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Die Welt · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 16)
Language
German
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DIENTE LT Nr. 51 1602 □□□□□□ FEUILLETON o □□□□□□ CV ■ -.— ) Bei Sonnenuntergang Von Sch. Gorelik. Unsere alten Bekannten hatten sich wieder vor der einsamen Villa auf dem schönen Schweizer Berge zusammengefunden. Das Wort hatte heute der Zionist. Doch konnte er nicht gleich beginnen. Dann aber ging die Sonne unter, küßte zum Abschied noch einmal die Berge, umfing sie und krönte sie mit ihren goldenen Strahlen, daß sie aussahen, wie die Könige. Licht und Farbe glühten ringsum, und aller Sinne versanken schweigend darein. Selbst unser Freund aus Rußland, der Mann mit den wehmütigen Augen, vergaß seine verzweifelten Gedanken und betete still, daß das herrliche Bild nicht bald schwinde. Die Luft war rein und durchsichtig und vom Gen ferse e schwebte eine süße Weise herüber, die junge, glückliche Menschen, in einem Segelboote schaukelnd, sangen. Doch nicht lange sollte die Herrlichkeit dauern. Nicht länger als Menschenglück und Schönheit überhaupt. Immer tiefer und tiefer sank die Sonne und bald sahen die Berge wie entthronte Kardinale aus, denen man die Purpurkleider vom Leibe gerissen hat. Die Natur war kalt und traurig-einsam geworden. Unsere Bekannten rückten enger aneinander und mit tiefer Stimme begann der Zionist: ,,Wir befinden uns jetzt alle unter dein Eindruck des wunderbaren Sonnenuntergangs. Wir bedauern das Schicksal der hohen Berge, von denen die Sonne Abschied nahm. Gewiß, nur bis morgen. Doch seht nur, wie nackt sie jetzt dastehen, wie gewöhnlich sic aussehen, da sie nicht mehr in Purpur gehüllt sind. Was ist da eigentlich geschehen? Es sind ja dieselben Berge und alles ringsum ist sich gleich geblieben. Und doch plötzlich diese Kälte, die uns umgibt. (), wir wissen, warum. Weil der Schi in m er nicht mehr d a ist, die Sonnenstrahlen fort sind. Gerade so aber ergeht es euch, liebe Freunde, namentlich euch, die ihr am zionistischen Ideale verzweifelt. Es ist noch alles da. Vielleicht geht die Arbeit sogar noch mehr in die Breite und Tiefe, als früher, aber eine Kleinigkeit fehlt: der Schimmer von ehedem, das romantische Moment. Und es gibt Seelen, die das nicht ertragen, die ohne die Sonne verschmachten, wie die Blätter im Herbste welken. Ich verstehe diese Seelen, aber ich glaube, daß auch bei Nacht gearbeitet werden muß. Sie können es ja oft im Dorfe beobachten, wie alle Arbeiter den Hof oder den Arbeitsplatz verlassen, weil die Sonne untergegangen ist und sie ruhen müssen, — bis auf einen, der bleibt, die Pfähle sicher einrammt, das Erdreich sichert. Sehen Sie, meine Herren, das ist der Tüchtigste, der Mann mit dem weiten Ausblick, vielleicht mit weniger Stimmungen, vielleicht weniger Dichter als die anderen, aber ihnen überlegen, weil er auf dem Posten bleibt, wenn die Sonne schon, untergegangen ist. Und ich sage Ihnen: Lernen Sie auch in der Dunkelheit arbeiten! Ich stehe da vor Ihnen als Partei-Zionist. Aber glauben Sie deshalb nicht, daß ich die Tragödie des Zionismus nicht fühle. Nur finde ich sie nicht dort, wo Sie, weder in der Unmöglichkeit, alle Juden nach Palästina zu bringen, noch in der kulturellen Zersplitterung. Vielmehr liegt sie nach meiner Meinung nur darin, daß ein rein biblisches, ein religiöses Ideal im neunzehnten Jahrhundert geboren wurde und die modernen, europäischen Formen annehmen mußte. Das Wesen des Zionismus heischt eine Sekte und wir sind Partei geworden. Unsere Prediger müßten in den langen Röcken der ehemaligen Priester über Berge, Täler und Felder wandeln. Statt dessen müssen unsere Prediger und Organisatoren in Fracks und Smokings einhergehen; müssen auf Eisenbahnen fahren. Wer weiß, vielleicht wäre cs gut, daß jetzt eine Art jüdischer General Booth erstünde, der ein zionistisches Ritual schüfe. Vielleicht sollten wir einen Orden mit den dazu gehörigen Attributen begründen und religiös-nationale Lieder singen und spielen. Aber es scheint, daß wir das nicht können, und der Zionismus leidet unter dem Widerspruch von Inhalt und Form. Im Grunde ist ja der Zionismus ein außergewöhnliches, vom eng verstandesmäßigen Standpunkt vielleicht sogar unlogisches Ideal. Der Zionismus tritt gegen alle geschichtlichen Gesetze auf, will eine tote Sprache wiederbeleben, Liebe zu einem vergessenen Lande erweckn. Denn denken Sie doch mal ernstlich darüber nach, was der Zionismus ist: Wirklich nur eine Emigrationsbewegung oder vielleicht doch noch etwas anderes? Und ob dabei dieses ,Noch-etwas-anderes‘ nicht gar die Hauptsache ist? Wenn ich über das Wesen des Zionismus nachdenke, erinnere ich mich oft an eine Legende, die ich einmal gelesen habe: von einem Volke, das auch aus seinem Lande verjagt wurde, das die Schlüssel seiner Häuser und Wohnungen mitnahm und von Geschlecht zu Geschlecht sie vererbte. Denn niemals gab es die Hoffnung auf, einmal heimzukehren und dann mit den Schlüsseln die alten Häuser zu öffnen, die unversehrt und ganz wie früher dastehen würden, inmitten einer ebenso unveränderten Umgebung. Das jüdische Volk hat die Schlüssel verloren. Das ist das Hindernis, dem wir vor allein auf dem Wege des Zionismus begegnen. Früher als alle anderen hindernden Bedingungen, gilt es, die Gleichgültigkeit der jüdischen Seele zu überwinden, in hartem Ringen Liebe in ihr zu erwecken. Und das ist der wahre Sinn einer historischen Gestalt, daß sie zum Volke komme, ihm die Schlüssel zurückgebe, die gleichgültige Masse in begeisterte Juden verwandle, denen ein neues Lebensziel offenbart wurde, sie vom kleinlichen Alltag losreiße, in die Arme einer großen Hoffnung und großen Verlangens sie werfe, — mit einem Worte die Arbeit tue, die in allen Zeiten und bei allen Völkern Propheten getan haben. Ich sehe ein verzweifeltes Lächeln auf Ihren Gesichtern und weiß, was es bedeutet: So lebenswichtige Dinge stehen auf der Tagesordnung und der Mensch da spricht von Sentiments. Aber, bitte, liebe Freunde, ziehen Sie doch vom Zionismus die Sentiments ab und wir wollen sehen, was von ihm bleiben wird: Nichts als ein Emigrationsplan, ein Galveston. Die unglücklichen äußeren Formen, in die sich der Zionismus kleiden muß, die ganze sachliche Atmosphäre, das Amtliche, alle die Remington-Maschinen können doch dem Zionismus nicht den biblischen, den rein religiösem Charakter: nehmen.

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