Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Article
- Gegenwartsaufgaben der jüdischen Frau
- Date
- 1914-01-30
- Page
- 122 (sequence 4)
- Language
- German
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122 Nr 5 DIEffiELT Farm der Palestine Land Developement Company. Die Mädchen wurden auf dem Felde und in der Baumschule beim Obst-, Gemüsebau und Geflügelhof und in der Arbeit der Küche beschäftigt, ln der freien Zeit nähten sie eifrig, besonders im Winter, wo sie Arbeiterblusen und Wäsche auf Vorrat verfertigten. Die Mädchen wurden von der Farm Kinereth für ihre Arbeit bezahlt und mußten natürlich schaffen, was für die Farm gerade notwendig war. In diesem Jahre wurde unsere Mädchenfarm selbständig und kam dadurch zur wirklichen Lehrfarm mit systematischer Ausbildung. 70 Dunam Land, etwa 7 ha, werden ganz selbständig unter Fräulein Meiseis Leitung von den Mädchen rationell bewirtschaftet, Geflügelzucht, Kochen, Einmachen natürlich mit inbegriffen. Für 15 Mädchen ist die Farm eingerichtet. Leider ist es vorderhand nicht möglich, mehr Schülerinnen aufzunehmen. Wenn unser Verband so groß und kräftig sein wird, daß er sich besser rühren und regen kann, so wird er vor allem hier weiter anknüpfen. Schon sehen in Palästina selbst junge Mädchen ein, wie wichtig es ist, daß die Palästinenserin mit Gartenbau und Geflügelzucht vertraut wird. In unserer Farm melden sich Mädchen, die sogar ihre Ausbildung selbst bezahlen wollen, und für die Ferien wollen Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen Kurse im Gartenbau haben. Das bezeugt am besten den moralischen Erfolg unserer Gründung im Lande selbst. Die Wichtigkeit landwirtschaftlicher Ausbildung der Frauen kann nicht leidenschaftlich genug verlangt werden und nicht schnell genug in die Tat umgesetzt werden. Ich hoffe, daß es bald in Palästina so weit ist, daß die Kinder der Kolonisten, daß Volksschullehrer- und Lehrerinnen der heran wachsenden weiblichen Jugend die Bedeutung des landwirtschaftlichen Arbeiten«; der Frau klar machen, sie ihnen lieb und erstrebenswert machen. Die Liebe zum Heimatboden wird ein weiterer Faktor sein, die weibliche Jugend zu landwirtschaftlicher Betätigung anzuspornen. Bauernwirtschaft, ohne tätige Mitwirkung der Frau, ist undenkbar, Landarbeiter, Bauern und Winzer sind die Stützen alles gesunden Aufbaues in Palästina. Sie müssen tüchtige Landarbeiterinnen, Bäuerinnen und Winzerinnen heiraten können, die Haus- und Gartenwirtschaft gründlich verstehen. Was nützen uns in Palästina Frauen, die zwei bis drei Sprachen fließend sprechen und nicht ordentlich kochen, nähen und den Garten bebauen können! Denken Sie nur nicht, ich stellte mir vor, daß die geistigen Bedürfnisse eines Volkes wie des unsrigen zurückzuschrauben wären oder daß es gar wünschenswert wäre, die geistigen Kräfte brach , liegen zu lassen. O nein. Ich will nicht etwa eine verstiegene Rückkehr zur Natur predigen und, wie einige Männer, die Frauen in die Rolle einer tüchtigen Kuh oder Stallhäsin zurückdrängen. Aber ich erinnere nur an das Beispiel großer Frauen in der ganzen Welt, die immer das Notwendige tun zu ihrer Zeit und ich brauche auch nur an Fräulein Dr. Meise! zu erinnern, der Leiterin unserer Farm, die gewiß den Wert der Bildung nicht unterschätzt, die aber nach einem Studium so selbstverständlich einen für sie sehr schwierigen und fremden Beruf wählte, weil es für das Land und die Jugend notwendig war! Wir wollen unsere Mädchen gut, wissenschaftlich und voller Interesse erziehen; ein Mensch, der den Tag meist still und in freier Luft arbeitet, genießt beim Ausruhen ein Buch, ein Lied, ein Spiel ganz anders und tiefer als ein Mensch, dem den ganzen Tag Bücher die Lebensnahrung bilden. Einsehen und wissen muß man — und das gilt nicht nur für Palästina — daß es tausend mal schöner und gesünder ist, Hühner zu füttern, Tomaten zu pflanzen, Mimosen zu begießen, als von 8—12 und 2—6 an der Schreibmaschine zu sitzen oder in den Schaltern der Eisenbahnbillettausgabe oder am Telephontisch Dienst zu tun. Die Frau ist immer und überall eine von zwei Möglichkeiten. Entweder sie ist die Vorwärtsdrängende, schneller Fassende, des Mannes Mahnerin, die Vorwärtsstürmende. Dann ist sie die Kulturbringende, unter deren Schritten, am besten ganz lautlosen Schritten, alles aufblüht, wächst und sich harmonisch in den Kreislauf des Werdens einordnet. Oder sie ist das retardierende Element, der Hemmschuh