Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Article
- Gegenwartsaufgaben der jüdischen Frau
- Date
- 1914-01-30
- Page
- 120 (sequence 2)
- Language
- German
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120 Nr. 5 DIE3§BELT=— Mangel rein jüdischer Institutionen kennen, die immer zu sehr die Farbe des reinen Wohltätigkeitsvereins haben; dann können wir erst reformierend auf die Gesinnung vieler jüdischer Frauen einwirken, die sich wunder wie großtun, daß sie überhaupt für jüdische Dinge wirken wollen. Dort lernen wir erst in Wahrheit sozial tätig sein, dort entdecken wir aber auch erst unsere besonderen jüdischen Aufgaben, weil uns dort genug Juden begegnen, deren eigenartig gestalteter Not die allgemeinen Organisationen nicht gerecht werden können. Endlich bringen wir dort in unserer Person den lauen und unjüdisch gesinnten Jüdinnen den neuen jüdischen Frauentyp zum ersten Male nahe, die Jüdin nämlich, die ganz Europäerin ist, die ganz die sozialen Empfindungen ihrer Jetztzeit versteht und die doch mit allen ihren lebendigen Interessen an ein jüdisches Leben anknüpft und gefesselt ist. Rücken Sie darum nicht weg von den Lauen und Halben, gewinnen Sie vielmehr deren Achtung durch Ihre Arbeit und Sie werden manche Schwärmerin fürs Wohl der Menschheit überzeugen können, daß der ein schlechter Familienvater ist, der sich um das Wohl Anderer kümmert, statt zuerst seiner eigenen Familie zu helfen, und daß deshalb der englische Spruch: Charity begins at home nicht nur fürs Haus, sondern auch für eine Volksgemeinschaft gilt. Neben der Wohltat gut geleiteter sozialer Arbeit geht aber noch eine für uns Juden überaus wichtige Wirkung Hand in Hand. Nur eine sozial arbeitende Frau gewinnt sich heute Achtung und Aufmerksamkeit, Vertrauen ihrer Umgebung. Ich kenne eine einzige jüdische Frau, die in der Frauenbewegung an leitender Stelle steht, die auch spezifisch jüdische Arbeit leistet, die die Frauenarbeit in den Logen aus rein charitativen Anfängen zu einer sozialen Arbeit erhob, und die in städtische Aemter und Verbände als Jüdin gewählt wurde, weil sie die Besonderheiten jüdischer Not versteht und darum als Vertreterin jüdischer Interessen gelten darf. Sie steht zwar nicht auf nationaljüdischem Standpunkt, hat aber durch ihr Interesse für jüdische Angelegenheiten Sinn für die Kultur-Arbeit der Juden. Sie begreift die jüdische Arbeit in Palästina und gehört selbstverständlich unserem Verband für Kulturarbeit in Palästina an. Freilich wohnt sie in einer größeren Stadt Süddeutschlands, wo der Frau und der Jüdin am freiesten und weitesten gestattet ist, zu arbeiten. Denken Sie sich eine zionistisch gesinnte Frau an solcher Stelle. Welch ungeheure Wirkung auf jene Menge, die immer nur das nachahmt, was eine prominente Persönlichkeit jjutheißt oder betätigt. Greifen Sie darum zu, wo Sie können; greifen Sie an, was des Arbeitens wert ist, um Tüchtiges zu leisten. Wer wird es dann wagen, einer geschulten sozial arbeitenden jüdischen Frau ihren Wirkungskreis, ihr Wirkungsgebiet vorzuzeichnen. Das kann sie allein bestimmen. Wo ist die jüdische Jane Adams? Wo ist sie? Kürzlich hat „Die Welt-4 darüber berichtet, daß sich Jane Adams nach ihrer Orientreise mit so großer Freude über die jüdischen Kolonie aussprach. Aber wenige von Ihnen wissen wohl, wer überhaupt Jane Adams ist. Eine Frau, die der Bürgermeister der Riesenstadt Chicago in einer Rede als erste Bürgerin Chicagos feierte! Ueber Jane Adams und die amerikanische Settlements-Bewegung, die jede von Ihnen kennen sollte, kann ich hier leider nicht viel sagen. Settlement nennt man die Niederlassungen gebildeter Menschen mitten in den Proletariervierteln , amerikanischer und englischer Großstädte; es sind Heimstätten für die sozial Arbeitenden, und Mittelpunkte sozialer Fürsorgeeinrichtungen, sowie Bildungs- und Erholungsstätten des Proletariats. Die Wirkung des Hüll House, des Settlements der Jane Adams und ihrer Freunde, läßt sich nicht beschreiben. Ich frage wieder: Wo ist die jüdische Jane Adams? Was hätte ein Settlement in den jüdischen Vierteln Amerikas zu bedeuten; sind es doch größtenteils Juden gewesen, die Jane Adams zuströmten. Was an Juden jüdisches übrig bleibt, wenn sie mit Erfolg in die Höhe kommen und mit der genialen Begabung des Amerikaners, restlos zu assimilieren, amerikanisiert worden sind; das weiß man ja! Was da ein jüdisches Zentrum bedeutet hätte, ja was heute, was morgen Settlementsbewegungen von jüdischen Männern und Frauen gebildeter Stände in England und Amerika zu