Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- Der Angriff des Hilfsvereins
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 85 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 WEDELT Zum Sprachenstreit in Palästina. Das Beth-Din der aschkenasischen Gemeinden in Jerusalem nimmt soeben zu dem zurzeit in Palästina tobenden Sprachenstreite in einem Aufruf Stellung, den wir mit Rücksicht auf seine hohe Bedeutung hier in wörtlicher Uebersetzung wiedergegeben: „Vor allen treu zum Glauben Haltenden in Israel, die die Entweihung der göttlichen Ehre schmerzlich empfinden, geben wir unserem großen Schmerze Ausdruck ob des großen M i ß- Standes, der hervorgerufen wurde, durch Artikel in der Zeitung „Moria“, welche, wie aus jeder Nummer klar ersichtlich, längst zu einem Organ des Hilfsvereins in Jerusalem und zur Vertreterin seiner Bestrebungen geworden ist, in weiten Kreisen jedoch immer noch irrtümlich als offizielles Organ der Gesetzestreuen und Rabbiner der heiligen Stadt angesehen wird. Die in dieser Zeitung enthaltenen Ehrungen des Herrn Dr. Paul Nathan wurden von gewisser Seite fälschlich aus gelegt und dahin gedeutet, als wollten die talmudischen Größen und Rabbinen die Schulen des Hilfsvereins vor den anderen dieser Art bevorzugen, was aber niemals in der Absicht der berufenen Vertreter und Hüter der Thora in Jerusalem lag, da all diese Schulen gleich fern vom Geiste der Thora und Gottesfurcht sind. Die Bedeutung des Herrn Dr. Paul Nathan als tatvoller und hilfreicher Freund unserer unterdrückten Brüder soll dadurch nicht herabgemindert werden. Die Rabbiner, die irgendwelche Begrüßungsschreiben unterzeichnet haben, taten es zum Teil, weil man sie irreführte und sie vertrauensvoll den Brief unterschrieben, ohne sich der Tendenz bewußt zu werden. Auf jeden Fall hatten die Rabbiner keine andere Absicht, als denjenigen Teil der Wirksamkeit des Hilfsvereins anzuerkennen, welcher zu seinem Erziehungswerke iPa'äo+'m in gar keiner Beziehung steht. Denn was dieses letztere betrifft, so haben das Erziehungswerk des Hilfsvereins im allgemeinen und seine Lehrerbildung insbesondere und die Verbreitung dieser Lehrer im weiten Lande nicht nur den Stand der Religiosität nicht gehoben, sondern sie haben viel zur Verwüstung und Zerstörung des religiösen und geistigen Lebens beigetragen. Sowohl diese, wie die andern Schulen in Palästina ziehen Generationen heran, die Gott nicht kennen und seine treuen Bekenner verspotten, wie wir es ja jetzt an der Frucht dieser Erziehung, an den Lehrern und Schülern aller Art in den Schulen der Städte und Kolonien und in den Gymnasien zu Jerusalem und Jaffa sehen, unter denen die Entweihung des Sabbats und die Leugnung der Göttlichkeit der schriftlichen und mündlichen Lehre zu finden ist. An der Frucht und Folge dieser Erziehung lernen wir erst die Wichtigkeit und Verbindlichkeit der Maßnahmen unserer früheren Lehrer kennen, die feste Anordnungen getroffen haben und ein Verbot für den Besuch all dieser Schulen erlassen haben, das ohne Jeglichen Unterschied die Gymnasien sowohl wie die Schulen der Alliance, der Ica, des Hilfsvereins, die Lämelschule, die Seminarien, Gheder-Thora und dergl. mehr betrifft, sie alle unterliegen diesem Verbote, sie alle sind beeinflußt von Lehrern, die in ihrer großen Mehrheit eine auf Zerstörung des Gottesbundes berechnete Kultur verbreiten.“ Dr. Nathan kennt diese Stellungnahme der Ortodoxie, wie wir sie seit Wochen kennen, aber ruhigen Herzens tischt er seinem Publikum dieselben Unwahrheiten auf und unterläßt nicht, zu behaupten, daß wir lügen. Daß er auch in dieser Broschüre Dr. Tschlenow für sich zitiert und behauptet, die Arbeit Dr. Tschlenow's, in der er sich anerkennend über die Hilfsvereinsschulen ausspricht, sei im Jahre 1913 (1913 fett gedruckt) erschienen, sei auch hervorgehoben. Von dem zionistischen Kampf gegen den Hilfsverein behauptet er auf Seite 50 folgendes:___ „Vielleicht~sind es-150 Personen’ "ehrliche Fanatiker, dann Selbstsüchtige, zum Teil Intriganten, die die Vorgänge in Palästina inszeniert haben. Vielleicht ist ihre Zahl auch nur 50. In diesen Grenzen bewegt sich die Zahl der eigentlichen Drahtzieher. Daneben aber eine Bevölkerung, von der ein kleiner Teil mit den Zielen jener