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Die Welt · 1912-12-25 · 52 (25.12.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
52 (25.12.1912)
Date
1912-12-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1620 -— - - t>IE3§KELT -. ■ ■ ■ Nr. 52 Der wirtschaftliche Judenpogrom in Galizien Soviel man auch über die gegenwärtige Krisis in Galizien schreiben mag, man wird dennoch kaum dazu gelangen, die Dimensionen und Konsequenzen dieser Krisis genügend zu ermessen. Der Schrecken dieser Situation steigert sich für den Beobachter durch den grellen Kontrast, der darin liegt, daß die bedeutendsten Banken, an deren Widerstand eben Tausende und Abertausende von Juden zugrunde gehen, zumeist von jüdischen Direktoren geleitet werden. Und es ist nicht die Rede des Herrn Pranger allein, die diese traurige Notlage herbeiführte. Eine Rede ist wohl imstande, eine Einzelperson oder auch größere Gruppen zu schädigen, sie vermag jedoch nicht, ein ganzes Volk zu ruinieren. Dazu müssen gewichtigere und tiefere Gründe vorhanden sein, und diese liegen vor allem in den Begleiterscheinungen des ökonomischen Daseins der Juden in Galizien, dann aber auch in der feindseligen Haltung seitens der polnischen und leider auch der jüdischen maßgebenden Kreise. Die ökonomische Struktur des jüdischen Volkes hatte niemals eine festgefügte Basis — und vor allem war die Produktionseinteilung eine ganz einseitige und unsystematische. Ohne genügende Vorbereitung für den kaufmännischen Beruf, häufig ohne Sach- und Platzkenntnisse, überfüllten sie manche Erwerbszweige, und lange bevor noch die Industrialisierung des Landes ein aktuelles Losungswort geworden war, stürzten sie sich auf allerlei neue Produktionszweige. Unter Entbehrungen und Entsagungen, mit denen eben nur ein Jude fertig zu werden vermag, erzielten sie da, wie beispielsweise in der Papier- oder Lederindustrie, ganz beträchtliche Erfolge. In zäher Ausdauer ließen sie sich von Mißerfolg und Mißgeschick nicht brechen, sondern fingen, nachdem das eine oder andre Unternehmen fehlgeschlagen war, die Arbeit immer von neuem an. So gab es vor zehn Jahren eine fürchterliche Baukrisis in Lemberg, die vielleicht als Mene Tekel für die Zukunft hätte dienen sollen. Aber kaum war das erste Unheil vorbei, so beschäftigten sich die Juden schon wieder mit Bauspekulationen aller Art, durch die sie auch zu bemerkenswerten Erfolgen gelangten. So arbeiteten sie immer von neuem, mit erneuten Kräften und — neuem Betriebskapital, denn solches aufzubringen war für sie niemals eine ernste Schwierigkeit. Dafür sorgten wieder andere — und hier ist die Kehrseite der Medaille. Es waren nämlich insbesondere die in der Provinz auferzogenen „Bachurim", die, gewöhnlich nach ihrer Heirat in Verlegenheit, was sie mit sich selbst und mit den als Mitgift übernommenen paar tausend Kronen beginnen sollten, sich die bequeme Rolle eines Geldgebers oder „Geldbesorgers" zu ihrer Beschäftigung wählten. In den kleinen Orten Galiziens pflegten sie am häufigsten gemeinsam mit ihrem Schwiegervater, Schwager oder anderen Familienangehörigen nach den Gesetzesvorschriften vom Jahre 1873 Kreditgenossenschaften zu gründen, die wohl — trotz ihres erheblichen Zinsfußes — von unstreitigem Nutzen für die lokale Bevölkerung waren, die jedoch in erster Linie die Tendenz hatten, als Familienbanken zu fungieren, den Mitgliedern der Familie ein beträchtliches Jahreseinkommen und den Bankgründern Direktorstellen zu verschaffen. Diejenigen wieder, die mehr europäischen Sinn für „großzügige" Geschäfte hatten, übersiedelten nach Lemberg und etablierten sich als Privates kompteure, oder sie reisten auf Grund ihrer Jahres-Bahnkarte einigemal in der Woche nach der Hauptstadt, versehen mit einem dicken Portefeuille von Akzepten ihrer „Kunden", denen sie gegen hohe Provisionen, vermöge ihrer Familieneinflüsse und gewöhnlich auch ihres Giros in größeren Bankhäusern und „Hausbanken" Kredite erwirkten. Und so 'weitete sich dieses ökonomische Gerüst immer mehr und mehr, bis es unter dem Hauch des ersten ungünstigen Windes wie ein Kartenhaus zusammenstürzte. Die politische Situation, deren Gefahr in den Regierungskreisen vor Monaten bereits erkannt wurde, gebot der österreichisch-ungarischen Bank, rechtzeitig für die Aufspeicherung eines größeren Geldquantums zu sorgen, und dies veranlaßte den Generalsekretär, vor einer weiteren Kreditausdehnung zu warnen und zur Restringierung des bisherigen Kredites aufzufordern. Und nun erwies sich, daß die ökonomische Entwicklung der jüdischen Bevölkerung einen circulus vitiosus bildete, aus dem es kein Entrinnen gab. Die mit Unterschriften von Bauunternehmern versehenen Wechsel wurden regelmäßig abgewiesen, und dies zog die ersten Furchen in das wirtschaftliche Tun und Lassen der Bauspekulanten, Techniker, Ziegeleibesitzer und verwandter Unternehmungen. Die Kredit- und Erwerbsgenossenschaften, denen schon ohnehin unter dem Drucke der Christlichsozialen durch ein neues Parlamentsgesetz auf den Leib gerückt werden sollte, verloren durch die Einschränkung ihres Kredites bei den bedeutenden Instituten, noch vor der Annahme des geplanten Gesetzes, völlig ihren Rückhalt. Die Privatbankiers und Geldvermittler fanden allmählich verschlossene Türen, \vo sie früher nur anzuklopfen brauchten, und damit waren auch die schönen Tage für alle diejenigen zu Ende, denen der Kredit in letzter Reihe zugute kam und die mit seiner Hilfe ihr Dasein fristen, ja meistens sogar ihr Geschäft auf hohe Stufe bringen konnten. Und so stehen wir heute in Galizien vor einer Massenvernichtung jüdischer Existenzen. Zahlungsstockungen werden immer häufiger, Insolvenzen bedeutender Firmen sind zu einem alltäglichen Ereignisse geworden. Freilich wäre ein solch ökonomisches Blutbad unmöglich gewesen, wenn die polnischen Matadore und ihre Helfershelfer in Person der jüdischen Direktoren nicht dem allgemeinen Kreditelend nachgeholfen hätten. Die Machthaber des Landes witterten in der neuen Strömung der österreichisch-ungarischen Bank ein neues Mittel zur Proletarisierung des Judentums und gingen Skrupel- und rücksichtslos daran, zu erdrücken und zu erdrosseln, wo es im Sinne der Rede Prangers genügt hätte, zu dämpfen und zu schwächen. Freilich erkannten die Ueberklugen in ihrem Eifer nicht, daß sie mit der Vernichtung jüdischer Existenzen auch Opfer aus ihrer eigenen Mitte bringen müßten. Aber in Wirklichkeit ist die Zahl dieser Opfer tatsächlich imbedeutend im Verhältnisse zu den Verheerungen, die in der jüdischen Gasse angerichtet wurden. Denn so tyrannisch und engherzig die Großbanken hier vor-

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