bedeuten hätten, das ist unübersehbar. Gewiß bestehen ja schon solche Institutionen in kleinem Maßstabe; aber keine Jane Adams ist uns bekannt. So sind wir mit unserem sehnsüchtigen Ruf: Wo ist die jüdische Jane Adams? vom Erlernen sozialer Arbeit und dem Verrichten sozialer Arbeit zum Kapitel der Neuschaffung sozialer Aufgaben gelangt. Settlements kann man nicht überall gründen, aber überall dort, wo bedrängte arme jüdische Massen wohnen und ihr kärgliches Brot verdienen. Für Westeuropa aber gibt es andere, gerade so notwendige Neuschaffungen. In Westeuropa erleben wir gegenwärtig eine Umwandlung der ökonomischen Verhältnisse. Die Verteuerung des Leoens stellt an den Mittelstand, dem die Juden Westeuropas vor allem angehören, erhöhte Anforderungen. Man kann heute seine Töchter nicht einfach zur Heirat erziehen, nicht etwa weil der alte gute Schadchen in Westeuropa durch das mehr und mehr erworbene Selbstbestimmungsrecht unserer Kinder ausstirbt, sondern weil die leidige Mitgift von einer jüdischen zu einer allgemeingiitigen internationalen Forderung oder Institution wurde. Bei der Entwertung des Geldes und dem Ueberschuß an Mädchen und der wachsenden Zahl jüdischer Junggesellen in den Großstädten wird eine riesige Anzahl jüdiscner Mädchen ins Erwerbsleben gedrängt; ob sie wollen oder nicht. Welche Aufgaben sozialer Fürsorge! Vor allem müßten wir in einer Großstadt, sei es Wien, sei es Berlin, eine grob angelegte Zentrale haben mit Zweigstellen in allen österreichischen und deutschen, vielleicht auch englischen, französischen und amerikanischen Städten, eine Zentrale, die einerseits der Berufsberatung dient, andererseits dem Stellennachweis; diese Zentrale müßte alle Adressen der Firmen und Häuser und Rechtsanwälte und sonstige Kanzleien haben, die jüdische Mädchen suchen oder wenigstens ansteilen! Sie könnten dadurch auch jene jüdischen Häuser endlich brandmarken, die keine jüdischen Angestellten nehmen. Die gibt es leider auch. Diese Zentralstelle müßte im Zusammenhang stehen mit anderen Auskunftsstellen für Frauenberufe, wie sie der jüdische Frauenbund und die Großloge für Deutschland schon eingerichtet haben. Es ist nicht schwer, sich hier anzugliedern. Die Hauptsache ist natürlich für uns, und das ist für Juden noch wichtiger wie für alle anderen, in Kontakt zu kommen mit den Müttern der jungen Mädchen selbst, die das Material der beruflich Arbeitenden bilden, die ja leider auch in armen Distrikten das Hauptmaterial der unglückseligen Opfer des internationalen Mädchenhandels sind. Wenn wir ein solches Netz von Frauenberufswahl- und Stellennachweisstellen über die Welt verbreiten wollen, müssen wir auch den Klageruf vernichten, der immer noch ertönt: „Jüdinnen wollen nichts arbeiten.*4 Wir alle müssen der jüdischen bourgeoisen Ueberzeugung entgegenarbeiten, als wenn es irgend einen Unterschied in der Arbeit gäbe. Keine Arbeit ist eine Schande, ausgenommen schlecht ausgeführte Arbeit. Das müssen wir den Arbeitenden selbst sagen können, um sie direkt zu beeinflussen, damit nicht jedem jungen Mädchen das Lob einer totschicken Verkäuferin (o wenn sie wüßten!) das beneidenswerteste ist. Wenn das junge Mädchen die Lohntabellen sieht, die Zahl der Arbeitsstunden, die Art der Berufe, wird manches Mädchen vielleicht in Zukunft auch wieder Köchin werden, und die Gefahr der raffinierten Mädchenhändler, die sich vor dem Wöchnerinnenasyl, nie vor dem Warenhause ihre „Ware44 aussuchen, in die Hände zu fallen, würde überall verringert. Denn heute gibt es nur diesen Unterschied: das arme christliche Mädchen will nur in die Fabrik und das jüdische nur in den Laden. Daher ist z. B. die Anzahl jüdischer Köchinnen eine ganz geringe, ihre Lohnziffer einesehr hohe, da sie fast konkurrenzlos dastehen. Das Verhältnis zwischen ihnen und der Hausfrau ist heute ein sehr patriarchalisches, weil man das jüdische Mädchen zu den jüdischen Festen zuzieht, sie weiterzubilden versucht, sie in Vorträge schickt; vor diesem menschlich schönen Verhältnis aber haben viele Frauen eine heillose Angst. Sie bezeichnen ihre Unfähigkeit, bei allem sozialen Gerechtigkeitssinn Distanz zwischen sich und ihren Angestellten zu legen, als die Frechheit der jüdischen Köchin. Diese Dinge dürfen wir aber hier nur streifen. Wenn Sie also in Berührung kommen wollen, mit dieser Jugend, für die wir Berufswahl- und Arbeitsnachweisstellen fordern, gibt es nur ein probates Mittel: Gründen Sie überall Abendklubs für arbeitende junge Mädchen, aber nicht etwa Klubs, in denen die Mädchen Bibelabschnitte hören