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Die Welt · 1914-02-06 · 6 (6.2.1914) · p. 142

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
6 (6.2.1914)
Article
Die Landarbeiterfrage Palästinas
Date
1914-02-06
Page
142 (sequence 3)
Language
German
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142 Nr. 6 die3|kelt haupt!) zu erhalten, es erst recht ein ganz aussichtsloses Bemühen sei, einen ganzen Stand jüdischer Landarbeiter unter den ungünstigsten Verhältnissen neu ins Leben zu rufen. ln Summa: Wirkt die allgemeine Tendenz der Landflucht ländlicher Lohnarbeiter unfehlbar dahin, daß sich die Zahl der bereits in unseren Kolonien lebenden jüdischen Landarbeiter fortwährend verringert, so. läßt diese elementare Tendenz, zu der sich in Palästina noch der Faktor einer vernichtenden Konkurrenz seitens einer Bevölkerung niedriger Kultur gesellt, alle a uf die Schaf fungeines lebe ns- und leistungsfähigen jüdischen Landarbeiterstandes gerichteten Bestrebungen als völlig aussichtslos erscheinen. So sicher es aber ist, daß auf diesem Wege die Bevölkerung unserer Kolonien eine bedeutende Verstärkung nicht erfahren wird. — ebenso klar und unabweisbar ist die Notwendigkeit, der mächtig anschwellenden Flut arabischer Lohnarbeiter in unseren Kolonien einen Damm entgegenzusetzen. Die Mehrzahl unserer Kolonisten zieht es vor, die Arbeit auf ihren Gütern von Lohnarbeitern besorgen zu lassen, und zwar nicht nur in den Pflanzungs-Großbetrieben, sondern auch in den feldwirtschaftliclien Kleinbetrieben, wo Selbstarbeit des Besitzers als eine absolute wirtschaftliche Notwendigkeit erkannt ist *). Ist aber der immer mehr hervortretende Gegensatz zwischen Land besitz und Land a r b e i t schon an sich wirtschaftlich verhängnisvoll, so ist er bei den gegebenen Verhältnissen in Palästina um so gefahrvoller, als dieser Gegensatz geschaffen wird nicht zwischen jüdischem Besitz und jüdischer Arbeit, sondern zwischen jüdischem Land besitz und arabischer Landarbeit. Zu dem rein wirtschaftlichen Antagonismus gesellt sich also der viel schärfere nationale Widerstreit der Interessen und Lebensformen. Läßt sich die oft schon störend genug hervortretende Kluft zwischen den Sonderinteressen innerhalb der jüdischen Bevölkerung der Kolonien durch das gemeinsame nationale Moment überbrücken, so erfährt der wirtschaftliche Interessengegensatz zwischen jüdischem Kapital lind arabischer Arbeit durch die viel mächtiger wirkende nationale Divergenz eine bedrohliche Verschärfung. Daß die in den arabischen Massen schlummernden wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte in nicht ferner Zukunft zur Entfaltung gelangen werden, und daß cs gerade das relativ hochstehende syrische Arabertum sein wird, dem in diesem großen Ringen die Führerrolle zufallen wird, — daran ist nicht zu zweifeln. Kann man sich schon jetzt die Existenz unserer Kolonien ohne die Massen arbeitender Araber kaum vorstellen, — so ist der Tag nicht mehr fern, da der wachsende Einfluß der unsere Kolonien bevölkernden arabischen Elemente auch auf kulturellem Gebiete in die Erscheinung treten muß. Man halte diese Befürchtungen nicht für Zukunftssorgen. Schon jetzt sind die Folgen dieser unnatürlichen Paarung zwischen jüdischem Kapital und nicht jüdischer Arbeit die, daß das arabische Element in manchen Kolonien das jüdische zahlenmäßig übersteigt, daß also durch unsere Siedlungen mehr Araber als Juden leben. Diese Tatsache dürfte schon jedem flüchtig zuschauenden Touristen aufgefallen sein. Die wirtschaftlichen Folgen dieses Mißverhältnisses sind vorläufig nur negativer Natur: tausende Existenzmöglichkeiten, die dem schwerringendem jüdischen Element entzogen sind und den Arabern zugute kommen. Viel schwerwiegender aber sind die diesen Verhältnissen entspringenden kulturellen Schäden. Die Ueberhandnahme des arabischen Elements in den Kolonien schafft fortwährend die *) Auch diese unerfreuliche Erscheinung ist in erster Reihe aut die außerordentliche Billigkeit der arabischen Arbeit zurückzuführen. Wenn der jüdische Kolonist selber die Arbeit auf seinem Gute besorgt, dann kommt er sich vor, als arbeite er selbst gegen einen Tageslohn von 60 Pfennig, da