Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 52 (25.12.1912)
- Date
- 1912-12-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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1631 Nr. 52 die3^i ELT So kündet es uns der Verlagsprospekt. Unter den „tiefsten“, Ludwig Jakobo wski und Else Jerusalem. Gestreift werden schließlich: Georg Hirschfeld, Viktor Fleischer, Hans Müller, Robert S a u d e k , Rudolf Lothar, Artur Landsberger und Alfred Gold. Man sieht also, daß der Anteil der Juden an dem deutschen Roman ein bedeutender ist. Der Wiener Dichter Paul Wertheimer ließ im Verlag* Karl Konegen in Wien Essays zur modernen Literatur unter dem Titel „K r i t i s c h e Miniaturen“ erscheinen, wo er sich u. a. mit Fritz Mauthners „Totengesprächen“ befaßt, eine Charakteristik des Dichters J. J. David entwirft und Otto Hausers „Spinoza“ ausführlich bespricht, wobei er auch dem jüdischen Problem nähertritt. Der bereits erwähnte Artur L a n d s b e r g e r hat unter Mitwirkung Hermann Blumenthals eine vornehm ausgestattete Sammlung von Jüdischen Sprichwörtern im Verlage Ernst Rowohlt zu Leipzig erscheinen lassen. Das Buch wird gekauft werden, weil es eine Lücke ausfüllt und eine Bereicherung der deutschen Literatur darslellt. Werden doch hier die kernigsten und markantesten jüdischen Sprichwörter verschiedener Zeiten und Zonen gesammelt und in einem mustergültigen deutschen Gewancl präsentiert. Die angefügten scherzhaften Redensarten stehen hoch über den üblichen jüdischen Witzen, die man nicht müde wird, immer wieder in elenden Ausgaben auf den Markt zu werfen. Ein Novellenbuch, das soeben im Xcnicn verlag, Leipzig, erschienen ist: ,,E m p f i n d s a m e M e n s c h e n“ von Lorenz Sch er lag, enthält auch eine jüdische Erzählung: „Der Musikant“. Von dem Dichter Stefan Zweig, der vor kurzem am Wiener Burgtheater die erfolgreiche Aufführung seines Dramas: „Das Haus am Meere“, erlebt hat, ist im Inselverlag, Leipzig, ein Novelienband erschienen, der sich dem Besten auf diesem Gebiete würdig an reiht: „Erstes Erlebnis“ sind die vier Geschichten aus Kinderland betitelt. Der Held der dritten und längsten Novelle „Brennendes Geheimnis*4, ist der jüdische Knabe Edgar. Von Edgars Mutter sagt der Dichter: „Die Dame war sehr soigniert und mit sichtbarer Eleganz gekleidet, ein Typus überdies, den der junge Baron sehr liebte, eine jener leicht üppigen Jüdinnen im Alter knapp vor der Ueberreife, offenbar auch leidenschaftlich, aber erfahren, ihr Temperament hinter einer vornehmen Melancholie zu verbergen.“ Das sich heimlich entspinnende Verhältnis zwischen dem Baron und der Mutter wird für den scharfsichtigen Edgar zum Verhängnis. Sensitiv und aufgeweckt, vertrauensselig und enttäuscht, erduldet das Kind geheime Qualen, an deren zurückgedrängter Fülle es fast zugrunde geht. Psychologisch fein weiß der Dichter zu schildern, wie der frühreife Knabe aus dein leidenden, totwunden Kinde der verständnisvolle, verzeihende Sohn wird, der in den reuevollen Tränen der unglücklichen Frau ein Gelöbnis dankbar erkennt, daß sie von nun ab nur ihm, nur ihrem Kinde gehören wollte. In dieser Absage an das Abenteuer, in dem stummen Abschied von allen Begehrlichkeiten war auch sie ihm dankbar dafür, daß er sie aus einem unfruchtbaren Abenteuer gerettet hatte. So schließt die spannende, kunstvoll erzählte, stimmungsvolle Novelle mit einer seelischen Läuterung der Hauptpersonen. W i e 11. Dr. M. Seherin g. Ernst Sommer: Gideons Auszug. Roma n. Oesterr e ich i scher Verlag. Wien. VI IL/2. 1912. „Mag das Buch immerhin Streit oder Beifall erwecken und Uebereifrigen Ketzerei oder Abtrünnigen eine Umkehr bedeuten. Seine Kraft und Tiefe liegen weitab von allen diesen Dingen. Es ist das Werk eines Dichters und sein Geschehen das Symbol der letzten und edelsten Menschlichkeit.