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Die Welt · 1914-01-30 · 5 (30.1.1914) · p. 108

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
5 (30.1.1914)
Article
Der Tatbestand
Date
1914-01-30
Page
108 (sequence 2)
Language
German
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10S Nr. 5 DIEMKE LT europäische Sprache vollkommen ausgeschlossen, er habe auch in den städtischen Schulen ausschließlich hebräisch sprechen lassen. „Hebräisch sprechen lassen": er hinderte die Schüler nicht daran, im Privatverkehr hebräisch zu sprechen; im Unterricht „ließ" er sie teilweise und immer mehr deutsch sprechen. Denn zwar ist Nathans Behauptung richtig, die Grundlagen des Schulwerks seien in bezug auf das Hebräische niemals verschoben worden; aber nur, weil es solche Grundlagen nicht gab, weil für die Hilfsvereinsschulen keine Unterrichtssprache festgelegt ist. Tatsächlich sind Fächer, die früher hebräisch unterrichtet worden waren, später deutsch vorgetragen worden, und zwar von Lehrern, die das Hebräische besser beherrschten als das Deutsche; das bekunden zuverlässige Zeugen, das bekunden die bereits im vergangenen August, also lange vor der Kuratoriumssitzung, gefaßten Beschlüsse von hundert palästinensischen Lehrern, die in Nr. 39 des vorigen und in Nr. 3 dieses Jahrganges der „Welt" abgedruckt waren. 4. Diese Wahrheiten zu entkräften, zitiert Nathan abermals die Broschüre von Dr. Tschlenow, die er als eine „Publikation des Jahres 1913“ bezeichnet und die die Tätigkeit des Hilfsvereins rühmt. Dr. Tschlenow hat schon erklärt, daß bereits bei seiner Anwesenheit in Palästina über den Hilfsverein geklagt wurde, vor allem aber, daß die im Original im Oktober 1912 erschienene Broschüre auf Beobachtungen aus dem Frühjahr 1912 beruht. Nathan ist stolz auf die Jahreszahl, die er fett druckt. Gegen die Wahrheit aber hilft nicht einmal Fettdruck. IV. Der Schulkrieg 1. Nathan wurde von dem Kampfe nicht überrascht. Er selbst sagt, eine Reihe von Anzeichen hätten ihn diese Schwierigkeiten erwarten lassen. Er führt dreierlei an: den Antrag Dr. Levins beim Kuratorium, eine Rede desselben Dr. Levin auf dem Zionistenkongreß und private Aeußerungen. Solange Nathan nicht sagt, wer diese privaten Aeußerungen, die „offene und versteckte Drohungen" enthielten, tat, läßt sich darüber nicht diskutieren. Der Antrag Levins sei ein Vorzeichen des Kampfes gewesen. Gewiß: da Dr. Levin die minimalen Forderungen stellte, Forderungen, deren Mäßigkeit er mit vieler Mühe und mit Gefährdung seines eigenen Ansehens in Palästina bei den Lehrern durchgesetzt hätte, und da Nathan gewillt war, diese Forderungen unter keinen Umständen zu erfüllen, so mußte ein Kampf folgen. Daß aber Dr. Levins Antrag Nathan überrascht hätte, ist kaum zu glauben. Achad Haam hat während zweier Jahre mehrmals den Versuch gemacht, zu einer Lösung zu kommen; Herr Dr. Tschlenow und Herr D. Wissotzki haben noch am 8. August 1913 die Forderung ausgesprochen, die Unterrichtssprache an der Mittelschule habe Hebräisch zu sein. Die Kongreßrede Dr. Levins war eine allgemeine Betrachtung über die jüdische Entwicklung in Palästina, wie sie in der Eröffnungssitzung des Kongresses gehalten wurde. Dr. Levin stellte da allerdings die Idealforderung auf, daß alle Kulturarbeit im Lande in zionistischen Händen konzentriert werde. Dies war eine Idealforderung; Dr. Paul Nathan hat uns gezwungen, sie auch zu einer Forderung des Tages zu machen. Er hat ein Beispiel dafür gegeben, daß, wie Dr. Levin sagte, der Wind vom Westen ein schlimmerer Feind für Palästina ist als der Ostwind, der die Ernte bedroht; allerdings können wir gegen diesen nicht ankämpfen, vor dem Westwind aber muß es gelingen, uns zu schützen. Ein Vorzeichen des Kampfes vergißt Nathan: die Beschlüsse der Lehrerschaft, die im Sommer 1913 überreicht wurden. Es wäre ihm auch unbequem, sich ihrer zu erinnern, da es ihm dann nicht möglich wäre zu behaupten, daß die Lehrerschaft zwei Jahre lang bis zum Ausbruche des Kampfes geschwiegen hätte. 