Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 52 (25.12.1912)
- Date
- 1912-12-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316566--56890-3350850- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1630 die^elt ausgemalt, die seiner wartete, sobald er mit seinem Schüler das ganze Buch der „Richter“ beendet haben würde. Er würde seine Mutter veranlassen, eine schöne Mahlzeit zu bereiten; er mit seinem Schüler würden gemeinsam eine „Se'uda" halten zur Feier der „Mizwah“, die er allein vom Anfang bis zum Ende vollbracht hat! Und nun hat Simons Mutwille diesen schönen Plan vereitelt. . . . So hat er ihm Gutes mit Bösem vergolten. Simon wußte doch, daß er es nicht dulden würde, und doch hat er ihm die Treue gebrochen — um ihm zu trotzen, ihn, den kleinen Lehrer, zu verspotten. Michael war tief gekränkt und mochte seinem Schüler nicht ins Gesicht sehen. „Verzeihe, Michael!“ bat Simon. Michael kehrte ihm den Rücken. „Ich habe gefehlt!“ rief Simon abermals mit flehender Stimme. „Ich verspreche dir, es nicht wieder zu tun. Lernen wir weiter, ich bitte dich darum, Michael!“ Simon legte bittend die Hand auf die Schulter seines Lehrers; dieser aber wies ihn zornig von sich: „Ich will mit einem treulosen Jungen wie du nichts zu tun haben. Laß mich in Ruhe!“ „Michael!“ setzte Simon seine Bitten fort, „ich habe schwer gesündigt und ich verdiene auch harte Strafe. Ich bin bereit, eine Prügelstrafe zu erdulden. Ich will mich nun regelrecht auf die Bank hinstrecken, und du nimm meinen Riemen und prügle mich.“ Der Vorschlag kam Michael recht lustig vor und sein Zorn war bald verschwunden. . . . Der große Schüler wird sich auf die Bank legen und er, der kleine Junge, wird den Riemen schwingen wie ein wirklicher Lehrer, Nr. 52 schwingen und niedergehen lassen — welch wunderbarer Spaß! Selbstverständlich wird er ihn nicht auf den bloßen Körper schlagen, sondern auf die Beinkleider, und auch nicht heftig, sondern ganz leise, ohne ihm weh zu tun; es geschieht ja nur zum Spaß. . . . Simon schnallte seinen Riemen los, übergab ihn Michael und streckte sich der Länge nach auf die Bank. Er hob seinen langen Kaftan, so daß sein fadenscheiniges, verschiedenfarbig geflicktes Beinkleid sichtbar wurde, das stellenweise arg zerrissen war. Still lag er da und harrte der Strafe. Michael betrachtete den hingestreckten Jungen, seine ärmliche Kleidung, seine breiten, ausgetretenen Schuhe und es brach ihm das Herz. Es war kein fröhlicher Anblick. Er begriff nun die ganze Größe des Jungen, seine grenzenlose Liebe zur Thora, um derentwillen er bereit war, sich so zu demütigen, so viel Leid und Mühsal zu ertragen. Einige Augenblicke stand Michael still da, hielt den Riemen in der Hand und blickte wirr um sich. Endlich brach er in lautes Weinen aus. . . . Er lehnte seinen Kopf an den Simons und weinte. „Warum weinst du, Michael?“ fragte ihn dieser verwundert. „Vergib mir . . . ich ha be ge—sündigt, ich ha—be dich her -ab--ge— setzt“, stotterte der weinende Michael „ich. . . Er fand keine Worte, um seine Erregung auszudrücken. Der Schüler nahm seinen kleinen Lehrer auf den Schoß, umarmte und tröstete ihn. . . . WU LITERARISCHE RUNDSCHAU Bunte Lektüre Fritz M a u t h n e r , dessen Roman „Der neue Ahasver“ manchem bekannt sein dürfte, hat sich in den letzten Jahren ganz der Sprachforschung zugewandt und manchen Schatz gehoben. Mit Recht gilt er heute als einer der größten Sprachpsychologen Deutschlands. Nun ist ihm ein Standard \v o r k im wahren Sinne des Wortes gelungen: Wörter b u e h der Philosophie. Dieses imposante, aus zwei stattlichen Bänden bestehende Werk ist in Georg Müllers Verlag zu München erschienen und enthält eine Fülle geistvoller, feingeschliffener, scharfsinniger Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Es würde zu weit führen, wollte ich mich hier in Einzelheiten einlassen oder gar über die Gesichtspunkte, von denen Mauthner ausgeht, auch nur Andeutungen geben. Ich möchte lediglich darauf hin weisen, daß Mauthner auch in der Sprachforschung Jude bleibt, lieber jüdische Themen und Probleme, jüdische Denker und Dichter enthält sein Wörterbuch ungemein anregende Einzelheiten und scharfe Streiflichter. Hier seien nur einige Punkte aufgezählt: Assimilation, Bibel, Judentum, Gott, Hebräisch, Judengriechisch. Eine besondere Auseinandersetzung mit der Religion bietet der Artikel Christentum. Sogar mit dem Wörtchen Nebbich befaßt sich Mauthner näher. Eine stattliche Reihe von Namen jüdischer Denker und Dichter begegnet einem bei der Lektüre. Es seien nur Spinoza, Mendelssohn, Jerusalem, Lazarus, S t e i n t h a! , M a i in o n , Auerbach, Heine, C oben und B u b e r erwähnt. Als Beweis ernster aufbauender Arbeitskraft und genialer kritischer Intuition möge das Werk* denen entgegengehalten werden, die dem Juden beides absprechen möchten. Dem Romanschriftsteller Fritz Mauthner widmet Hellmuth Mielke in seinem bei Carl Reissner erschienenen Buche: Der deutsche Roman, einige anerkennungsvolle Zeilen, die dem Schaffen dieses Mannes gerecht zu werden trachten. Gerechtigkeit läßt Mielke auch den anderen Schriftstellern jüdischer Abstammung, die er in seinem lesenswerten Werk anführt, widerfahren, so insbesondere: Berthold Auerbach, Karl Emil Franzos, Georg Hermann, Jakob Wassermann, Artur Schnitzler, Leopold Kompert, Richard H u 1 d s c h i n e r und Heinrich Heine. Dagegen vermißt man u. a. Heer-Hof mann, Brieger-Wasscrvogel, Herzl, Nord au, Frisch, Langmann, Buh er, Leppin, Lorm. Man findet in dem vorliegenden Buche recht interessante Angaben über Bücher jüdischen Inhalts, wie: Hauffs „Memoiren des Satans“, ferner Spindlers „Juden‘g Gutzkows „Der Zadducäer von Amsterdam4*, Unger-Sternbergs „Diana“, und Gutzkows „Kurstauben“, Freytags „Soll und Haben“, Raabes „Hungerpastor“, Spielhagens „ln Reih' und Glied“, Sacher- Masochs „Vermächtnis Kains“, Hegelers „Pietro der Korsar und Jüdin Cheirinca“, Hausers „Spinoza“ und Hauschners „Familie Lowositz“. Erwähnt sind ferner in diesem Werke: die Raliel und Fanny L e w a I d , deren Roman „Jenny“ das Thema der Mischehe zwischen Juden und Christen behandelte, Hermann Blumenthal, Theodor Hertzka, Stefan Zweig, Felix Holländer, Richard Jaffe, Moriz Hartman n,