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Die Welt · 1912-12-25 · 52 (25.12.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
52 (25.12.1912)
Date
1912-12-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 52 DIE^ELT 1622 knickte Seele, es weint ein starkes Herz. Seine Klage strömt nicht hin, wie armselige Jammerrufe, sie steigt auf, wie eine Feuergarbe. Darum lieht ihn unsere Jugend so sehr, denn sie fühlt in seinen Liedern jenen befreienden Schmerz, der Faust dem Frühlingstage zurufen läßt: ,,Die Trane quillt, die Fr de hat mich wieder.“ Morris Kosente Id ist eigentlich kein Sohn des Ghetto; er gehört nicht zu dem Kreise jener Poeten, die im russisch-jüdischen Milieu leben, oder doch die beste Zeit ihres Werdens und Schaffens gelebt haben. A s c h , F r u g , P e re/, P i n s k i, Reis e n wurden dort zu Dichtern, wo trotz Schmutz und Hunger, trotz Nagaika und Pogrom viel heimliche, jüdische Schönheit blüht und ein trautes Beieinandersein; wo sich die Menschen im „Städtl“ gleichsam seit Urgroßvaters Tagen kennen; wo ein inniges Ineinanderweben von Leid und Lust die grausamste Fuge erhellt, wo die „Gaß“ noch ein Herz hat . . . Rosenfeld aber ist ein Ausgestoßener. Allzu früh schon mußte er in die Judenviertel von London und New York, in jene Ghetto-Filialen, die wenn man sich an das Dantesche Bild der Hölle hält gegenüber der osteuropäischen Exilsenge den tieferen Höllenkreis bedeuten. Wohl droht nicht der Einbruch der schwarzen Hundert, wohl saust nicht die Kosakenpeitsche nieder: Aber entsetzlich hoch und kahl sind die Kasernen des Elends, ohne Licht und Luft, ohne Lied und Tanz, entsetzlich das Schwitzsystem der Schneider- und Kürschnerwerkstätten. Die Familienhande, die drüben oft eine ganze Zeile von Juden hä usern umfaßten, mit weißen Greisen und lachenden Enkeln, mit einer gütigen „Babe“ und einem klugen ,,Seide“, mit Geschwistern und Geschwisterkindern die hat man im Zwischendeck nicht mitnehmen können. Die Schmelztiegel-Zivilisation sucht jedes Fünkchen Eigenart zu ersticken. Das Volkslied zehrt nur an mitgebrachten Erinnerungen, wird immer blasser und erborgter. Man Kt verlassener, selbst wenn die Lebenshaltung besser wird. ln diesem Milieu singt Morris Rosenfeld. Man findet also bei ihm nicht das süße, heimliche Glück der Kellerstuhe, wie hei P e r e z oder P i u s k i , keinen ewig heiteren, armen Teufel, wie Berl, den Lastträger, der das Seufzen nicht erlernen kann. Hier gibt es kein ,,Kölner Gäßchcn“, wie bei Schalom Asch, keinen riesenhaften Bengel, wie Note, des Fuhrmanns Jüngster, der mit seinem Hunde Borek, seinem Schafe Bajska, der Lichlingstaubu auf der Schulter und die bleierne Peitsche in der Hand durch die Kölner Gaß' geht und vor dessen gewaltiger Eisenstange die Hooligans das Weite suchen. Und wahrlich: In Whitechapel gibt es keinen ,,Weg nach Schcmeiiitz“, auf dem das Firmament den jüdischen Landgelier in sommernächtlicher Pracht begleitet.. Die harten und kargen Daten des Rosenfeldschen Lebens sind aus seiner Selbstbiographie bekannt, die er seinem verdienstvollen lÜbersetzer und Vorkämpfer Berthold F e i vv e 1 zur Verfügung stellte, sowie aus dem interessanten Vorworte von Alexander Harkcwi zur jüngsten Gesamtausgabe seiner Werke in jüdischer Sprache. Er wurde irn russischen Städtchen Bokscha geboren, das lieblich zwischen Wald und See liegt, und seine