Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Article
- Gegenwartsaufgaben der jüdischen Frau
- Date
- 1914-01-30
- Page
- 121 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 LT- 121 müssen, oder sonstwie ,,erzogen“ werden sollen, wo würdige alte Damen jüdische Gartenlaubenkultur in die jungen Herzen pflanzen wollen! Diese Art Abendklubs sind bei Juden und Nichtjuden in der ganzen Welt mit vollem Recht verödet, und bankerott, ehe sie begonnen. Vor allem darf kein belehrender Ton herrschen, sondern ein fröhlicher, kameradschaftlicher. Nur Mädchen und junge Frauen sollen diese Klubs leiten. In einem jüdischen Lokal, z. B. einem Kinderhort, der Abends doch leer ist, soll es Tee und belegte Brote geben und alle müssen mithalten dabei. Gute, spannende Romane mit jüdischem Einschlag sollen vorgelesen werden. Ein sehr geeignetes Buch ist z. B. Daniel Deronda von der berühmten englischen Schriftstellerin Elliot, die Christin war, und wundervoll das Aufwachsen jüdischen Nationalgefühls in einem bildschönen englisch erzogenen Lord beschreibt. Lesen Sie aus dem Buch der Makkabäer die Heldengeschichten und in Deutschland fragen Sie, ob man weiß, daß große deutsche Dichter die Gestalten unserer Geschichtsbücher in ihren Dramen verwandt haben. Lassen Sie Grillparzers Estherfrägment, Otto Ludwigs Makkabäer, Hebbels Judith vorlesen! Lesen Sie die guten Liebersetzungen der Erzählungen ostjüdischen Lebens von Perez, die meisterhaften Novellen Zangwills, die eben erschienenen Memoiren der Glückei von Hameln. jedes Land verfügt über eine große Auswahl geeigneter Literatur. Regen Sie an, daß einmal wöchentlich jemand da ist, der vorzüglich Flicken lehren kann, so ganz spielend nebenher; jeden Abend muß eine der Frauen der gebildeten reichen Kreise, der aber jener den Arbeitenden so verhaßte Zug des herablassenden Patronisierens fehlt, zur Verfügung sein, etwa 7 oder 14 junge Frauen in wechselndem Turnus. Hier ist ein Feld, wo Sie nicht umsonst Samenkörner ausstreuen, hier können Sie jüdische Kenntnisse und jüdisches Wissen verbreiten, hier können Sie, ungeachtet welcher Richtung die Mitwirkenden sind, auch von Ihrer Palästinafreude erzählen, vor allem Palästinakunde verbreiten. Da sind z. B. die jüngst in der ..Welt“ erschienenen fünf wundervollen Aufsätze über Palästina von Franz Oppenheimer. Da sind die Zeitschriften „Altneuland“ und ..Palästina“, die viel brauchbares Material enthalten, gute Reisebeschreibungen; Lektüre genug, wenn das Interesse einmal wach ist. Meine zionistischen Freunde mögen mir glauben: Die Reichen, wie die Armen, die eine Frau sozial arbeiten sehen und dadurch Vertrauen zu ihr gewinnen, achten auf die sich in ihrer Tätigkeit unwillkürlich offenbarenden nationalen Gefühle viel mehr wie auf den schneidigsten, radikalsten Agitationsredner eines einzigen Abends. Eine Menge von Einzelaufgaben für willige soziale Arbeiterinnen zeigte ich Ihnen. Für alle aber ist die Beziehung zu einem großen Ganzen zu gewinnen. Die oft beobachtete Mangelhaftigkeit der jüdischen Frau hat immer darin ihren Grund, daß sie mehr aus Zufall geleitet wird. Ich möchte nicht gerade die Männer als Beispiel uns Frauen gegenüberstellen; aber das muß ich doch sagen: die meisten jüdischen Männer, die sich mit jüdischen Dingen beschäftigen, haben doch einen gewissen Lieberblick über die großen jüdischen Fragen der Gegenwart. Er ist oft ein recht oberflächlicher, gewiß; die meisten jüdischen Frauen haben aber gar keinen Lieberblick, geschweige denn einen Standpunkt. Und doch bin ich sicher, daß sie, wenn sie nur etwas die großen Zusammenhänge jüdischer Fragen verstehen wollten, sie tiefer und feiner empfinden würden, als viele Männer. Wir Frauen sollen jüdische nationale Arbeit nicht nur deshalb leisten, weil es bei uns zu Hause arme Juden gibt, sondern „ weil wir ein Teil sind des jüdischen Volksorganismus und jeder sein Teil an seiner Ausgestaltung beizutragen hat. Ueberall ist in der Welt aber alle jüdische soziale Arbeit bedingt von den eigenartigen ökonomischen Verhältnissen, unter denen wir Juden leben. Eine natürliche gegliederte ökonomische Entwicklung für Juden verheißt nur ein Land: Palästina. Dort arbeitet seit 6 Jahren der „Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina“. Dieser Frauenverband kann die Zentrale für alle jüdische Frauenarbeit in mehrfacher Beziehung werden. In allen andern Ländern müssen wir mit vieler Mühe Frauenberufe erst erkämpfen und ängstlich suchen, ob auch Jüdinnen zu diesen und jenen Berufsarten