Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 4 (23.1.1914)
- Article
- Der Angriff des Hilfsvereins
- Date
- 1914-01-23
- Page
- 83 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 4 83 - d IE ^TE LT -- ■ - - Der Angriff des Hilfsvereins 1. Das Cofnmuniqii€ vom 19. Januar Der Hilfsverein der L>eutschen Juden nimmt in einer Zuschrift an die Presse zu unserem in Nr. 2 dieses Jahrgangs veröffentlichten Telegramm aus Jerusalem Stellung, in dem Fräulein Pinczower das Ergebnis einer Unterredung mit dem Generalkonsul Schmidt mitteilt. Fräulein Pinczower behauptet dort, der Generalkonsul hätte ihr erklärt: „Ich wäre nicht mit Polizei in die Schule gekommen, wenn ich den wirklichen Zustand gekannt und gewußt hätte, mit welcher Ruhe und ohne Schüleraufreizung Lehrer den Unterricht unterbrachen.“ Dem gegenüber veröffentlicht der Hilfsverein eine Zuschrift des Generalkonsuls an Herrn Ephraim Cohn, den Direktor seines Schulwerks. Dieser Brief, dem anzumerken ist, daß er auf einseitiger Information beruht, wird nur auf Uninformierte den vom HUfsverein gewünschten Eindruck machen. Es ist zunächst auffallend, daß der Generalkonsul sich gegen den Bericht über seine Unterredung mit Fräulein Princzower in der Jerusalemer Zeitung Hacheruth wendet, der wesentlich anders ausgefallen ist, als die entsprechenden Nachrichten der „Welt“, und daß sein Dementi Fräulein Princzower gegenüber merkwürdig unentschieden ist; denn wenn er z. B. erklärt, . daß die Veröffentlichung nicht mit seiner ausdrücklichen Erlaubnis erfolgt ist“, so ist das im Rahmen dieses Briefes mehr ein Zugeben als ein Ableugnen. Weder bestreitet der Konsul, daß die Unterredung mit Fräulein Pinczower stattgefunden hat, noch sagt er, was an den Aeußerungen Fräulein Pinczowers falsch ist. Es bleibt also nur übrig, daß der Konsul „die Art und Weise mißbilligt, in der gegen den Hilfsverein vorgegangen ist“. Wir haben schon in einem Teil der Auflage der vorigen Nummer das, jetzt nochmals zum Abdruck gelangte, Telegramm der Herren Ben Jehuda und David Jellin gebracht, in dem der deutsche Generalkonsul unseren Vertrauensmännern unzweideutig über seine Stellungnahme im Sprachenstreit Aufklärung gibt: 1. Er hat nie den Eindruck gehabt, als ob die Bewegung gegen den Hilfsverein der Deutschen Juden gegen Deutschland gerichtet sei, und dieser Eindruck ist noch verstärkt worden. 2. Er mißbilligt „die Art und Weise des Kampfes gegen den Hilfsverein.“ Der Hilfsverein macht nur von dieser zweiten Meinungsäußerung uns gegenüber Gebrauch und beschäftigt sich ausschließlich mit der Art und Weise unseres Kampfes. Er macht den Versuch, die inneren Ursachen der nationalen Erhebung in Palästina zu übergehen und die ganzen Kämpfe so darzustellen, als ob es sich nur um den Zusammenstoß zwischen gut erzogenen Europäern und bestialischen Barbaren handelte, die aus Freude an Lüge und Gemeinheit gegen die Träger der europäischen Zivilisation mit vergifteten Waffen kämpfen. Die Methode dieses Kampfes ist natürlich auf ein ganz bestimmtes Publikum, das der Hilfsverein nur zu genau kennt, auf seine gänzlich uniformierten Mitglieder zugeschnitten, denen Palästina nur ein geographischer Begriff sein kann und für die der einzige Maßstab für die Güte aller Unternehmungen des Hilfsvereins nur darin liegen kann, ob auch alles' ordentlich und ruhig zugeht. Bei Worten, wie Streif, Boykott, Straßen-Demonstrationen, Einschlagen von Fensterscheiben, Insultierung läuft es dieser wohlerzogenen Gesellschaft Schon kalt über den