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Die Welt · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1604 DIE^ELT Nr. 51 bleiben. Es ist ein Garten im Herbst, ein schwermütiges Lied des Verblühens. Aber an ein langes Leben von Schwindsüchtigen kann ich nun einmal nicht glauben... Ja, ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Sie wollen mich wohl auf Amerika verweisen, auf Amerika mit seinen 2\, Millionen Juden, auf das große New York, wo auf je vier Einwohner ein Jude kommt, auf die große politische Macht, auf die Zeitungen, Theater usw. usw. Ach, Amerika. Wenn ich an das große Land denke, denke ich an meine vier älteren Brüder, die dort in den Fabriken von früh morgens bis zum Abend arbeiten. In der Mittagspause, die man ihnen einräumt, um das kalte Essen zu verschlingen, lesen sie die jüdischen Zeitungen, auf der Elektrischen lesen sie einige Blätter eines jüdischen Buches, und des Abends hören sie sich dann und wann, halbschlafend vor Müdigkeit, einen Vortrag an. Amerika? Lauter solche Leute wie meine vier Brüder, 600 000 4. Gewiß, es sind brave Juden. Wenn es nötig sein wird, irgendeinen Protest zu erheben, werden sie sicherlich ihre Pflicht tun und New York wird dann durch die große Masse imponieren. Aber ist das ein Leben, das meine Brüder dort führen? Und was bringt uns dann jede Dampferpost von dort herüber, wenn nicht 600 000 4 Anklageakte, aus denen eine Sehnsucht nach einem Endchen Feld, nach reiner Luft, nach einem einfacheren, positiveren Leben spricht? Ich weiß, daß, wenn die Wahlen kommen, die Juden dort eine große Macht repräsentieren. Aber was können sie schaffen? Was haben sie schon geschaffen? Sind sie denn nicht ein Golus der gelben Presse, der falschen Sozialisten, der J-ournalisten-Hochstapler verschiedener Art? Die 2' -j Millionen amerikanischer Juden scheinen nur glücklich zu sein, wenn ich sie auf Protestversammlungen sehe, aber jeder von ihnen ist unglücklich. Und wenn es in Amerika verschiedene religöse Bewegungen gibt, so wird sich mit der Zeit auch der Zionismus stark verbreiten müssen. Denn die Quelle ist dieselbe. Auch er fließt aus den Protesten gegen die häßlich-unruhigen Kulturformell, die das amerikanische Leben angenommen hat. Jetzt sind die Juden dort noch trunken von der Zahl. Aber die Ernüchterung wird kommen müssen und dann wird man nach einem Stückchen freien Himmels jagen, das noch nicht von den Wolkenkratzern verdeckt ist, man wird aufs freie Feld eilen, wird sich ins frische Gras werfen und der Stadt fluchen. Und von diesen Flüchtlingen werden sicherlich viele gerade nach Palästina gehen. Warum? Weil ich an einen gewissen Atavismus der Gefühle glaube, und an einen stets wachsenden Drang nach dem Osten, nicht bloß bei Juden. Meine lieben Freunde! Ihr wollt wissen, was Zionismus ist? Nun, nicht bloß ein nationales Erinnerungsinornent, nicht nur das Erwachen des historischen Gedächtnisses. Sondern auch der Pessimismus in bezug auf die europäische Kultur, die erbitterte, schmerzliche Unzufriedenheit mit der Welt, die uns täuschte, die alle täuscht, in der einer den andern täuscht. Und noch eins glaube ich: Daß man als Zionist geboren wird, d. h., daß man jenen Komplex von Gefühlen und Stimmungen auf die Welt mitbringen muß, die einen später zwingen, Zionist /. i sein. Ebenso gibt es ja Leute, die schon mit der Seele eines John Ruskin oder eines August Bebel geboren werden. Bebel wird wohl niemals den Zionismus verstehen. Aber Ruskin, der Priester der Schönheit und der Aesthetik, hätte ihn sicher verstanden, und das freut mich . . . Soll ich Ihnen noch Gründe und Gleichnisse für meine Meinungen bei bringen? Ich glaube, es ist besser, wenn Sie sich nun etwas vom herrlichen Abend, vom Dufte des Grases, vom Klingen der Alpen erzählen lassen. Lassen Sie uns einander hören in tiefem Schweigen!" * Es war schon finster, als die Freunde sich trennten. Und nur der Zionist aus Rußland, der mit den müden Augen, blieb noch zurück. Er überdachte, was an diesem und den früheren Abenden in dem kleinen Kreise über jüdische Dinge gesprochen worden war. Und plötzlich kam es ihm vor, als wären alle die Leute, die sich an den Gesprächen beteiligt hatten, nur Verkörperungen seiner eigenen Gedanken gewesen, die in seiner zerrissenen Seele so oft einander ablösen. Es schien ihm, als wären da überhaupt keine Debatten vorgekommen, als hätte nur er selbst mit sich selbst gesprochen, — einmal für, das andere Mai gegen, einmal so, das andere Mal anders, und hätte doch immer recht gehabt . . . Stille vvar's ringsumher. Aus den in den Tälern und zwischen den Bergen versteckten Dörfern brachte die reine Luft Glockenklänge herüber. Abendmesse! Und er, aus dem fernen litauischen Städtchen, lag da in fremdem Land, unter fremdem Volk, und vielleicht auch in der Nähe eines fremden Gottes. Doch Gott ist ja überall. Und er hatte ein so starkes Verlangen, auf die Knie zu sinken und zu dem alten, guten, jüdischen Gotte zu beten, daß er ihm ein bißchen Ruhe in seine Seele träufe, damit sich seine Gedanken nicht so zersplittern, daß er ihm einen festen Ort gebe, mag er noch so klein sein, nur fest, daß er fest auf ihm stehen könne, — fest, ganz fest . . . NACHRICHTEN Jüdischer Volksliederabend in Budapest (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Die unter Leitung des Herrn J. Medjewnew stehende Künstlergruppe des St. Petersburger Vereins für jüdische Volksmusik veranstaltete am 7. d. M. ein äußerst gelungenes Konzert. Echte jüdische Volksmelodien in künstlerischer Bearbeitung von Gesangskünstlern vorgetragen zu hören, war in Budapest ein Novum. Ein zahlreiches Publikum ließ sich daher die Gelegenheit nicht entgehen, und gab sein Interesse für das jüdische Volkslied durch den Besuch dieser Veranstaltung kund. Und kein einziger hatte es zu bereuen. Im Gegensätze zu den unter der Marke „Budapester“ überall bekannten Erzeugnissen der Schundliteratur und Musik (wie zum Beispiel: Orpheum- Possen, -Couplets) welche ganz unberechtigterweise auch als „jüdisch“ bezeichnet werden, wurden aus der Schatzkammer der wirklich jüdischen Volkspoesie die Kleinodien hervorgesucht und zum besten gegeben. Die ganze weite Skala des jüdischen Volksempfindens, das bange Hoffen, die neckische Liebeständelei, der Mutter Freude und Leid, das tiefsinnige Grübeln usw. offenbarte sich in seiner Einfachheit und künstlerischen Schlichtheit. Und da mußte sich bei so manchem Zuhörer die eiserne Kruste der Entfremdung lösen, das alte Lied erwies sich als ein wirksames Zaubermittel, das in den entfremdeten Kindern des Volkes das Gefühl der Zusammengehörigkeit wachruft und sie wieder lehrt, jüdisch zu empfinden. Das Konzert fand auch hei einem Teile der Presse große Beachtung. So berichteten der Pester Lloyd und das Neue Bester Journal in sehr verständnisvollen Rezensionen darüber und pflichteten dem Beifall der Anwesenden uneingeschränkt bei. Bas „jüdische“ Wesen der Darbietungen fand diesmal volle Würdigung. Ben Abend leitete Parteisekretär Gg. Dr. Josef Schönfeld mit einer kurzen Conference ein. Samstag, den 14. und Sonntag, den 15. d. M., wurde ein zweiter und dritter Liederabend veranstaltet; der letztere war für die Juden des Telekyplatz (des Ghetto der aus Galizien

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