sympathisiert, aber der ihre Mittel perhorresziert. Und endlich die große Masse der Bevölkerung, die direkt feindlich den Propagatoren der Bewegung und allem gegenübersteht, was von ihnen kommt. Timidität, Verschüchterung sind noch vielfach die charakteristischen Eigenschaften unserer Glaubensgenossen in Palästina, und neben der geringen Zahl zionistischer Agitatoren sind es vor allem nur die streng religiösen Elemente, die den Mut finden, offen ihre Ansicht zu bekennen, und für ihre Ansichten öffentlich und mit Nachdruck einzu- . B5 Kommt uns das nicht merkwürdig bekannt vor? Wir hören die vertrauten Töne aus der antizionistischen Broschüre: Einmal sind wir nur ein kleines Häuflein gewissenloser Agitatoren, ein anderesmal eine gefährliche Macht. Mut und Angst will man den anderen zugleich vor uns machen. Wir kennen das ja alles nur zu gut. Das ganze Arsenal des guten unverfälschten Antizionismus wird geplündert. Der Zionismus ist eine Gefahr für die Entwicklung der menschlichen Kultur. „Nationalistischer Chauvinismus erweckt nationalistischen Chauvinismus. Und wenn wir es uns in unerhörter Verblendung gestatten sollten, nationalen Chauvinismus bei uns zu pflegen und zur Schau zu tragen, so wird die Rückwirkung auf die Juden der ganzen Welt eine verderbliche sein. Wir liefern dem Antisemitismus damit das brauchbarste Material für seinen Kampf, und in einem Lande wie die Türkei, in dem das gesetzliche Gefüge bisher nur lose ist, kann eine solche Politik unmittelbar zu einer — Katastrophe führen.“ Schließlich meint Dr. Nathan, daß es niemals gelingen wird, das innerste Wesen des Judentums, das durch seine Religion verkörpert wird, durch ein hohles Ideal exaltierten jüdischen Chauvinismus zu ersetzen. Dr Nathan läßt uns in seiner Broschüre auch eine Entschuldigung zuteil werden. Er meint, daß nur Minoritäten gewalttätig sind. Da ihm das Vorgehen des Zionismus unmoralisch und gewalttätig erscheint, habe er die Sicherheit, daß der Zionismus nur eine Minorität ist. Wenn es wahr wäre, daß nur die Minoritäten zu Gewaltmitteln greifen, um ihre Sache durchzusetzen, dann müßte es um die Sache des HilfsVereins der Deutschen Juden sehr schlecht bestellt sein. Diese Broschüre ist in Wahrheit ein Stück Desperado-Politik. Sie ist darauf berechnet, durch Unwahrheiten auf die Dauer Unwissende zu täuschen. Sie spekuliert auf die antizionistischen Instinkte einer gewissen Sorte des deutschen Judentums. Es sind die Methoden, mit denen der Antizionismus in Deutschland uns immer bekämpft. Der Erfolg wird der gleiche sein. Der Kampf des Hilfsvereins gibt uns Gelegenheit, wieder ein gutes Stück Aufklärungsarbeit zu leisten und den Respekt vor der Wahrheit unseres Strebens zu erhöhen. III. Dr. Paul Nathan und Schmarja Levin Auf Seite 55 seiner Broschüre schreibt Dr. Nathan folgendes : „Der Exponent dieser ruchlosen Zerfl-eischung, das Bindeglied zwischen den palästinensischen extremen zionistischen Bestrebungen und der zentralen zionistischen Organisation in Deutschland scheint aber Herr Dr. Schmarja Levin zu sein, der vom Kuratorium des Technikums nach Haifa entsandt, zur Beaufsichtigung der Bauten dort, seine Zeit im Interesse des Gesamtjudentums — alsdann gut ausgenützt hätte. Er war es, der auf dem letzten Kongreß in Wien die Parole ausgegeben hat: Heraus mit den nichtzionistischen Organisationen aus Palästina, die bisher dort für die Ausbreitung der Kultur gearbeitet haben! Und diese seine Parole wurde dann in Palästina von seinen Adepten — oder ist er ihr Adept? — in Taten rohen Terrorismus und bejammernswerter Zerstörung einer friedlichen Entwicklung umgesetzt.“ Es ist schwer zu glauben, daß Paul Nathan diese Worte geschrieben hat. Paul Nathan weiß doch am allerbesten, was Schmarja Levin für das Technikum geleistet hat. Seinen feurigen Reden verdankt das Technikum die große Popularität in Amerika. Alle großen Spenden aus Amerika und Rußland .sind Ergebnisse des Einflusses seiner Propaganda. Schmarja Levin war Mitglied des Kuratoriums des Instituts, kein Angestellter von Dr. Nathan, genau so frei und unabhängig in seinen Entschließungen, wie Paul Nathan. In den ganzen Jahren, in denen Dr. Levin seine Arbeit dem Technikum gewidmet hat, hatte immer geglaubt, daß er für ein hebräisches