Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Article
- Der Tatbestand
- Date
- 1914-01-30
- Page
- 107 (sequence 1)
- Language
- German
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Ni 5 107 - DlEa§KELT - Der Tatbestand Dr. Paul Nathan ließ am 16. Januar eine Broschüre, „Palästina und palästinensischer Zionismus“, erscheinen und an die Mitglieder des Hilfsvereins versenden. Mit dieser Broschüre hat sich Dr. Paul Nathan ein Denkmal gesetzt, das wir in die richtige Beleuchtung rücken müssen. Er setzt seiner Schrift ein Motto aus Koheleth voran, das begründen soll, weshalb er jetzt das Wort ergreift. Er tut es, weil für Palästina Gefahr im Verzüge ist. Er stellt den Sprachenkampf in Palästina mit seinen Motiven und Folgen dar, immer so, wie er sie sieht. Immer in dem Tone, den er für richtig hält. Und immer zugestutzt für das Publikum, das er gewinnen will: die deutschen Juden. I. Der Ton Um dies vorweg zu nehmen: der Ton ist einheitlich, aber wenig nobel. Bereits in dem 15 Zeilen langen Anschreiben, das von Dr. James Simon unterzeichnet ist, finden wir die Ausdrücke: frivol; vom Zaun gebrochene, maßlose Angriffe; unqualifizierbare persönliche Beschimpfungen. Aus der Broschüre selbst seien einige wenige Kostproben aufgetischt: Entstellung, Verlogenheit, demagogische Skrupellosigkeit, Vandalismus, unglaubliche Verblendung, leichtfertig, unverantwortlich, rein destruktive barbarische Tendenzen, Einschüchterung, empörende Akte der Gewalttätigkeit, sinnlose Fanatiker, feige Intriganten, gefälschte Telegramme, wilde Horde, Demagogen, Wühlarbeit, törichte Fanatiker, gemeine Intriganten, exaltierte Wühler,' verabscheuungswürdiger Terrorismus, Selbstsüchtlinge, palästinensische Exaltados, unerhörte Frivolität, hohles Idol exaltierten, jüdischen Chauvinismus, Politik der Unmoralität .... Dixi et salvavi animam meam. Im folgenden wird der Inhalt der Broschüre getreu, aber gereinigt wiedergegeben. II. Die Häkchen Für jenen Teil seines Publikums, das die Broschüren des Antizionistischen Komitees kennt, läßt Nathan an geeigneten Stellen Nebenbemerkungen einfließen, die ganz der Taktik jener Retter des Judentums entsprechen: ihren Lesern dem Zionismus gegenüber zugleich Mut und Angst zu machen. Der Zionismus setze an die Stelle der Religion den nationalen Chauvinismus, stoße jeden Juden von Kultur ab, raube uns die Sympathien der aufgeklärten Nichtjuden, er sei bloß ein Bundesgenosse des Antisemitismus und liefere diesem das brauchbarste Material für seinen Kampf. Die Zionisten seien ein lächerlich kleines, verschwindendes Häuflein, aber eine unermeßliche Gefahr. Gerade Nathan sollte so nicht sprechen. Er hat viel Anteil daran, daß man das Judentum mit einer bestimmten Sorte von Liberalismus identifiziert, der stets der beste Materiallieferant für die Antisemiten war und ist; er hat die jüngsten Vorgänge in Palästina, in für uns Juden keineswegs schmeichelhaften Tönen, in der allgemeinen Presse ausposaunt; er hat noch diese Broschüre mit begleitenden Bemerkungen an die Presse gehen lassen, die jedem Antisemiten in der Seele wohltun müssen. III. Die Entstehung des Kampfes Nun zur Sache selbst. Wir werden nur solche Punkte herausgreifen, die Gelegenheit zu tatsächlicher Berichtigung geben. Auch solche Punkte bleiben unberücksichtigt, wo die Logik der Ereignisse falsch dargestellt ist. Auf das Gebiet der Pilpulistik begeben wir uns nicht. 1. Nathan führt den Beschluß des Kuratoriums vom 26. Oktober v. Js. an, der unseren Lesern bekannt ist. Dann fährt er unmittelbar fort: „Um einen Ausgleich anzubahnen, nahm ich alsdann in der Sitzung des Kuratoriums noch einen Antrag, den die Herren Prof. Philippson-Schiff gestellt hatten, in nachstehender Form wieder auf: ,Die Verwaltung des Kuratoriums hat als Richtlinie zu befolgen, daß Weltgeschichte, Heimatkunde und Geographie, Singen, Turnen, Schreiben und Zeichnen gleichfalls in hebräischer Sprache unterrichtet werden, insofern sich dies als im Interesse der Schüler als wünschenswert herausstellt und insofern die geeigneten Lehrkräfte, die hebräisch zu unterrichten imstande sind, zu beschaffen sind/ Dieses mein Amendement kam nicht zur Abstimmung, weil die Opposition erklärte, keinen Wert auf Annahme dieses Antrages zu legen. Wie bezeichnend ist diese Haltung, die besagt: Alles oder nichts, während sich auf dem Boden dieser Resolution in der Praxis eine volle Verständigung hätte erzielen lassen.