Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- Der Angriff des Hilfsvereins
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 84 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Nr. 4 jetzt in seinen Communiques der Oeffentlichkeit gegenüber den Hüter der anständigen Gesinnung. II. Die Broschüre des Dr. Paul Nathan In der Sonntagsnummer der Vossischen Zeitung wurde sie besprochen. Erst am Dienstag früh erhielten wir vom Hilfsverein ein Exemplar. Die ausführliche Erwiderung auf diese Broschüre wird auch in der nächsten Nummer der „Welt“ noch früh genug erscheinen, und auch die jüdische Presse wird noch rechtzeitig genug von uns informiert werden können. Wir glauben fest und unerschütterlich an den Sieg der Wahrheit. Als wir die Broschüre Dr. Paul Nathan’s lasen, hatten wir das Gefühl, daß dieser Sieg nicht mehr fern sein könne. So kann nur jemand schreiben, der an dem Erfolge seiner Sache verzweifelt, oder jemand, der ein so schlechter Politiker ist, daß die Sache, die er führt, ohnehin dem Untergange geweiht ist. Die Broschüre wird vom Hilfsverein mit folgendem Begleitbrief versandt: Hilfsverein der Deutschen Juden Berlin W. 35, den 16. Januar 1914. Steglitzer Str. 12 I. Hochgeehrter Herr! Anbei überreichen wir Ihnen ergebenst eine von Herrn Dr. Paul Nathan, unserm Geschäftsführer i. E., verfaßte Broschüre über die jüngsten Ereignisse in Palästina. Diese soll an der Hand von Dokumenten und unwiderlegbaren Tatsachen Sie darüber unterrichten, in wie frivoler Weise und mit welchem Mißerfolge man das seit über ein Jahrzehnt segensreich wirkende Schulwerk des Hilfsvereins in Palästina zu zerstören suchte. Wir geben uns der Hoffnung hin, daß die vom Zaun gebrochenen, maßlosen Angriffe gegen den Hilfsverein und die unqualifizierbaren persönlichen Beschimpfungen seiner Leiter unsere Mitglieder noch fester an uns ketten werden, an den Hilfsverein, der stets für die Judenheit ohne Unterschied der Richtungen eingetreten ist. In vorzüglicher Hochachtung Hilfsverein der Deutschen Juden Dr. James Simon. Dieser Begleitbrief läßt die Broschüre eigentlich überflüssig erscheinen. Wenn unser Mißerfolg schon feststeht, wozu dann noch der ganze kostspielige Apparat dieser noblen Hetze gegen den Zionismus. Die allernächste Zukunft wird erkennen lassen, wo der Mißerfolg liegt. Uns will es scheinen, als ob die Broschüre des Dr. Paul Nathan nur den Zweck habe, den M i ß - erfolg des Hilfsvereins zu vertuschen. Für heute wollen wir nur die wichtigsten Beweisstellen Dr. Paul Nathan's einer Kritik unterziehen. Zunächst die Frage nach dem Erfolg. Dr. Nathan schreibt darüber auf Seite 49 folgendes: „Am lautesten aber spricht die nackte Tatsache, daß sämtliche Institute in Jerusalem wie in Jaffa sich heute im Gange befinden und daß die Zahl der Schüler und Schülerinnen nur in geringem Grade abgenommen hat, obgleich mit allen Mitteln des Terrorismus der Versuch unternommen worden ist, von uns die Kinder femzuhalten. Das Lehrerseminar zählt mit der Präparandie sechzig Schüler. Mädchenschule und Mädchenheim 255 Schüler. Lämelschule gegen 270 Schüler. Dazu kommen die Kindergärten, so daß von den gesamten Zöglingen, die unsere Schulen in Jerusalem besucht, haben, durch allen Terrorismus nicht mehr als ein kleiner Bruchteil abspenstig gemacht werden konnte. Die Schule in Jaffa endlich zählt über 80 Schüler. Der Unterricht ist also bis auf die unbedeutende provisorische Schule in Haifa, die durch die Mittelschule am Technikum abgelöst werden soll, in vollem Gange; ich wiederhole: — trotz allem Terrorismus*).