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Die Welt · 1912-12-25 · 52 (25.12.1912) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
52 (25.12.1912)
Date
1912-12-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 52 1620 blE^ELT das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone und die Stadt Czernowitz ernannte ihn zu ihrem Ehrenbürger. Am Leichenbegängnisse nahmen zahlreiche Rabbiner aus der Bukowina und Galizien teil, Vertreter der Landesbehörden und der Erzbischof von Czernowitz. Im ganzen Lande herrscht allgemeine aufrichtige Trauer. Tod eines hervorragenden jüdischen Juristen (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Unlängst verschied in Budapest im Alter von 50 Jahren der Richter des höchsten Gerichtshofes, der kön. Kurie, Dr. Des i d e r M ä r k u s. Der Verblichene war einer der tüchtigsten Juristen des Landes. Die ungarische juristische Fachliteratur der Neuzeit ist mit seinem Namen untrennbar verknüpft, da er Herausgeber oder Verfasser der wichtigsten Werke war. Er war zugleich Generalsekretär des Landesvereins der Staatsanwälte und Richter, auf welchen Posten ihn das Vertrauen seiner Amtskollegen sofort bei der Konstituierung des Vereins berief. Im Anfänge der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, da die imgarländische Judenheit um ihre gesetzliche Anerkennung kämpfte, war Dr. Markus einer der mutigsten Streiter. Dem Judentume hielt er auch später die Treue, obwohl er wegen seiner vielseitigen Inanspruchnahme in jüdischen Angelegenheiten persönlich nicht mitwirkte. Er hatte Gelegenheit, von seiner Anhänglichkeit an das Judentum rührende Beweise zu liefern. Vor drei Jahren ließen sich seine Frau und ihre Kinder heimlich ohne sein Wissen taufen. Er nahm sich diesen Schritt so zu Herzen, daß er sich von den Seinigen trennte und nur nach einer geraumen Zeit auf Flehen der Kinder zum gemeinsamen Haushalte zurückkehrte. Vor seinem Tode schrieb er, von Ahnungen geplagt, an das Sekretariat der Budapester Chebra Kadischa und forderte dieselbe auf, beim Eintritt seines Todes sein Leichenbegängnis auf dem jüdischen Friedhofe lind nach jüdischem Ritus vornehmen zu lassen. Seine Ahnungen verwirklichten sich. Kurz nach seinem Tode machte seine Witwe Anstalten, das Leichenbegängnis nach katholischem Ritus besorgen zu lassen. Da erschien das Sekretariat der Chebra Kadischa, wies die letztwillige Verfügung des Verstorbenen vor, und erwirkte den Bescheid der Behörden in diesem Sinne. So wurden seine sterblichen Ueberreste seinem Wunsche gemäß auf dem jüdischen Friedhofe bestattet. FEUILLETON °°°°°° >. Aus Liebe zur Thora Von A. 8. Rabinowitz. (Aus dem Hebräischen von M. B.) Im Beth-Hamidrasch der „Deutschen4' sitzt ein etwa sechzehnjähriger Junge in abgetragener, geflickter Kleidung, in eine Bibel vertieft. Die groben Gesichtszüge verraten seine niedere Herkunft, aber aus seinen dunkeln, großen Augen blicken Mut und Entschlossenheit, den einmal betretenen Weg nicht zu verlassen, unbekümmert um die großen Schwierigkeiten und Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Alle Besucher des Beth-Hamidrasch kennen ihn, des Schusters Simon. Alle lieben den Jungen, aber auch alle gehen ihm aus dem Wege. Sie lieben ihn ob seines frommen Wandels und unermüdlichen Fleißes im Thorastudium, weichen ihm aber am liebsten aus, weil er bald diesen, bald jenen zu wiederholten Malen mit der Bitte belästigt, ihm irgendeine Stelle in der Thora zu erklären. Es ist ja im Grunde nicht recht, einen Jungen mit einer solchen Bitte zurückzuweisen, denn es ist die heiligste Pflicht eines Thorakundigen, andere zu lehren; aber leicht und angenehm ist es nun einmal nicht, einem Jungen wie Simon etwas beizubringen, der sich nie und nimmer an einer einmaligen Erklärung genügen läßt. „Ich verstehe es noch nicht44, klagt Simon, nachdem ihm ein Vers unzählige Male erklärt worden ist. „Was kann ich1 dafür?44 bekommt er zur Antwort, „leb habe es dir schon so oft erklärt und ich habe keine Geduld mehr. Du hast eben zu spät angefangen und taugst nicht für das Studium. Du solltest lieber bei deinem Leisten bleiben!44 Simon batte nämlich bei seinem Vater, einem unwissenden Schuster, in Lehre gestanden und das Handwerk einigermaßen erlernt. Plötzlich war in ihm der Trieb erwacht, sieh dem Thorastudium zu widmen. „Soll denn ein Schuster die Thora nicht kennen?44 fragte er mit dreister Miene. „Was läßt sich aber machen, wenn dir der liebe Herrgott einen so harten Schädel beschert hat? Ich kann dir doch nicht einen anderen Kopf aufsetzen!44 „Wenn ich einen harten Schädel habe, so muß ich mich eben doppelt soviel bemühen44, antwortet er. „Ich kann aber doch nicht den ganzen lieben Tag mit dir zubringen und muß jetzt nach Hause gehen.44 Nach solchen Auseinandersetzungen pflegt Simon den Kopf zu senken und in verzweifelter Resignation dazustehen. Aber bald rafft er sich tapfer auf und seine tränengefüllten Augen erstrahlen in heller Freude. „Nun denn, so wollen wir es anders machen44, sagt er lächelnd. „Ihr habt versprochen, mir das ganze Kapitel zu erklären; erklärt mir nur drei Verse je sechsmal, und das wird ebenso viele Verse geben, als das ganze Kapitel zählt!44 Angesichts einer solchen Rechnung bleibt dem Lehrer nichts übrig, als zu lachen und dem Schüler seine Zudringlichkeit zu verzeihen. So wird das Studium geduldig fortgesetzt, bis das ganze Kapitel absolviert ist. Bei so vieler Mühe und mit allen möglichen Kunstgriffen gelang es Simon schließlich, sich einige Kenntnis im Pentateuch anzueignen. Einen ausgezeichneten Lehrer fand er in Michael, einem zehnjährigen Knaben, der in der ganzen Stadt den Ruf eines „Lamdan44 genoß. Dieser lehrte ihn täglich vor dem Morgengebet; an schulfreien Tagen studierte er mit ihm viel, stundenlang. Michael war es aber nicht redrt, wenn Simon auch noch andere Lehrer in Anspruch nahm und z. B. ein Kapitel, bevor e r es mit ihm ganz durchgearbeitet hatte, mit Hilfe anderer zu Ende lernte. Michael wollte ganze Arbeit verrichten; er hatte den Ehrgeiz, mit seinem Schüler ein ganzes Buch vom Anfang bis zum Ende durchzunehmen, und beschloß, mit den „ersten Propheten4' zu beginnen, freilich unter der Bedingung, daß es Simon nicht einfalle, für diesen neuen Gegenstand auch noch andere Lehrer zu suchen. Simon nahm diese Bedingung an. Als er aber zur Geschichte Simsons kam, konnte er der Neugier nicht widerstehen, das Ende von Simsons Heldentaten zu erfahren, und ließ sich von einem anderen das weitere übersetzen und erklären. Als Michael zur Stunde kam, entdeckte er den Treubruch. Er war darüber furchtbar erbittert. , Wie oft und wie schön hat sich der jugendliche Lehrer die Freude

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