zugelassen werden; Palästina dagegen ist darin wirklich das gelobte Land, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und so ist unser Verband in der Lage, ganz einzigartige jüdische Erwerbsmöglichkeiten zu schaffen und ganz einzigartige Erziehungsarbeiten zu leisten. Der Verband gibt allen Jüdinnen der Welt Gelegenheit, bei diesem wichtigen sozialen Werk mitzuhelfen, und darum darf der Verband nicht als ein ausschließlich zionistischer Verband angesehen werden, sondern als ein allgemeiner Verein, dessen Aufgabe so groß, so umfassend, so allgemein weiblich ist, daß jede Uneinigkeit vor der großen gemeinsamen Aufgabe verstummen muß. Ich hoffe, daß den meisten Anwesender der Verband und seine Geschichte bekannt ist. Dennoch dürfte es in dieser Versammlung wichtig sein, noch kurz zusammenzufassen, was der Verband leistet und warum er so überaus bedeutungsvoll Ist. Sechs Jahre ist unser Verband erst alt, er ist also ein noch junger Arbeiter, aber mit viel gutem Willen, jugendlichem Eifer, großen Zielen und — kleinen Mitteln. Der Verband macht es sich zur ersten Pflicht, die weibliche Bevölkerung vor allen Dingen zur Arbeit zu erziehen. Er konnte dafür nicht etwa die Masse der Verelendeten mit einem Schlag gebrauchen, er mußte mit unendlicher Mühe und Sorgfalt die Arbeitgeneigtesten unter den Armen gewinnen und griff geschickt eine im Lande ruhende uralte Kunst und Industrie auf und gründete die erste Spitzenstube. Welcher Opfermut, welche Ausdauer dazu gehörte, diese Spitzenstuben einzurichten und in ihnen zu arbeiten, davon macht man sich wohl kaum einen rechten Begriff. Frau Dr. Thon in Jaffa, die nimmermüde, begabte, besorgte Leiterin und Gründerin der Spitzenschule, hat dem Verband geholfen, ein Kunstwerk zu schaffen, das es wahrhaft verdient, erhalten, gestützt und ausgebaut zu werden. Unsere Spitzenschulen erfüllen zunächst das wichtige soziale Gesetz: statt Wohltätigkeit — Arbeitsgelegenheit und Erwerbsmöglichkeit. Aber mehr als das, mit dieser Industrie, deren Produkte künstlerisch so schön sind, daß sie uns auf dem Weltmarkt nur Ehre bringen, ist auch ein erster Fingerzeig gegeben, wie die städtische weibliche Bevölkerung zur Hausindustrie zu erziehen ist. Also zu einer Arbeit, die, wenn sie einmal allgemein geregelt und organisiert ist, alle Frauen und Mädchen neben ihrer Hausarbeit weiter ausüben könnten, und die unbedingt zur Heimarbeit werden muß. Doch mit der ökonomischen Bedeutung der Spitzenschule geht eine erziehliche Hand in Hand. In den Spitzenateliers werden die jungen Mädchen zuerst zu dem Begriff europäischer Sauberkeit erzogen, die in Palästina wichtiger ist als irgendwo anders, denn nur alltägliche Hygiene schützt vor der gefürchteten ägyptischen Augenkrankheit. Deshalb wird in der Spitzenstube in Jaffa, Tiberias, Jerusalem auf die Körper- und Geistespflege in gleicher Weise geachtet. Turnen und hebräischer Unterricht sind eingeführt. Das ist unser erster kleiner, aber schöner Anfang sozialer Fürsorgetätigkeit für die städtische Bevölkerung. Für die ländliche haben wir auch schon einen recht bedeutsamen Schritt vorwärts gemacht: Der Verband besitzt eine richtige Mädchenfarm, wo gegenwärtig 15 Mädchen ausgebildet werden. Da heute in der ganzen Welt eine Sehnsucht zu spüren ist nach gesunder, natürlicher Arbeit auf dem Lande und für das Land, wird man sich für unsere Mädchenfarm doppelt interessieren. Denn Juden und Landarbeit, gar jüdische Frauen und Landarbeit schien bisher der Welt eine contradictio in adjecto zu sein. Leiterin der Farm ist Fräulein Dr. Meisel, eine Russin aus Bialystock, die ihren philosophischen Doktor machte und dann nach Palästina ging. Sie fuhr, als sie die Verhältnisse dort kennen gelernt, wieder nach Europa zurück und brachte als praktische und weitsichtige Idealistin U? Jahre in einer schweizerischen Gartenbauschule zu. Zurückgekehrt nach Palästina fand sie dort erst keine Beschäftigung und war dann in Sedschera mit andern Mädchen als ganz gewöhnliche Feldarbeiterin, also Tagelöhnerin tätig. Frl. Meisel arbeitete dann bei einem Kolonisten in Haifa beim Obst- und Gemüsebau, der von den Frauen bisher stark vernachlässigt wurde. Man mußte allgemein die Gemüse arabischen und deutschen Kolonisten teuer abkaufen, weil die jüdischen Kolonistenfrauen keine Ahnung vom Gemüsebau hatten. Eines Tages wurde es dem Verband durch private Geldmittel möglich, Fräulein Meisel zu veranlassen, mit 6 Mädchen auf einer Lehrfarm zu beginnen und zwar in Kinereth am Tiberiassee auf der