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Die Welt · 1914-02-06 · 6 (6.2.1914) · p. 141

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
6 (6.2.1914)
Article
Die Landarbeiterfrage Palästinas
Date
1914-02-06
Page
141 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 6 DIE3&ELT 141 im Spiel, von denen eine allgemeiner Natur ist. während die andere auf spezielle Zustände hinweist. Es sind einerseits in unserer kolonialen Landwirtschaft die elementar-wirtschaftlichen Voraussetzungen für das Aufkommen und die gesicherte Fortentwickelung eines jüdischen Landarbeiterstandes tatsächlich nicht vorhanden. Der Bedarf an Arbeitskräften ist von vornherein durch die zahlreiche arabische Bevölkerung in einer Weise gedeckt, die für unsere nationalen Zwecke nicht gerade wünschenswert, vom rein wirtschaftlich-unternehmerischen Standpunkte aber als ideal zu bezeichnen ist. Auf der niedrigsten Stufe menschlichen Bedürfnisses sich wohlfühlend, ist der arabische Landarbeiter jeder denkbaren Konkurrenz überlegen, mit Ausnahme vielleicht der seines chinesischen Kollegen. Daß der jüdisch-europäische Arbeiter, der Mann mit dem Plus an Kultur und dem Minus an Muskeln, jemals imstande sein würde, dem eingeborenen Araber auf rein ökonomischem Boden den Rang abzulaufen oder sich ihm auch nur ebenbürtig an die Seite zu stellen, — das ist ganz ausgeschlossen. Infolge dauernder Gewöhnung und wohl auch durchschnittlich stärkerer Körper-Konstitution 3) ist der arabische Arbeiter in der eigentlichen Landarbeit, ganz besonders aber in der überaus schweren Spatenarbeit, bei weitem leistungsfähiger als der ungeübte, schwerer Arbeit ungewohnte jüdische; ein Vorzug, der schon allein dem Araber die Beherrschung des Arbeitsmarktes sichert. Wozu sich aber ein zweiter, nicht minder entscheidender Faktor gesellt: daß der Araber, infolge einer für den Europäer kaum faßbaren Bedürfnislosigkeit, imstande ist, für einen weit niedrigeren Lohn zu arbeiten, als der Arbeitslohn, der für den jüdischen Arbeiter das Existenzminimum bedeutet1). So stehen in unseren Kolonien den 5—600 bei der mehr qualifizierten Arbeit beschäftigten Juden — etwa 6—7000 die eigentliche Feld- und Spatenarbeit verrichtende Araber gegenüber, wozu noch die ganz bedeutende Zahl der in der Land- und Hauswirtschaft der Kolonisten beschäftigten arabischen Frauen und Kinder hinzuzurechnen ist. Und dieses arabische Element in unseren Kolonien ist in fortwährender Zunahme begriffen; es gewinnt mit jedem neuen jüdischen Unternehmen dermaßen an Zahl und Macht, daß jede neugegründete jüdische Existenz vier arabische Existenzen zur Folge hat. — Wenn ich nun dieser speziellen, in besonderen Verhältnissen begründeten Ursache noch eine andere allgemeiner Natur hinzufügen will, so fühle ich mich fast in der Situation jenes bekannten Festungskommandanten, der auf die Frage seines Königs, warum er die ihm anvertraute Festung kampflos dem Feinde übergab, meinte: Erstens war kein Pulver da, zweitens .... nun folgten diesem höchst zureichendem Grunde eine ganze Reihe anderer Erklärungen. In der Tat, aus der Tatsache einer unbesiegbaren Konkurrenz seitens der eingeborenen arabischen Bevölkerung ergibt sich von s) Eben wegen dieser Vorzüge des Arabers besteht eine sehr geringe Aussicht, daß derselbe jemals oder sagen wir in naher Zukunft durch den ihm sonst an Bedürfnislosigkeit wohl gleichkommenden Jemeniten verdrängt und ersetzt werden könnte. Das wird übrigens neuerdings auch von objektiven palästinensischen Sachkundigen zugegeben. ln Pethach-Tikwah, das selbst wohl die Hälfte der gesamten arabischen Arbeit konsumiert, ist es bis heute dem Jemeniten wie dem jüdisch-europäischen Arbeiter tatsächlich nicht gelungen, in der eigentlichen durchweg in arabischen Händen liegenden Feldarbeit Fuß zu fassen. 