Rücken, besonders wenn als Kronzeuge ein deutscher Generalkonsul herangezogen wird. Aber auch das Urteil eines deutschen Generalkonsuls ist nicht unfehlbar. Der Fall Zabern ist noch in aller Erinnerung. Dort sagten vor Gericht Offiziere und hohe preußische Beamte über dieselben Ereignisse eidlich aus. Wie verschieden beurteilten sie unter ihrem Eide die gleichen Begebenheiten, deren Augenzeugen sie gewesen waren. Es sah fast so aus, als ob ihre Augen ganz verschieden organisiert wären, als ob es eine zivilistisehe Art zu sehen gäbe, die der militaristischen entgegengesetzt sei. Für den deutschen Generalkonsul Schmidt in Jerusalem ist es noch schwerer, die wahre Wirklichkeit bei diesen komplizierten Verhältnissen zu sehen. Sein einziger Berater in jüdischen Angelegenheiten ist der Direktor Ephraim Gohn und vor allem, so nahe er auch räumlich den jüdischen Kämpfen in Jerusalem ist, so meilenfern muß er ihnen innerlich stehen. Er kann wirklich immer nur bestenfalls die „Art und Weise“ beurteilen, niemals aber wissen, tun welche Dinge es in diesem Kampfe geht. Gegenüber Ephraim Gohn stellen unsere Gewährsmänner in Jerusalem: Ben jehuda und David Jellin. Sie sind die geistigen Führer in dem Kampfe, den wir, ohne Uebertreihung, einen nationalen Befreiungskrieg nennen können. Namenlose Empörung herrscht im Lande. Der Kampf gegen gesinnungslose Mietlinge kann sich nicht in den Formen abspielen, die dem deutschen Generalkonsul aus der guten Gesellschaft eines wohlgeordneten Staatswesens vertraut sind. Die Analogien für das Vorgehen unserer Brüder in Jerusalem sind nicht in Knigges „Umgang mit Menschen“ zu suchen, sondern sie sind zu finden in den besten und stärksten Aeußerungen nationaler Leidenschaft in der Geschichte aller Kulturvölker, die bis zum letzten Blutstropfen gegen die Feinde der nationalen Freiheit gekämpft haben. Wenn der Turnvater Jahn mit der um ihn versammelten Jugend zum Turnen auf die Hasenheide zog, so galt das den Hütern der öffentlichen Ordnung in Preußen auch als gefährliche Demonstration und als ein Verrat an allem Herkommen und aller guten Sitte. Das jüdische Volk. d. h. die Millionen Juden, die sich bewußt zur jüdischen Nation rechnen, brauchten nicht erst von uns zu hören, wo in diesem Kampfe die innere Wahrhaftigkeit zu finden ist. Eine Behauptung stellt der (ieneralkonsul auf, die wir entschieden zurückweisen müssen. Er spricht von Telegrammfälschungen der „Welt“. Dem gegenüber erklären wir, daß alle unsere Telegramme Öriginaltelegramme sind, die wir mit dem Namen der Absender wörtlich zur Kenntnis unserer Leser bringen. Die Absender dieser Telegramme sind die besten Männer im modernen Judentum. Wir wissen, daß jedes Wort, das sie berichten, diktiert ist von Wahrheitsliebe und heiligster Hingabe an die Sache unseres Volkes. Wir glauben ihnen um so mehr, als wir dem Hilfsverein bewußte Entstellungen Nachweisen können. Erinnert sich die Leitung des Hilfsvereins noch an das berühmte Telegramm des Ghacham Baschi Franco? Aus Jerusalem ließ sie sich telegraphieren, daß der „Oberrabbiner der sephardischen Juden Palästinas“ im Schulkampf auf der Seite des Hilfsvereins stehe, und es stellte sich heraus, daß der Ghacham Baschi ganz ahnungslos war, von dem Beschluß des Kuratoriums noch keine Kenntnis hatte und nicht w u I, t e, welchem Zweck das Schriftstück dienen sollte, das man ihm zur Unterzeichnung vorgelegt hatte. Das ist allerdings eine Telegramm-Fälschung, eine Fälschung des Hilfsvereins; und dieser Hilfsverein spielt