“ Diese Darstellung täuscht in doppelter Weise, durch das, was sie anführt, sowie durch das, was sie verschweigt. Sie verschweigt, daß zuerst über den Vermittlungsantrag Philippson- Schiff abgestimmt wurde, der Hebräisch für Geschichte und Geographie verlangte. Erst als dieser Antrag abgelehnt war, brachte Nathan sein Amendement ein, das dem Aufträge, Geographie und Geschichte in hebräischer Sprache zu unterrichten, das „Insofern“ anfügte, das dem Antrag jeden Wert nahm, wenn man bedenkt, daß Nathan und diejenigen zu entscheiden gehabt hätten, die eben gegen die obligatorische Einführung des Hebräischen gestimmt hatten. Daraufhin waren sich alle darüber klar, nicht nur die zionistischen Mitglieder, daß diese Abstimmung zwecklos sei. Und diese Haltung der Opposition hätte besagt: alles oder nichts? Sie verzichtete bloß darauf, daß ihr nochmals ausdrücklich bestätigt wurde, daß man ihr nichts zugestehen wollte. Denn der Antrag Philippson-Schiff mit dem Amendement Nathan ist nichts. Wenn so die erste der „unwiderlegbaren Tatsachen“ aussieht, auf die Nathan hinweist, was ist von den weiteren zu erwarten? Wenn er dies den „tatsächlichen Untergrund der Meinungsverschiedenheit“ nennt, wie soll das hierauf errichtete Gebäude halten? Es fällt zusammen wie ein Kartenhaus, wenn es der Hauch der Wahrheit anbläst. 2. Die Zionisten, fährt Nathan fort, hätten den Gegensatz fälschlich als einen solchen politischer Tendenzen hingestellt; in Wirklichkeit seien für ihn ausschließlich pädagogische Gründe maßgebend gewesen. Dazu paßt es aber schlecht, daß der Vorsitzende der Sitzung vom 26. Oktober während der Beratung über die Unterrichtssprache erklärte, es handle sich um eine hochpolitische Angelegenheit. Allein wir können Nathan auch auf das .pädagogische Gebiet folgen. Von vornherein können wir bezweifeln, daß er der kompetente Mann ist, solche Fragen zu entscheiden. Die Schulmänner in Palästina verdienen zweifellos mehr Vertrauen in pädagogischen Streitfragen. Und welches sind denn Nathans pädagogische Gründe? Er zweifelt, ob die Lehrkräfte vorhanden sind. Nun denn, für die hebräische Mittelschule hatte er bereits die Lehrkräfte, für die deutsche hatte er sie aber nicht, da einige Lehrer, die für Haifa engagiert waren, infolge des Beschlusses vom 26. Oktober ihre Verträge lösten und ein Ersatz nur mit großer Mühe gefunden werden konnte. Er stellt fest, daß es keine Lehrbücher gebe. Für Mittelschulen sind hebräische Lehrbücher teils vorhanden, teils in Arbeit. An Hochschulen pflegt man keine oder wenige Lehrbücher zu verwenden; wo aber Kompendien nötig sind, sind auch europäische Studenten gezwungen, fremdsprachige Werke zu benutzen. Deutsche Studenten arbeiten mit französischen und englischen Büchern; von denen kleiner Nationen nicht zu sprechen, die fast keine wissenschaftliche Literatur, wohl aber eigene Hochschulen in ihrer Sprache besitzen. Der U ebergang von einer hebräischen Mittelschule zu einem teilweise deutschen Technikum sei allzu schwierig. Aber Dr. Levin hatte Vorschläge zur Behebung dieser Schwierigkeit gemacht, die von Pädagogen als ausreichend erklärt wurden. Und überhaupt macht man in mehrsprachigen Ländern immer wieder die Beobachtung, wie verblüffend leicht Schüler von Anstalten einer Sprache zu solchen der anderen übergehen. In Palästina wäre das nicht anders gewesen als anderswo. 3. Wie ideal aber erfüllten nach Nathans Auffassung die Hilfs vereinsschulen eben die zionistischen Forderungen! Er habe von seinen Schulen auf dem Lande jede