4) Es wären noch viele andere Gründe sowohl wirtschaftlicher wie moralischer Natur für die Bevorzugung der arabischen Arbeit zu nennen, so u. a. die bei der Ernte usw. sehr wichtigen Hilfskräfte, die der arabische Arbeiter wohl stellen kann, der jüdische aber nicht; ferner die Unterwürfigkeit und Gefügigkeit des ersteren gegenüber der Hyperempfindlichkeit des letzteren. — Es ist übrigens merkwürdig genug, daß der jüdische Arbeiter, sobald er zu kleinbäuerlicher Selbständigkeit gelangt und selber fremde Arbeit benötigt, gewöhnlich dem Araber vor seinem Kollegen von gestern den Vorzug gibt! In der Landarbeitersiedlung B i r - Jaqob soll diese Praxis sehr üblich sein. selbst die absolute Unmöglichkeit für das europäische, allzueuropäische jüdische Arbeiterelement, unter solchen Umständen sich auf die Dauer zu behaupten. Wenn ich trotzdem noch eine andere, mehr allgemeine Tendenz in den Kreis dieser Betrachtungen ziehen will, so geschieht es nicht nur deshalb, weil diese Tendenz nun einmal vorhanden ist, und darum Erwähnung verdient, sondern weil durch die Erörterung gerade dieses allgemeingültigen Faktors eine wichtige Begleiterscheinung der palästinensischen Landarbeiter-Kalamität ins richtige Licht gerückt und auf ihre wirkliche Triebfeder zurückgeführt werden soll. Es ist dies die allgemeine Erscheinung der Landflucht der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter. Wir leben in einer Zeit, in der der landwirtschaftliche Lohnarbeiterstand in den alten europäischen Kulturländern, wo er seit Jahrhunderten eng mit der Scholle verwachsen ist, unfehlbar seiner Auflösung entgegengeht. Und dieser, in Form einer massenhaften Landflucht in die Erscheinung tretende Auflösungsprozeß ist nicht etwa auf sekundäre, außerhalb der landwirtschaftlichen Lebensverhältnisse liegenden Faktoren, wie etwa die Anziehungskraft der Großstädte und die höheren Industrielöhne, zurückzuführen, sondern ist, wie vornehmlich Vandervelde bewiesen hat-'), in der Natur der ländlichen Sozial- und Wirtschaftsverhältnisse begründet. Es ist nachgewiesen, daß Lohnverhältnisse hier nicht entscheidend sind Es ist vielmehr das in allen Ländern höherer Kultur hervortretende Bestreben der besitzlosen Lohnarbeiter, sich von der Lohnsklaverei, in der Landwirtschaft doppelt so drückend und entwürdigend wie in der Industrie, endgültig zu emanzipieren. Der Landarbeiterstand, infolge wirtschaftlicher und kultureller Inferiorität, auf der gesellschaftlichen Stufenleiter am niedrigsten stehend, kann sich auf einer höheren Stufe allgemeiner Kulturentwicklung nicht mehr behaupten. Die Folge dieses durch den allgemeinen Kulturfortschritt hervorgerufenen Aufstieges des niedrigsten Standes ist in Deutschland, vorzüglich in Ostelbien, bekanntlich dies, daß die einheimischen Lohnarbeiter mehr und mehr durch ausländische, aus Gebieten niedrigerer Kultur stammende ersetzt werden. Diese allgemeine Erscheinung der Landflucht ist nun auch in Palästina — im jüdischen, kulturell hochstehenden Palästina - seit Jahr und Tag zu beobachten, worauf auch hauptsächlich die erwähnte stete Abnahme der bereits in den Kolonien lebenden jüdischen Lohnarbeiter zurückzuführen ist. Daß aber auch hier diese Erscheinung nicht lediglich auf ungünstige Lohn Verhältnisse usw. zu rück zu führen ist, wird von Kennern der Verhältnisse bezeugt und wurde u. a. auch in einer im Jahre 1910 gefaßten Resolution der palästinensischen Arbeiterorganisation „Hapoel-Hazair“ hervorgehoben "). Ebenso klar und einleuchtend ist es, daß die elementaren, im Wesen der Lohnarbeit überhaupt begründeten Ursachen der Landflucht in unserer palästinensisch-jüdischen Kolonisation in viel stärkerem Maße wirken, als in den europäischen Ländern. Handelt es sich doch hier nicht um ein autochthones, mit der Scholle verwachsenes Landarbeiterelement, sondern um „Landarbeiter“, die es erst gestern — und zwar aus vornehmlich idealen Motiven — geworden sind. Allein die hochgehenden Wogen idealer Begeisterung zerschellen bald an den rauhen Klippen der Wirklichkeit, und der ungewohnte Pflug wird mit dem gewohnten Wanderstab vertauscht. — Es sollte nun jedem einsichtigen, mit der Macht der Tatsachen rechnenden Beurteiler von vornherein klar sein, daß, wenn es unmöglich ist, auch die wenigen, bereits in den Kolonien lebenden jüdischen Lohnarbeiter der Landwirtschaft (und damit dem Lande über- ■’) Emile Vandervelde, L’Exode rural et!c retour aux champs. Paris, Felix Alcan. 6) Vgl. Bonn, Der Rückgang der englischen Landbevölkerung (in: „Nation“, 1901, S. 101). Weitere Belege finden sich in meiner hebräisch geschriebenen Abhandlung über die ländliche Masse ('122 *12“) im „Haschiloah“, Bd. XXVII, 55, 412, 513. ' 7) "l’ysr; TyriS“,, vom 11. November 1910. Der Wortlaut ist in meiner erwähnten Arbeit wiedergegeben.

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