke in die Hand, die von der Voraussetzung des heimlichen Polytheismus und Anthropomorphismus der jüdischen Lehre ausgehen, und damit dem Judentum nach muslimischer Meinung die Stellung neben dem Christentum, nicht neben dem ihm viel näher verwandten Islam anweisen. Indem dieses große, echt jüdische und doch auch ganz arabische Werk des Behaj der heutigen islamischen Welt durch diese Ausgabe vorgelegt wird, ist sie in der Lage, ebenso wie im Mittelalter durch dieses Werk falsche Ansichten vom Judentum zu korrigieren und festzustellen, daß die Glaubensunterschiede zwischen Judentum und Islam nicht vorhanden sind, und daß aller Unterschied in der Ueberlief e r u n g liegt, die letzten Grunde» doch wieder gleichen Ursprungs ist. Das Verdienst des gelehrten Herausgebers wird dadurch noch größer. So tritt der populärste Philosoph des jüdischen Mittelalters durch diese Ausgabe seines arabischen Originalwerkes wieder in die moderne orientalische Welt ein, spricht vernehmlich zu seinen Stammesbrüdern und tritt für sie und ihre Lehre ein bei den arabischen Stammverwandten. So beginnt der fromme Philosoph mit einer Anleitung zu den Pflichten des Herzens ein neues Leben, ehe sein altes Leben im Gelehrtenstübchen des Nordens und des Ostens aufgehört hat. LITERARISCHE RUNDSCHAU mm»»»»» Worte Mosis. ln der Sammlung „Die Weisheit der Völker“ herausgegeben von Dr. Hugo Bergmann. J. C. C. Bruns' Verlag (Minden in Westf.). In dieser Sammlung erscheinen charakteristische Auswahlen aus den Werken hervorragender Geister aller Zeiten und Völker. Eine Auswahl von Worten Mosis scheint zunächst dem Vollständigkeitswunsch des Verlegers entsprungen zu sein. Denn welchen Sinn sollte es haben, aus Mosis Worten, das heißt aus dem Fünfbuch (oder Sechsbuch), eine Auswahl anzustellen, da doch der gesamte Text in aller Händen ist? Und da jetzt eine stärkere religiöse Bewegung durch die Welt geht, ist eine Anthologie aus der Bibel um so weniger nötig. Das hat der Herausgeber dieses Bändchens wohl gefühlt und hat etwas ganz anderes gegeben. Die „Worte Mosis“ selbst sind stark in die zweite Linie gedrängt; fast ein volles Drittel umfaßt die Einleitung, eine Darstellung von Mosis’ Leben und der Fünf Bücher. Diese Einleitung, und besonders ihr erster Teil, gibt dem Buche seinen Wert; und dieser Wert ist, um es gleich vorwegzunehmen, ein sehr großer. Hugo Bergmann, der den Lesern der „Welt“ ja wohlbekannt ist, gibt eine Biographie des größten der jüdischen Helden, eine Ideenbiographie, die aufzeigt, welche Gedanken in dieser wahrhaft mythischen, das heißt wahrhaft wirksamen Gestalt lebendig sind. Er stellt Moses als den Propheten dar, den Lehrer aller Propheten, und versteht es, in seiner Schilderung die Beziehung zur heutigen Gegenwart herauszuarbeiten. Er bezeichnet als die Grundeigenschaft des Propheten die Unbedingtheit: „Im Kampfe um Gott ist alles eher am Platze als Nachsicht, weichliche Milde, Kompromiß. Nur unbeugsame Starrheit, rücksichtsloser Kampf für die Idee, unbedingte Forderung ist da am Platz .... Wie oft haben die weichen Kompromißler aller Zeiten sich über den ,eifernden Gott4 des alten Bundes aufgeregt; der Judengott4 als ,Gott der Rache4 ist zur ständigen Redensart geworden. Ich wage die Behauptung, daß die Vorstellung Gottes als des eifernden, des .verzehrenden Feuers4 zu den erhabensten und sittlich größten der Menschheit gehört. Im Kampfe um den Geist ist jede Nachgiebigkeit unsittlich, jeder Kompromiß ein Verrat. Die sittliche Entscheidung darf keinen Opportunismus kennen, wenn sie wahrhaft moralisch sein soll. Hier gibt es nur ein Entweder — Oder. Dieses ,Durch4, nicht ,Drum herum4, dem in unserer Zeit Ibsen durch seinen Peer Gynt und dessen Verführer, den ,Großen Krummen4, einen so gewaltigen Ausdruck verliehen hat, diese unnachgiebige Strenge ist der Sinn der sittlichen Forderung des jüdischen Prophetismus: ,Mitten durch! Ob auch der Weg noch so schwer4!44 „Diese Forderung hat Mosis zuerst ausgesprochen: ,Du sollst lieben den Ewigseiend er,, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen.4 ,G a n z und ungeteilt sollst du sein mit deinem Gotte.4 Die israelitischen Propheten haben diese Unbeugsamkeit immer von neuem im Kampfe gegen sich und ihr Volk zu bewähren gehabt. Es sei nur an jenes Gottesurteil auf dem Berge Karmel erinnert, da Eiiah, der Prophet, dem Volke und den falschen Sehern gegenüberstehend, die ewig denkwürdigen und für den israelitischen Prophetismus ewig charakteristischen Worte spricht: .Wie lange hinket ihr noch auf beide Seiten? Ist Jahve Gott, so wandelt mit ihm, ist es aber Baal, so wandelt i h m nach.4 Lieber will der Prophet sein Volk als Baalsdiener sehen, lieber mögen sie Sünder sein, aber dann ganze Sünder, wenigstens als Sünder ganze Menschen, denn daß sie wie ein Rohr im Winde schwanken. Aber, so fährt jene Schriftstelle in glänzender Charakteristik der Masse fort, ,das Volk antwortete äim gar nichts . . ‘ Sie wollen sich nicht entscheiden.“ Bergmann zieht aber seine „Nutzanwendung44 auf die Gegenwart noch viel direkter. „In der weichlichen und verschwommenen Zeit, in der wir leben und als deren Signatur man vielleicht das ,Sich - n i c h t-entscheiden-wollen4 wird bezeichnen können, ist es allerdings sehr wenig beliebt, wenn derartige Forderungen des Entweder — Oder aufgestellt werden und am wenigsten, wenn sie von der Religion ausgehen. Man hat sich einen Begriff von Liebe ausgeheckt und ihm mit

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