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Die Welt · 1914-01-30 · 5 (30.1.1914) · p. 109

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
5 (30.1.1914)
Article
Der Tatbestand
Date
1914-01-30
Page
109 (sequence 3)
Language
German
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Nr, 5 109 t>lE3§KLT Gemeinden zu Jerusalem, die geistliche Behörde des größten Teils der Jerusalemer Orthodoxen, hat verkündet: die Hilfsvereinsschulen seien ebenso wie die zionistischen fern vom Geiste der Thorah und Gottesfurcht, das Erziehungswerk des Hilfsvereins habe viel zur Verwüstung und Zerstörung des religiösen und geistigen Lebens beigetragen usw. Wenn also Nathan seine Schulpolitik auf die Versöhnung der Orthodoxen abgestimmt hat, so ist ihm dies nicht gelungen. Es ist ihm wohl auch nicht gelungen, den Gegensatz zwischen religiösem Judentum und Zionismus in Palästina so sehr zu verschärfen, wie er glauben machen möchte. Wie sollte dieser Gegensatz verschärft worden sein durch einen Kampf zwischen Zionisten und Anhängern Nathans, die beide in gleicher Weise von den Orthodoxen gebannt sind? 2. Um dies aber nicht zugeben zu müssen, beruft sich Nathan auf die „Moriah", „das Organ des nichtzionistischen, religiösen Judentums in Jerusalem", aus dem er seitenlange Zitate abdruckt: emphatische Begrüßungsartikel und farbenreiche Schilderungen der zionistischen Schandtaten. Das zitierte Beth-Din der Asehkenasim aber hat seinen Schmerz über den Mißstand ausgedrückt, daß die „Moriah“ zu einem Organ des Hilfsvereins in Jerusalem geworden ist, aber immer noch irrtümlich als offizielles Organ der Gesetzestreuen angesehen werde. Also es wurde nicht bloß von uns die Verdächtigung ausgesprochen, die „Moriah" sei eher ein Organ des Hilfsvereins als der Orthodoxie, sondern es wird von der berufensten Stelle aus festgestellt. Nathan findet aber, es wäre noch kein Verbrechen, selbst wenn die „Moriah" ein Organ des Hilfsvereins wäre. Der Zionismus habe ja viele Organe! Allerdings, Herr Dr. Nathan: der Zionismus aber ist auch eine politische Organisation, der Hilfsverein aber ein privater Verein; außerdem würden wir dem Hilfsverein soviel Organe gönnen, als er nur haben wollte, wenn er sie bloß nicht als Organe anderer Richtungen bezeichnet. Wir sagen ja auch nicht, die „Jüdische Zeitung" in Wien sei ein Organ etwa der Wiener jüdischen Gemeinde. 3. Außer der „Moriah" führt Nathan noch eine ganze Menge von Rabbinern auf, die ihm ihre Sympathie bescheinigten. Das Beth-Din der Asehkenasim ist aber so unhöflich, zu erklären, daß die Rabbiner, die irgendwelche Begrüßungsschreiben unterzeichnet haben, dies taten, weil man sie irreführte und sie vertrauensvoll den Brief unterschrieben, ohne sich der Tendenz bewußt zu werden. Eines dieser Begrüßungsschreiben hat Nathan in die Broschüre nicht aufgenommen, obwohl er es, als er es erhielt mit dem größten Stolze der Oeffentlichkeit übergab: das von Mosche Franco, dem Chacham Baschi der Sephardim in Jerusalem, den er taxfrei zum Großrabbiner von Palästina beförderte. In diesem Falle ist es nachgewiesen, daß der ahnungslose Rabbiner, der von den Beschlüssen des Kuratoriums noch gar nichts wußte, ein ihm vorgelegtes Zeugnis unterschrieb, ohne zu vermuten, wozu diese Unterschrift benutzt werden würde. VI. Zahlen und Worte Nathan stellt mit tiefer Befriedigung fest, daß die versuchte Zerstörung der Hilfsvereinsschulen mißlungen ist. Er erklärt: sämtliche Institute in Jerusalem wie in Jaffa befinden sich in vollem Gange, die Zahl der Schüler und Schülerinnen hat nur in geringem Grade abgenommen. Diesen allgemeinen Angaben fügt er noch konkretere hinzu. Er sagt, das Lehrerseminar m i t der Präparandie zähle 60 Schüler. Früher hatte das Lehrerseminar allein über 90 Schüler; wieviel es jetzt hat, sagt Nathan nicht. Wir können auf Grund telegraphischer Informationen, die uns am 26. d. Mts. vom Palästinaamt gegeben wurden, die Lücke in Nathans Darstellung ergänzen: dem Lehrerseminar sind 25 Schüler geblieben. Die von uns eingerichteten Lehrerkurse zählen 70 Schüler. ' Die Mädchenschule und das Mädchenheim haben nach Nathan 255 Schülerinnen. Die Mädchenschule allein hatte etwa 400 Schülerinnen, von denen mehr als die Hälfte, 203, jetzt die hebräische Mädchenschule besuchen. Wenn also Nathan behauptet, den Schulen sei nur ein „kleiner Bruchteil der Zöglinge abspenstig gemacht