verständiger Männer, die geliebte Bequemlichkeit fauler Männer. Dann ist sie konservativ, unbelehrbar und kulturhemmendes Element. Hier müßte kulturförderndes Verständnis die Wichtigkeit landwirtschaftlicher Erziehung für das ganze Land und das Kolonisationswerk sofort einsehen. Den Frauen soll ja nichts genommen werden, nein, Unendliches gegeben werden. Jene Frau in Palästina, die täglich sieht und spürt, wie ihr Garten blüht, wie ihr Gemüse sogar zum Verkauf reicht, wie Mensch und Tier, Feld und Garten unter ihrer Pflege und Sorgfalt emporwachsen, geradezu in die Freiheit und in die Sonne hinein, die muß doch eine ganz andere Befriedigung in sich fühlen wie z. B. die europäische Chemikerin oder Philologin, die die tausendste Doktorarbeit über irgend ein berühmtes „Pünktchen des i" macht, eine Arbeit, die jeder Mann auch leisten kann. Die Chemie, die Medizin, die Philologie merkt’s nicht, wenn sie verschwindet; aber kein Bauer, kein Kolonist, der eine tüchtige Frau hat, kann sie je mehr entbehren. Nicht eindringlich genug kann ich daher sagen: Gehen Sie alle hinaus in die Welt und werben Sie der guten Sache warme und begeisterte und geldspendende Freunde. Wir stehen so ganz im Anfang, wir haben in Palästina Ungeheures zu leisten, noch gibt es in Palästina kein -geschultes Hauspersonal. Die Bettlerpsychologie von Gerterationen, die ihren Kindern erlaubte, Almosen zu nehmen, die sie lieber verhungern ließ, statt sie dienende Arbeit verrichten zu lassen, erzieht heute auch ihre Kinder mit Mißachtung gegen dienende Arbeit. Welch ein Erziehungsfeld! Wir wollen die Masse der armen Mädchen zum .Erwerbenwollen erziehen. Dann schwebt uns, an die Farm angegliedert, eine Hochschule der Hauswirtschaft vor, Kindergärten auf dem Lande, dann Dienstbotenschulen, angegliedert an die Volksschule. Alles Aufgaben, die, wie die Heimarbeit und Hausindustrie für Frauen, spezielle Aufgaben unseres Verbandes sind. Wir, die wir in Deutschland, Oesterreich, Rußland, England, Frankreich, Amerika leben^ können nur durch den Beitritt in den Verband unsere Anerkennung und Hilfsbereitschaft dokumentieren. Einige unter uns werden ja nach Möglichkeit mehr für den Verband tun und hoffentlich geht aus unseren Reihen jene Frau hervor, die die erste Haushalt- und Dienstbotenschule in Palästina gründet und leitet. Aber ohne Geldmittel geht das nicht, denn selbst das wenige Geld, das unser Verband besitzt, konnte er nicht rein für die soziale Fürsorge für Frauenarbeit verwenden. Er subventioniert ein Hospital und hat für andere notwendige und quälende Anforderungen Geld hergeben müssen. Begreifen Sie darum, wie unendlich wichtiger es ist, dem Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina anzugehören als irgendeinem Frauenbildungsverein. Alle diese Vereine bringen Freude und inneren Reichtum in die nüchternen Reihen der Menschen. Aber alle jene Vereine könnten weiter bestehen und Gutes wirken, wenn auch alle Jüdinnen austreten sollten. Wir aber nicht. Wir müssen unsere Mitgliederzahl steigern. Wir müssen alle jüdischen Frauen der Welt in unseren Verband hineinziehen können, damit unser Werk ein stolzes, segenbringendes und großes werden kann. Wieder sage ich: alle jüdischen Frauen, denn daß die zionistischen Frauen, die hier in Wien anwesend sind, Mitglieder unseres Verbandes sind, das hoffe ich von Herzen und wer es etwa noch nicht ist, der schreibt sich hier bei uns ein oder im Saale der Spitzenausstellung. Aber wir brauchen wirklich alle. Helfen Sie und werben Sie, denn daß Juden nur von Juden geholfen werden kann, wird der kosmopolitischste, antinationalste Kopf nicht bestreiten können. Was uns zusammenhält als Juden, das kann man nicht in einem Worte sagen: für die einen ist es nur tiefstes, religiöses Glaubensbekenntnis, für die andern ist es ein starkes Rasseempfinden. Für uns ist es ein erhebendes Volksbekenntnis. Dies alles ist Gefühlssache. Aber diese Gefühle verbinden uns verschieden gearteten Juden der ganzen Welt miteinander und alle Gefühle wurzeln im Herzen und das Herz ist die Quelle aller guten Taten der Welt. Ich habe zu Ihrem Herzen geredet. Vom Jüdischen Verlag? Dieser Nummer der „Welt“ liegt ein Prospekt des Jüdischen Verlags über die „D enkwürdigkeiten der G 1 ü c k e I von Hameln“ bei. Das erfolgreiche Buch hat bereits zwei Auflagen erlebt. Eine dritte Auflage steht in Aussicht. Auch auf das Inserat des Verlags im Anzeigenteil sei besonders hingewiesen.