Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-12-25 · 52 (25.12.1912) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
52 (25.12.1912)
Date
1912-12-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316566--56881-3350841
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 52 DIE WELT 1621 gehen, ebenso gelinde und nachsichtig handeln sie, wenn es sich um einen nichtjüdischen Klienten handelt. Wie oft wandten sich an mich als Rechtsvertreter eines größeren Bankinstitutes ehrenhafte und vermögende Kaufleute, Besitzer von Immobilien und Pfandrechten, mit der Bitte um Intervention wegen eines wenn auch minimalen Kredites zur Beendigung begonnener Investitionen, und wie schwer fiel es, ihrer Bitte Erfolg zu erringen! Hingegen werden die Wechsel christlicher Firmen, die sogar schon mit dem Konkurse kokettieren, auch von den jüdischen Direktoren fast durchweg prolongiert, denn sie fürchten sich — wie einer von ihnen mir offen gestanden hat von der polnischen Presse als Ausbeuter gebrandmarkt zu werden, die einen polnischen Kaufmann zugrunde gerichtet haben. Demgemäß leugneten auch die eingeladenen würdevollen „Sachverständigen“ bei einer Regierungskonferenz in Wien, daß überhaupt irgendwelche Kreditkrisis das Land bedrohe; in demselben Sinne orakelten sie mit scheinheiliger Mitleidsmiene bei einer Sitzung, die vom Landesmarschall einberufen wurde. Wie dem auch sein mag, die Tatsache bleibt unerschütterlich, daß vor dem Krieg und ohne Krieg dem Organismus des jüdischen Volkes in Galizien schwere Wunden geschlagen wurden. Kaum hatten sich die Juden mittels einer eigenen und eigenartigen Kreditverzweigung zur Höhe des erwerbenden Bürgertums hinaufzuschwingen verstanden, so drückte sie der jähe Zusammenbruch der ausgedehnten Kreditbasis wieder in die Niederungen des proletarischen Daseins herab. Diese lokale Tragödie der galizischen Juden wird zu einer allgemein-jüdischen Katastrophe. Denn der Bettelstab ist von den administrativen Behörden nach allen Regeln der modernen Wohltätigkeit verboten, und so wird an seiner Stelle wieder der alte Wanderstab das alleinige Re medium bleiben müssen; ein Strom von jüdischen Wanderern, die im Register der Emigrationsstatistik als eine neuartige Sorte herabgekommener Bürger figurieren werden, wird von der Rute des Elends gepeitscht sich nach allen Weltteilen ergießen, wird die Ruhe der Satten stören und vergebens an das Mitleid der Glaubensgenossen und der liberal denkenden Umwelt apppellieren. Denn während nach jedem Pogrom in Rußland die mitfühlende Seele des Gesamtjudentums und auch das Gerechtigkeitsgefühl der nichtjüdischen Welt erbebte und den zurückgebliebenen Waisen und Witwen hilfreiche Hand darbot, bleiben nach diesem ökonomischen Pogrom in Galizien alle Herzen stumm und kalt. Vielleicht deswegen, weil bei der jetzigen Wanderung die Kinder und Frauen von ihren unglücklichen, aber immerhin am Leben gebliebenen Vätern und Männern auf der Pilgerfahrt begleitet sein werden; vielleicht deswegen, weil bei diesem ökonomischen Pogrom die „Bestie im Menschen“ sich nicht so wild gebärdete. Aber die Ursachen — insoferne sie außer uns liegen — waren dieselben. Es ist die Kluft, die zwischen uns und unserer Umgebung gähnt, die Haß- und Abschlachtungspolitik, die gegen uns geführt wird. Und auch die Folgen bleiben dieselben: die Vergrößerung des Lumpenproletariats und das Herum irren in allen Hafen- und Großstädten in hoffnungsloser Verzweiflung. Gestehen wir es ehrlich und offen, daß auch wir, die zionistische Partei in Galizien, uns der plötzlich hereingebrochenen Krisis nicht gewachsen zeigten. Vielleicht, weil uns die düsteren Ereignisse zu rasch über den Kopf gewachsen sind, vielleicht, weil wir allzu viel in anderen Richtungen uns überbürdeten, und uns deswegen hier der Atem versagte. Selbstverständlich könnte nur ein Tor uns darob Vorwürfe machen, daß wir mit unserer materiellen Stütze nicht herbeigeeilt sind. Helfer im wörtlichen Sinne konnten wir niemals sein, aber sicherlich hätten wir die Möglichkeit und auch die Pflicht gehabt, uns als Wegweiser zu bewähren. Wir konnten nicht mit Taten beistehen, aber auch unser Rat wäre den Bedrängten zu einer Zeit erwünscht gewesen, da sie nur sich selbst und der Gnade, genauer gesagt, der Ungnade der Herren Direktoren überlassen waren. Für die Zukunft sollen wir aus dieser tragischen Geschichte lernen und beizeiten an die Arbeit gehen, um solchen Katastrophen vorzubeugen. Der ganze künstlich hergestellte und jetzt eingesunkene Bau des jüdischen Wirtschaftslebens in Galizien muß umgearbeitet und auf natürliche und festere Grundlagen gestützt werden. Denn es bedarf, denke ich, kaum des Nachweises, wie sehr unsere Bewegung dadurch beeinträchtigt wird, wenn die jüdischen Massen Krisen und Katastrophen unterliegen, die dem Volke jedwede Hoffnung auf die Zukunft rauben und seinen Schwung bis zur Ohnmacht lähmen. D r. Leon Reich. MORRIS ROSENFELD (Zu des Dichters 50. Geburtstage.) Von Dr. Otto Abeies Heute wird „der Tränenmillionär“ fünfzig Jahre alt. Im Leben des östlichen Judentums gibt es eine kostbare Stunde. Wenn die Slichesnächte kommen, geht der Synagogendiener durch den grauenden Herbstmorgen und ruft nach einer alten, mächtigen und erschütternden Melodie, in vollem Forte — als gälte es rasch und fest ans Herz zu greifen — sein „Stehet auf, stehet auf zu Awoidas haboire“ durch die dämmerumfangenen Gassen hin. Niemand kann sich der traurigen Hoheit dieser Stunde entziehen, alt und jung, Männer wie Frauen lauschen mit pochendem Herzen, wenn der Nachtgesang mit den hallenden Schritten des Slichesrufers näher zieht. Bald knarren die Holzgänge und Türen, in den Betstuben flackern Lichter auf die Söhne des Exils erlösen sich in weihevoller Ergriffenheit. Eine solche Stimmung, wie die der Slichesnacht ist, weht uns aus den Dichtungen Rosenfelds an. Denn das, was Morris Rosenfeld über die anderen neuen Jargondichter erhebt (von denen mancher vielleicht bedeutender ist, als er), das, was ihn uns so teuer macht, ist ein erschütterndes, aber heiliges Pathos. Sein dunkles Lied drückt nicht nieder, es richtet auf. Seine Muse weint. Jawohl. Aber ein anderes ist's, wenn der feige Thersites wimmert, oder der weiche Paris schluchzt — ein anderes, wenn der Held Achilles weint. In der Dichtung Rosenfelds jammert keine ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.