Eltern und Großeltern waren Fischersleute. Russischjüdische Fischersleute sind nicht von der Art der jüdischen Prügelknaben Europas, sondern kernige, wetterharte Männer und urwüchsige Weiber, Menschen die — wie Asch sagt — „mehr Sinn für Feld und Wald haben, als für Bethaus und Mikvvah“, Leute, die am Sabbat nach dem Beten, von Frau und Kindern umgeben, draußen auf den Wiesen liegen, mit rauher Stimme singen und einen Schluck Branntwein vertragen. So hat Rosenfeld die Kraft geerbt, die ihm in den schwersten Nöten eine ganz wunderbare Energie gab. Er ließ sich nicht unterkriegen. Als er noch ein zarter Knabe war, verschlug das Judenschicksal seine Familie nach Warschau und das Jahr der großen jüdischen Wanderung führte den 18 jährigen Ehemann über Holland nach London. Im 21. Lebensjahre treffen wir ihn bereits in New York, wo er auch gegenwärtig lebt. Es sind die Jahre furchtbaren Frondienstes, hinter der „Singer- und Scharermaschine“ der Sweat-Shops. Hier wurde er erst zum Dichter. Im Lärm der sausenden Maschinenräder, in dem ewigen, öden Takte der mechanisch schuftenden, zur Maschine gewordenen Lohnsklaven brach sein Lied los. . der Sklave, der seufzt, und der Sklave, der stöhnt, Der weckt in mir die Lieder, Und flammend erwacht in mir ein Sang Für meine armen Brüder.“ Wie ein richtiger Sänger aus längst entschwundenen Zeiten, da es noch keinen Literaturmarkt gab, keine Poetenbörse, keine Büchermache und kein Reklamesystem mtit wechselseitiger Versicherung — sang er nur für seine Arbeitsgenossen und diese sangen ihm die Lieder nach. Diese Gedichte — so berichtet sein New Yorker Biograph sind nie im Druck erschienen und unbekannt geblichen. Später begann er, der für Tagelohn arbeitende Proletarier, kleine Sammlungen zu veröffentlichen. Und merkwürdig: die jetzt berühmten Lieder von der Werkstatt, von der Träne auf dem Eisen, die Elulmelodien, die Balladen von den jüdischen Wanderern und Rückwanderern fanden keinen, oder doch nur geringen Widerhall. Auch nicht, als Rosenfeld wie ein Troubadour von Ort zu Ort vvanderte und seine Verse vortrug. Die literarische Verfassung des jüdischen New York war damals kläglich. Die Fachleute von der Poeterei verhöhnten diesen Dichter als versemachenden Schneiderges eilen. Da ging Rosenfeld hin (man beachte die zähe Willenskraft des darbenden Familienvaters) und gab eine periodische Kampfschrift heraus. Es war freilich nur ein winziges Blättchen, dem bald der Atem ausging. Aber die Schreiberseelen und ihr Publikum wurden darn sehr unsanft geschüttelt. Bekanntlich trat dann ein glücklicher Zufall ein. Professor Wiener von der Harvard-Universität zu Cambridge übertrug des Dichters Sammlung „Das Fiederbuch“ ins Englische und nun begann der Prophet in fremden Landen zu gelten. Es folgten Uebersetzungen von V r c h 1 i c k i, Maxim Gorki und anderen, vor allem aber die deutsche Nachdichtung der „Lieder des Ghetto“ von Berthold Feiwel, die Morris Rosenfeld selbst als musterhaft bezeichnet, und vor vier Jahren erschien die bereits erwähnte Gesamtausgabe seiner Dichtungen in jüdischer Sprache, herausgegeben von A. M. E v a 1 e nko, zu New York. In seinem Geleitwort „Vom Dichter zum Volk“ bringt der Autor eine rührende Bitte vor: In vielen fremden Zungen singe man schon sein Lied. Möge es endlich auch bei jenen heimisch sein,

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