worden," so ist diese allgemeine Angabe durch die Feststellung widerlegt, daß im Lehrerseminar und . in der Mädchenschule 225 Zöglinge geblieben sind, während die beiden entsprechenden hebräischen Anstalten 273 Zöglinge zählen. Hier ist die Präparandie und das Mädchenheim nicht gerechnet. Die erstere ist eine noch unbedeutende Neugründung, das letztere ein Internat und Waisenhaus, dessen Zöglinge aus leicht begreiflichen Gründen die Anstalt nicht verlassen konnten. Der Vollständigkeit halber sei noch mitgeteilt, daß in Jaffa die Hilfsvereinsschule 50 Schüler behalten hat, während die neue hebräische Schule 125 zählt, und daß in Haifa die neue Schule von 94 Schülern besucht wird, während die Hilfsvereinsschule ihre Tätigkeit gänzlich eingestellt hat. Die Statistik Nathans ist, gelinde ausgedrückt, tendenziös. Er teilt auch nicht mit, wie viele von den jetzigen Schülern bereits früher da waren, wieviel neu gewonnen sind. Man hat ja auch Lehrer neu gewonnen: als David Jellin und die andern, wissenschaftlich und pädagogisch geschulten Lehrer fortgingen, hat man den Schuldiener und ähnlich qualifizierte Persönlichkeiten aufs Katheder gestellt. VII. Ergebnisse Nathan bekennt gegen Schluß seiner Schrift: „Ich habe den nationalen überspannten Chauvinismus mein Lebtag bekämpft." Nathan hätte sich auch sonst daran erinnern sollen, was er sein Lebtag bekämpft und was er sein Lebtag gefordert hat. Er ist ein Typus, der Typus des liberalen deutschen Juden. Er hat sein Lebtag gegen alles gekämpft, was wie Rückschritt, wie Mittelalter, wie Orthodoxie (nicht im jüdischen, sondern im allgemeinen Sinne des Wortes) aussah. Und nun vergißt er alles das und verbündet sich gegen die Gesamtheit der freien, der frischen, der lebendigen, der fortschrittlichen Elemente Palästinas — nicht mit der Orthodoxie, sondern mit ein paar ganz abseitigen Kolelim, die echtestes Mittelalter sind. Seine Mittel im Kampfe entsprechen dieser Stellung, die er einnimmt. Schon bei der Sitzung am 26. Oktober hat er halbe Briefe, die seiner Meinung nicht beipflichteten, unter den Tisch fallen lassen; er hat in diesem innerjüdischen Kampfe, den der deutsche Generalkonsul in Jerusalem als solchen respektieren will, die gesamte deutsche Presse mobilisiert; er denunziert gelegentlich einen einzelnen Zionisten, der als Mitglied des Hilfsvereins seiner Empörung über Nathans Vorgehen Ausdruck gibt, bei seinem Brotgeber. Er versendet einen Artikel des Hamburger Israelitischen Familienblattes, der den Kampf der Zionisten als den Kampf gegen das „verhaßte Taatsche“ hinstellt, und bringt es fertig, Dr. Levins freundliche Stellung zum Deutschen als einen Beweis auszunützen, daß der Streitpunkt pädagogischer Natur ist. Wir müssen hoffen, daß, sowie die amerikanischen Mitglieder des Kuratoriums sich gegen Nathan ausgesprochen haben, es auch in Deutschland nicht viele Mitglieder des Hilfsvereins geben wird, die den von Nathan allein begonnenen und allein geführten Kampf billigen. (Denn daß der gelegentlich unterschreibende Dr. James Simon sich auch als Retter der jüdischen Religion fühlen sollte, wäre doch zu märchenhaft.) Wir müssen hoffen, daß der Hilfsverein sich nicht in alle Ewigkeit seinem Geschäftsführer im Ehrenamte bedingungslos unterwirft. Auch in Deutschland und in den jüdischen Organisationen muß der Geist der Demokratie, für den Dr. Paul Nathan seine Schlachten schlug, einziehen. Wir aber, die demokratische zionistische Organisation, lassen uns nicht stören in unserem aufbauenden Werke. Zwar sagt Nathan in der Broschüre und in dem Anschreiben dazu, daß das Ergebnis unserer Politik ein tatsächlicher Mißerfolg und ein moralischer Zusammenbruch ist. Wer die Broschüre liest und weiter nichts, muß sich sagen, daß dies eine leere Redensart ist. Denn wer wäre so toll, eine tatsächlich mißlungene und moralisch zusammengebrochene Sache mit solcher Hartnäckigkeit zu verfolgen, gegen sie soviel Mühe und einen so kostspieligen Apparat aufzubieten? Aber wir haben auch positive Beweise für den, bereits können wir sagen, errungenen Sieg unserer Sache. Ganz Palästina, alles was jung, zukunftsfreudig und zukunftsverheißend ist im Lande, steht auf unserer Seite. Palästina und Zionismus sind identisch. Es hilft nichts mehr, nach bewährten Mustern vom „palästinensischen" Zionismus zu sprechen und andern

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