2. So kam es denn zum Kampfe. Nathan nennt seine Ursache nochmals präzise: „Beschlüsse, die, vorläufig rein theoretischer Natur, bisher nur auf dem Papiere stehen". Meint Nathan, man hätte warten sollen, bis das Technikum als ein Hohn auf die hebräische Entwicklung und als eine Gefahr für das nationale Leben Palästinas eröffnet gewesen wäre? Nein: der Kampf mußte kommen, um zu bewirken, daß diese Beschlüsse nicht über das theoretische Stadium hinauskommen, daß sie ewig auf dem Papier stehen bleiben. Verlangt Nathan, der erfahrene Politiker, etwa auch von den Parlamentariern, daß sie ein Gesetz, das ihnen nicht zusagt, annehmen und durchführen lassen und sich erst dann dagegen wenden^? 3. Nathans Darstellung des Kampfes selbst wollen wir nicht unter die Lupe nehmen. Wir können das auch gar nicht. Wir haben nach unseren besten Gewährsleuten selbst eine Darstellung gegeben, die wir aufrecht erhalten. Ob Einzelheiten, die Nathan anführt, richtig sind oder nicht, läßt sich im Augenblick und von hier aus nicht feststellen. Gewiß sind Dinge vorgekommen, die besser nicht geschehen wären. Es war so schlimm nicht; aber in solchen Fällen, wo die gesunde Leidenschaft des Volkes sich über einen ihm angetanen Zwang empört, herrscht ein anderer Ton als in einer Tanzstunde. Das ist nicht nur in Palästina so, sondern auch in den andern zivilisierten Ländern. Die Darstellung Nathans aber hat einen Fehler: er beruft sich auf Kinder als Zeugen. Jedermann kennt die interessanten Untersuchungen, die über die Glaubwürdigkeit von^ Zeugen angestellt worden sind. Jedermann weiß, daß Zeugenaussagen nur einen sehr bedingten Wert haben. Wenn nun Nathan in so bewegten Tagen einen Teil der Kinder versammelte, die er zum Teil wenigstens durch Geschenke und Versprechungen gewann, und sie nur über die Vorgänge und über das Verhalten des andern Teils der Schülerschaft und über das Verhalten ihrer Lehrer ausfragte oder eine schriftliche Erklärung geben ließ, —- da verliert das Ergebnis nahezu jeden Wert. Wer je mit Kindern zu tun hatte, weiß, daß sie, ohne lügen zu wollen, die unglaublichsten Dinge erzählen, um ihrer eigenen Lust am Fabulieren genugzutun oder wenn sie glauben, etwas zu sagen, was dem sie befragenden Erwachsenen angenehm ist. Das weiß vor allem jeder Lehrer; Nathan, der für seine ganze Haltung „pädagogische Gründe" hat, weiß es nicht und druckt Aeußerungen, die als Beträge zur Kinderpsvchölogie Wert haben, als Beweisdokumente ab. 4. Auch bei der Darstellung selbst unterlaufen ihm Vergeßlichkeiten. Die Lehrer, David Jellin an der Spitze, überreichen ihm ihre Forderungen, die ihm unannehmbar erscheinen. „Bei dieser Sachlage blieb mir kein anderer Ausweg", fährt Nathan fort, „als die Lehrer sofort zu suspendieren, und es erfolgte am nächsten Tage die Suspension. Trotz dieser Suspension drangen die betreffenden Lehrer am folgenden Tage in die Schulen des Hilfsvereins ein .. ." Es blieb ihm nichts übrig, als die Lehrer sofort zu suspendieren. Trotz dieser Einsicht aber nahm Nathan, was er verschweigt, die Kündigung der Lehrer mit zweimonatiger Frist an; am nächsten Tage erst sprach er die Suspension aus, teilte sie aber den Lehrern so spät abends mit, daß die meisten Lehrer davon nichts mehr erfuhren und am nächsten Morgen ohne eine Ahnung von der Suspension ruhig zur Schule gingen oder, wenn man will, ruhig in die Schule eindrangen... V. Wenn alle untreu werden ... Wenn die gesamte Bevölkerung Palästinas so wäre wie die Urheber solcher Frevel, so wäre das, nach Nathans Wort, ein hoffnungsloser Jammer. Zum Glücke aber ist es 1. Der Zionismus hat in Palästina starke Gegner, nämlich die „jüdisch-religiösen Kreise". Diese fühlen sich durch den Zionismus, wie er sich in Palästina manifestiert, abgestoßen. Und darauf hat der Hilfsverein seine Schulpolitik aufgebaut, die auf eine Opposition der streng religiösen Kreise nicht gestoßen ist. Hier stehen zwei Behauptungen. Zunächst daß der Zionismus den Orthodoxen in Palästina nicht paßt. Dies ist richtig. Die Schulen, die wir begründet haben, sind von der palästinensischen Orthodoxie in den Ba n n gelegt. Das kommt daher, daß die Jerusalemer Orthodoxie von unbeugsamer Strenge ist und jede moderne Bildung auf das Aeußerste mißbilligt. So daß unsere Schulen den Bann mit allen Schulen teilen, die der modernen Bildung auch nur den kleinsten Spielraum gewähren, auch mit den Jerusalemer C h a d a r i m. Dies beleuchtet aber die zweite Behauptung Nathans, daß seine Schulpolitik auf keine Opposition seitens der Orthodoxen gestoßen sei. Das Beth-Din der aschkenasischen

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