er sich durch eine solche „Ausgabe“ die Arbeit immerhin ersparen kann. Notwendigkeit einer weitgehenden Anpassung des jüdischen Besitzerelements an Sprache und Sitte der scheinbar untergebenen, in Wirklichkeit aber wirtschaftlich ausschlaggebenden und dominierenden Massen arbeitender und produzierender Araber. Im Laufe weniger Jahre haben sie alle in unseren Kolonien, Jung und Alt, Mann und Weib, arabisch sprechen gelernt, während sie hebräisch, das sie alle verstehen, nicht sprechen, mit Ausnahme vielleicht der Kinder (die aber auch arabisch sprechen!), des Häufleins jüdischer Arbeiter, deren hebräisch von Arabismen geradezu wimmelt, — und der jungen Damen .... Welche Pflichten und Richtlinien ergaben sich nun aus diesen Zuständen unseren nationalen Institutionen, die nach vielen Irrungen und Wirrungen endlich der einzig zweckmäßigen und fruchtbaren „praktischen“ Kolonisationstätigkeit in Palästina sich zuwandten? — Dm den geschilderten Schäden und Gefahren abzuhelfen, gab es nur einen Weg: günstige Bedingungen für jüdische Arbeit zu schaffen. Das ist leicht gesagt, aber schwer, sehr schwer getan. Wie sollte dieses geschehen? Wie sollte der jüdische Arbeiter dem arabischen gegenüber konkurrenzfähig gemacht werden? Durch Schaffung von nationalen Musterfarmen, wo ä tout prix — im einfachen Sinne des Wortes — nur jüdische Arbeit verwendet wird, ist diesem Zwecke sehr wenig gedient, denn außerhalb dieser Farmen findet der jüdische Arbeiter nach wie vor keine Beschäftigung, weil sich der Kleinbesitzer und Bauer mit Recht sagt, daß das „jüdische Volk“ sich teuere Arbeit wohl leisten kann, e r aber nicht. — Nun, es fanden sich Leute, die skrupellos genug waren, zu fordern, unsere Finanzinstitute sollten ihre Autorität und ihre Macht dazu benutzen, einen Druck zugunsten der jüdischen Arbeit auf die Arbeitgeber auszuüben. Es sei zum Lobe der erwähnten Institute gesagt, daß sie dieses ganz ungeheuerliche Ansinnen entschieden zurückwiesen. Ein solcher Schritt wäre just darnach angetan, den glücklich überwundenen Geist der Bevormundung und der Philanthropie wieder heraufzubeschwören. Durch das Hineintragen unwirtschaftlicher Elemente in den ökonomischen Organismus unserer Kolonien hätte man wieder einen Zustand geschaffen, wie er in jener „guten alten Zeit“ der „baronischen“ Administration bestand. Die Herren — sie sind in den Kreisen der schreibenden Intellektuellen der jüdischen Arbeiterorganisationen in Palästina zahlreich vertreten — sollten endlich cinsehen. daß es geradezu unsinnig wäre, von einem kleinen, auf seine Wirtschaft allein angewiesenen Grundbesitzer und Bauer zu verlangen, er solle aus idealen Gründen dem weniger geübten und bedeutend teureren Arbeiter den Vorzug geben vor dem fähigeren und billigeren. Nein, ein wirtschaftlicher Kampf muß nun einmal auch auf wirtschaftlichem Boden ausgekochten werden. Auf dem wirtschaftlichen Boden besteht aber für den jüdischen Arbeiter gar keine Aussicht auf Sieg. Wie oben auseinandergesetzt, ist der arabische Arbeiter für keine Konkurrenz angreifbar. Auf welchem Wege sollen nun günstige Bedingungen für jüdische Arbeit geschaffen werden? Stehen wir vielleicht vor einer unlösbaren Aufgabe? Müssen wir endgültig auf jüdische Arbeit verzichten und uns mit der Tatsache abfinden, daß jüdisches Geld und arabische Arbeit Erez Israel der Kultur und dem jüdischen Volke zu rückgewinnen werden? — Aus der richtigen Erkenntnis der gegebenen Verhältnisse und der unumgänglichen Notwendigkeiten erwuchs in den leitenden Kreisen die Deherzeugung, daß hier neue Wege gesucht und gefunden werden müssen. Man fand sie auch bald. Ein neuer Kurs in der palästinensischen Kolonisationstätigkeit wurde dadurch angebahnt, daß man endgültig aut die Schaffung einer jüdischen Lohnsklaverei verzichtete und alle Kraft und alles Streben darauf richtete, einen Stand grundbesitzender jüdischer Landarbeiter ins Leben zu rufen. Durch eine glückliche Synthese zwischen Landarbeit und Landbesitz soll der neue Typus eines nach Selbständigkeit strebenden und zur Selbständigkeit prädestinierten Landarbeiters geschaffen werden, dem die Lohnarbeit

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