“ *) Die Sperrungen stammen von uns. Red. Wir haben Dienstag früh nach Palästina telegraphiert, um die fehlenden Zahlen zu erfahren, denn die Statistik Dr. Nathans macht zum mindesten einen merkwürdig unvollständigen Eindruck. Daß sämtliche Institute in Jerusalem und Jaffa im Gange sind, ist gewiß richtig; wir haben behauptet, daß sie nur eine Scheinexistenz führen. Wir fragen zunächst Dr. Paul Nathan, ob es richtig ist, daß die meisten Lehrer, und darunter alle, die im Lande Ansehen genießen und alle, die jüdisch-wissenschaftliche Bedeutung haben, die Schulen des Hilfsvereins verlassen haben, und daß diese Schulen damit ihre Bedeutung für das Land verloren haben? Wir fragen ferner, was die von ihm angegebenen Zahlen bedeuten sollen: zusammen mit der Präparandie zählt das Lehrerseminar 60 Schüler (das Lehrerseminar allein hatte über 90 Schüler), Mädchenschule und Mädchenheim zusammen 255 Schülerinnen? Wieviel Schüler hat das Lehrerseminar heute? Und wie viele von diesen Schülern, die es heute hat, sind erst in den letzten Wochen vom Hilfsverein neu angeworben worden? Das Mädchenheim ist bekanntlich das Waisenhaus des Hilfsvereins, in dem hilflose Zöglinge interniert sind. Es hätte interessiert, zu erfahren, wie viele Schülerinnen die Mädchenschule allein gehabt hat und wie viele Schülerinnen sie heute besitzt. Darauf finden wir ebensowenig eine präzise Antwort, wie bei der Schülerzahl der Lämelschule. Es ist kein Zufall, daß Dr. Nathan die entsprechenden Zahlen vergessen hat, denn er schreibt ausdrücklich, „nicht mehr als ein kleiner Bruchteil ist den Schulen des Hilfsvereins abspenstig gemacht worden.“ Warum gibt er dafür keine Zahlen? Wir haben Grund, diesen Zahlen gegenüber mißtrauisch zu sein. Die Broschüre will nachweisen, daß die Sympathien des palästinensischen, insbesondere des jerusalemischen Judentums auf der Seite des Hilfsvereins stehen. Dr. Nathan stützt sich hierbei auf die einhellige Zustimmung, die er von seiten des orthodoxen Judentums in Jerusalem empfangen hat. Die „Moriah“, das Organ des nichtzionistischen, religiösen Judentums habe sich durchaus auf seine Seite gestellt und eine Unmenge Rabbiner hätten ihm ihre rückhaltlose Anerkennung ausgesprochen. Dr. Nathan legt Wert darauf, festzustellen, daß die „Moriah“ in keinen finanziellen Beziehungen zum Hilfsverein und zu ihm stehe und nie einen Pfennig Unterstützung von ihm erhalten habe und daß die „Moriah“ ausschließlich Organ des religiösen Judentums in Palästina sei. Neun Seiten widmet Dr. Nathan den Zustimmungserklärungen der „Moriah“, zahlreicher Rabbiner und religiöser Körperschaften. Er weist auch sonst immer wieder darauf hin, daß die Zionisten von den Orthodoxen als die Religionsfeinde betrachtet werden und der Hilfsverein als Förderer wahrer jüdischer Religiosität in Palästina anerkannt sei. Man könnte laut auf lachen, wenn man nicht wüßte, für wen diese Mache bestimmt ist. Den deutschen Assimilanten will man eine vertraute Lockspeise hinwerfen. „Der antireligiöse Zionismus“, das verfehlt niemals seine Wirkung, und Nathan, der liberale Jude, wird zum Verbündeten der Orthodoxie, und der ganze Hilfsverein wird als geliebtes Schoßkind des streng orthodoxen Judentums in Palästina hingestellt, um den liberalen deutschen Antizionisten die Sache besonders schmackhaft zu machen. Zum Glück hat die deutsche Orthodoxie aufgepaßt, die sich in dieser Bundesgenossenschaft nicht so behaglich gefühlt haben mag, wie der sogenannte Liberalismus unserer charakterlosen jüdischen Assimilanten. Der „Israelit“, „ein Zentralorgan für das orthodoxe Judentum“ schreibt in seiner letzten Nummer vom 15. Januar 1914, vier Tage also vor dem Erscheinen der Nathanschen Broschüre, folgendes: