Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316565--56870-3350829- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 51 Wenn ich nach der Lektüre von Parteiliteratur, nach Versammlungen und Kongressen so ganz allein für mich bleibe und über den Zionismus nachdenke, rieche ich den Duft der Felder, der Apfelsinengärten, der Blumen. Ich sehe jüdische Jünglinge und jüdische Mädchen auf den Feldern. Und der Jude auf dem Felde, das ist schon eine Revolution. Wenigstens einen Teil des Volkes den groben historischen Städten entreißen, das ist auch schon eine Aufgabe, um derentwillen es sich lohnt, vieles, selbst die Freiheit des Skeptizismus, zu opfern. Allerdings Hauptsache ist es nicht. Hauptsache ist, daß die Verwirklichung des Zionismus, selbst wenn sie nur als teilweise gedacht ist, einen ungeheuren Sieg des menschlichen Geistes über jene blinden Kräfte bedeutet, die seine Flügel binden. Sagen Sie doch, fühlen Sie nicht auch das Unglück, immer und immer Gefangene der geschichtlichen und ökonomischen Gesetze zu sein, die Ihnen befehlen, mit Ihnen spielen, Ihnen Vorschriften machen, Ihre Schritte abstecken. Was ist z. B. aus dem Sozialismus geworden, der die besten Menschen begeisterte, nachdem man ihn als notwendigen historischen Prozeß proklamierte, der sich durchsetzen müßte, wenn ihn auch niemand wollte, selbst die Arbeiter nicht? Imponiert Ihnen denn nicht gerade das Irrationale am Zionismus, das, was unserem begrenzten Verstände als irrational erscheint: daß man sich nach tausenden Jahren einer Sprache erinnert, die man vor tausenden Jahren sprach und daß man sie wieder sprechen will. Daß man die Liebe zum alten Vaterlande wieder erwecken will. Ach, Liebe zum Vaterlande! Ich weiß, daß es viele gibt, die eine solche Liebe als Schwäche, als Begrenztheit betrachten. Irgend jemand wundert sich sogar, wie man eine bestimmte Anzahl Quadratkilometer, und mehr sei ja schließlich so ein Vaterland nicht, lieben könne. Ob das nicht, von einer gewissen Höhe betrachtet, recht lächerlich sei. Aber, meine lieben Freunde, von einer gewissen Höbe aus sieht vielleicht die ganze Welt lächerlich und komisch aus. Von dieser Höhe aus bleibt vielleicht nichts anderes übrig, als die wunderbaren Bücher Buddhas über Leben und Tod zu lesen. Doch das ist es ja, daß wir uns, zwischen den beiden Abgründen des ,Seins4 und des ,Nichtseins4 schwebend, mit großer Liebe einigen ,Kleinigkeiten4 hingeben. Und eine solche ,Kleinigkeit4 ist auch die Liebe zum Vaterland. Wehe dem Menschen, dem dieses innige Gefühl nicht bekannt ist. Er ist ein trauriger Krüppel /und sein Leben ist dunkel und farblos, ganz wie das Leben dessen, der die Liebe nicht kennen gelernt hat auch so ein Ding, das, von einer gewissen Höhe betrachtet, eine Schwachheit ist, gegen die die Mönche der ganzen Welt kämpfen . . . Noch heute, wenn in Marokko ein Araber schwermütig und versonnen ist, sagen seine Freunde, daß er sich wohl an Granada erinnert habe, an das schöne, blühende Granada, an die goldene Zeit der arabischen Kultur. Und was ist der Zionismus anderes? Wenn wir alle die Äußerlichkeit fort nehmen, bleibt da nicht der versonnene Blick in eine weite, weite Vergangenheit? Bedeutet Zionismus nicht das instinktive Streben eines Volkes, zu einer der tiefsten Emotionen, zur Liebe zum Vaterlande zurückzukehren? Wollen Sie wissen, wie tief der Abgrund ist, der zwischen uns unglücklichen Weltwanderern und dem wahren Kinde der Natur gähnt, dann hören Sie die Antwort eines morgen ländisch en Menschen: ,Der Schlüssel aller Gesetze ist in Mekka. Allah ist groß. Behüte mich Allah, daß ich mein Land 1603 verlasse, aus Neugier, andere Länder zu sehen . . .4 Da haben Sie die unverständliche Liebe zum Fleck Erde, zur Scholle. Nun verstehen Sie die Wildheit der Kabylen, die nicht begreifen wollen, daß man sie mit europäischer Zivilisation beglücken will. Und nun fassen Sie das Leid der Juden in Babel, da sie ihre Harfen auf die Weiden bängten und nicht singen konnten. Nicht konnten! Nicht etwa bloß nicht wollten. Wollen oder nicht wollen ist schon Sache des ,Programms4 eines gewissen prinzipiellen Trotzes. Das aber war etwas anderes: Es lebte noch das Gefühl in ihnen, daß sie erst gestern aus der Heimat vertrieben wurden, und so fragen sie: ,Wie sollen wir das Lied des Herrn auf fremder Erde singen?4 Darum sind auch alle die hebräischen Lehrer, die heute in den kleinen Städten die Vereine der ,Freunde der hebräischen Sprache4 gründen und auf ihre Art und Weise mit der Kultur des Golus kämpfen wollen, nicht bloß begrenzte, unpraktische Menschen, sondern haben vieles mit dem marokkanischen Araber gemeinsam, der es liebt, von dem alten, schönen Granada zu träumen. Und warum wollen Sie nicht zugeben, daß Männer wie Achad-Haam zu ihrer Stellung gegenüber dem Golus durch eine innere Macht gezwungen sind, daß sie auch ihre Harfen auf die Weiden hängen, auch sagen müssen: Wie sollen wir singen auf fremdem Boden . . .?44 Der Sprecher strich sich mit der Hand über das Gesicht und fuhr nach kurzer Pause fort: „Ist es eigentlich nicht ein wenig komisch, daß ich da vor Ihnen zionistische Propaganda treibe? Da Sie ja im Grunde alle Freunde meiner, unserer Idee sind, nur, daß sich der eine von ihr abwandte, weil die Jugendperiode, die Romantik des Zionismus dahin ist, und die andern, weil in der letzten Zeit die neue Bewegung des nationalen „Golussismus44 entstand. Die einen lyrische Pessimisten, die andern zornige Unzufriedene! Mit den ersteren kann man überhaupt nicht kämpfen. Man kann ihnen nur versichern, daß Romantik etwas ist, was wiederkehrt; daß der Zionismus vielleicht noch eine zweite Jugend erleben wird, daß da plötzlich irgendeine große Gestalt auftreten kann, vielleicht gar in Palästina selbst - einer, der die Schlafenden wirklich erwecken wird. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich bin stets in Erwartung. Ich m ö c h t e i m m e r d i e T ii r o f f e n halt e n , v i e Hei c h t k o m mt er.... Wie das in unserer trockenen, prosaischen Zeit? Fragen Sie nicht! Der große Mensch erscheint stets wie der Blitz vom Himmel. (Carlyle.) Wir wissen nicht: wann? Und nicht: von wo? Dafür aber können wir aus sagen, wie er sein muß. Vor allem der Träger des historischen Gedächtnisses, der Einzige, der das Verlorene fand und die Möglichkeit hat, es dem Volk zurückzugeben. Kurz, der lyrische Pessimismus verliert seinen Glanz, seinen Reiz und sein Gift, wenn wir uns nur vergegenwärtigen, daß der Zionismus noch lange nicht auf der Schlußetappe an gelangt ist, sondern erst seinen Weg beginnt, daß alles, was bisher war, nur eine Vorrede bedeutete . . . Und nun die Golussisten? Sind auch Romantiker, vielleicht größere als die Zionisten, weil sie ein Ideal von krankhafter Blässe schufen. Sie erinnern an den tapferen, sentimentalen jungem Mann, der sich in ein schwindsüchtiges Mädchen verliebt hat: Ein Hoffen, das nicht dem Leben gehört, sondern einem schönen poetischen Sterben. Ich leugne nicht, daß es viel Schönes und Rührendes in der Golus-Blässe gibt. Ich weiß, daß sich da eine ewige Gefahr für die Leichtverliebten birgt. Auch ich kann oft nicht vorübergehen, ohne stehen zu die^elt