“ „edelsten“ und vor allem „letzten“ Dingen tut inan es heutzutage nicht mehr gern. Und doch wäre es vielleicht besser gewesen, wenn sich Ernst Sommer diesmal noch mit den vorletzten Dingen begnügt hätte. Autor und Verlag sind aber in einem erheblichen Irrtum befangen, wenn sie befürchten, das Buch werde in unseren Kreisen auf übelwollende Beurteilung stoßen, weil uns seine Tendenz nicht genehm sei. - Der Verfasser will uns in Gideon Medigo einen jungen österreichischen Juden zeigen, der den Weg zum alten Heimatlande sucht und schließlich doch sehen muß, daß er aus seiner bisherigen Umwelt innerlich nicht mehr loskommt, und der an diesem Konflikt zugrundegellt. — Kein ernsthafter Zionist denkt daran, die Möglichkeit eines solchen Konfliktes zu leugnen und den, der uns davon etwas zu sagen hat, niederzuschreien. Im Gegenteil, wir sind recht dankbar für jeden Versuch eines Schriftstellers, sich mit diesem Problem dichterisch auseinanderzusetzen, gleichgültig, in welchem Sinne er das tut und zu welchem Ergebnis er gelangt. Nur freilich muß sein Können dazu ausreichen. Sonst tritt ein so wenig befriedigendes Ergebnis zutage, wie der vorliegende Roman es leider ist. „Gideons Auszug“ wirkt um so unerfreulicher gerade deshalb, weil die dichterische Begabung des Verfassers doch wiederum nicht so gering ist, daß man sein Buch als unliterarische Stümperei ansehen und zu den anderen Machwerken werfen kann, die uns die letzte Zeit wiederholt beschert hat. Gideon Medigo, der Abkömmling eines alten Spaniolengeschlechtes, schleudert zwar seinen „Gesinnungsgenossen“ die bitteren Worte zu: „Ucber eure großen Worte! Wo sucht ihr das Leben? In Kneipen und Bordellen!“ Dabei besteht aber sein eigenes Leben, diese wunderbare Welt seiner Jugend, die ihn nicht mehr losläßt, — abgesehen von müde-erotisclicn Beziehungen zu Tänzerinnen — überhaupt nur aus sentimentalverschwommenen und hochtrabenden Redensarten, hinter denen nichts steckt. Er selbst und die meisten anderen Figuren des Romans haben „Masken, Gewänder, aber kein Gesicht!“ Nach welch kindlichem Schema ist beispielsweise Gideons dämonisch sein sollender Vater geschaffen, der, wenn er erscheint, nichts als satanisch-genialische Sätze von tiefster Bedeutung von sich gibt und bei dessen pädagogischem Teufelsprograinm man sich so viel denken kann, als man immer Lust hat. Die schwächliche LebensunWahrheit des Buches fühlt man am meisten da, wo man zu merken glaubt, daß dem Verfasser bestimmte Personen oder Vorfälle des österreichischen jüdischen Lebens vorgeschwebt haben, weil gerade hierbei Ernst Sommers Schwäche im Gestalten am grellsten hervortritt. Es sei mir an dieser Stelle die bescheidene Bemerkung gestattet, daß man Lebens Wahrheit noch nicht dadurch ersetzt, daß man einen unglücklichen und hochbegabten Zionisten, der, in der Blüte seiner Jahre verstorben, noch manchem der älteren unter uns persönlich bekannt gewesen ist, unter voller Namensnennung vorführt und an Syphilis zugrunde gehen läßt! Ich habe zwar beim Lesen niemals den Eindruck gehabt, daß Ernst Sommer das aus Freude an „Pikantenen“ getan hat, noch bin ich der Ansicht, daß darunter die Ehre des Betroffenen leidet, — ja, ich gebe sogar zu, daß unter Umständen ein solches Moment literarisch g u t verwertet werden kann. Trotzdem bleibt es im gegenwärtigen Fall eine arge Geschmacklosigkeit, für die man nicht genug harte Worte finden kann! — Irn .Anschluß hieran muß ich auch noch sagen, daß mich Gideons — an sich keineswegs kunstlose! — Erzählung von der heimlichen Entkleidung seiner toten kleinen Schwester durch ihn einigermaßen widerwärtig berührt hat. Ich leide durchaus nicht an sexueller Prüderie. Trotzdem finde ich es außerordentlich bedauerlich, daß gerade so viel junge