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Die Welt · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1596 Nr. 51 DIE^ELT Mit welchen Schwierigkeiten hatte man aber gerade in dieser Hinsicht hier noch bis in die neunziger Jahre zu kämpfen! Man kannte bis zu dieser Zeit in Jaffa noch nicht die Technik, Brunnen zu bohren und das so gefundene Wasser auch aus den tiefer gelegenen Adern mittels Motorkraft zu heben. In gewaltigen, ausgemauerten Brunnen von acht bis zehn Meter Durchmesser ließ man das Grundwasser sich ansammeln und hob es durch Schöpfwerke primitivster Art, die durch Pferde oder Maultiere angetrieben wurden. Natürlich waren diese Brunnen in bezug auf ihre Tiefenführung technisch begrenzt, und nur zu oft blieb in den heißen Sommermonaten das Wasser aus oder genügte nicht mehr, um die Gärten in gleichmäßiger Weise zu versorgen. Erst als im Jahre 1896 die deutsche Firma Gebr. Wagner, Jaffa, Motoren der Gasmotorenfabrik Deutz zur Einführung brachte, trat ein Umschwung in den Bewässerungsverhältnissen ein. Man bohrte nunmehr nach Wasser und hob dieses, selbst aus Tiefen von 60 m, durch Pumpwerke mit Kraftantrieb, was um so notwendiger wurde, als sich mit der Zeit die Tendenz geltend machte, größere Gärten anzulegen, und die primitiven Schöpfwerke den gesteigerten Anforderungen nicht mehr genügten. Es sind von der genannten Firma bis zurzeit 400 Motoren für Bewässerungszwecke eingeführt worden, und die Statistik, nach der ein Garten früher kaum mehr als IQ ha betrug, während es heute schon Gärten von 60 ha gibt, ist gewiß bezeichnend genug für den Umschwung, den der deutsche Motor mit sich gebracht hat. Man schätzt heute das gesamte mit Orangen bebaute Areal um Jaffa auf 2000 ha, von denen 150 in deutschen, 600 in jüdischen und 1250 in arabischen Händen sind. Der Wert eines Hektars tragbaren Gartenlandes ist mit etwa 20 000 Franks anzunehmen. Obwohl die Anlage von Orangengärten eine recht mühsame lind kostspielige ist, und die Rentabilität der Gärten erst im siebenten Jahre nach ihrer Anlage beginnt, haben sich diese hier in den letzten zwanzig Jahren mindestens verdoppelt, und noch immer sind neue Gärten im Entstehen begriffen. Die Blüte der Orangen setzt im Monat März ein und dauert vierzig Tage. Welch ein Genuß aber ist es, zu dieser Zeit durch die kilometerweit sich hinziehenden Gärten zu fahren, die in der Fülle ihrer weißen Blüten wie beschneit erscheinen, und deren Duft gleich einer süßen, betäubenden Wolke uns begleitet. Setzen nicht starke Schirokkos während der Blüte ein, darf man auf eine günstige Ernte hoffen. Diese nimmt in den Monaten Oktober und November ihren Anfang und zieht sich bis zur neuen Blüte hin. Es kommt sogar vor, daß am gleichen Baume noch die alte Ernte hängt, während daneben schon die neuen Früchte reifen. Schon auf den Weihnachtstischen der deutschen Heimat könnten die ersten ausgereiften Jaffa-Orangen erscheinen, und diese frühe Reife stellt Jaffas Orange in vorteilhaften Gegensatz zu ihren oft erst im Februar reifenden italienischen und spanischen Schwestern. Auch das Aroma der Jaffa-Orange ist ein edleres, während ihre fast kernlosen Früchte jene an Größe bei weitem übertreffen. Haben die Früchte eine genügende Reife erlangt, werden sie vorsichtig abgeschnitten und in ausgepolsterten Körben gesammelt. Es ist beim Ernten darauf zu achten, daß die Früchte von Tau oder Regen getrocknet sind, da Feuchtigkeit ihre Haltbarkeit beeinträchtigt. So kommt es vor, daß die mit dem Früchtesammeln beauftragten Araberknaben oft bis in den Nachmittag in den Gärten untätig umherliegen und auch dann infolge des bald wieder fallenden Taues nur wenige Stunden arbeiten können. Mittels der gepolsterten Körbe werden die Früchte in Packschuppen untergebracht und dort sorgfältig bis zu Q m Höhe übereinander geschichtet. So liegen sie zwei bis vier Tage, dann beginnt das Sortieren. Die fehlerfreien Exemplare bilden die erste Qualität. Als zweite folgen Früchte mit nur kleinen Fehlern, die trotzdem Aussicht auf längere Haltbarkeit zulassen. Beide Sorten sind zum Versand nach Europa bestimmt. Die dritte Qualität verwendet man für kürzere Reisen, wie nach Konstantinopel und den kleinasiatischen Küstenplätzen. Der Rest geht, soweit noch versandfähig, nach Aegypten oder wird auf den Märkten in Jaffa lind Jerusalem verkauft. Alle zum Versand bestimmten Früchte werden einzeln in Seidenpapier gerollt und alsdann vorsichtig in Kisten eingesetzt, die je nach der Größe der Früchte 88 bis 250 Orangen fassen. Ein geübter Araber packt am Tage 100 Kisten. Das Holz zu letzteren muß angesichts der Holzarmut Palästinas aus Oesterreich bezogen werden und wird von dort jährlich durch mehrere Extradampfer nach Jaffa gebracht. Ist eine Kiste gepackt und geschlossen worden, erhält sie die Signatur, Qualitätsmarke, Marke des Produzenten und Inhaltszahl. Der Transport aus den bisweilen drei bis vier Stunden entfernten Gärten zum Hafen wird durch Kamele besorgt, von denen jedes acht bis zwölf Kisten auf einmal befördert. In langen Reihen schreiten die Tiere gravitätisch hintereinander her, jedes von ihnen trägt an rnuschelverziertem Halsband eine Glocke und wird, führt es die letzten Kisten der Saison zum Hafen, festlich mit Orangenlaub geschmückt. Die Ausfuhr von Jaffa-Orangen betrug im vergangenen Jahre über eine Million Kisten, was einem Bruttowerte von etwa sieben Millionen Eis. entspricht. In diesem Jahre wird die Gesamtausfuhr an Jaffa-Orangen auf etwa IQ Million Kisten geschätzt und sie dürfte um so größere Bedeutung erlangen, als nach den vorliegenden Meldungen die Orangenkulturen Spaniens in diesem Jahre unter verheerenden Unwettern schwer gelitten haben. * In den führenden politischen Kreisen der russischen Judenheit herrscht leider keine Einhelligkeit über die Methode, die in bezug auf die Behandlung der Judenfrage im russischen Parlament anzuwenden sei. Zwei Grundströmungen treten dabei hervor. Die eine Richtung, die namentlich von dem sogenannten „Kownoer Komitee“ vertreten wird, ist für eine Taktik des Stillschweigens, dagegen sind die demokratischen und nationaljüdischen Elemente dafür, in der russischen Volksvertretung die Judenfrage in ihrem ganzen Umfange furchtlos aufzurollen. Der Gegensatz zwischen diesen beiden Richtungen ist jetzt gleich nach Eröffnung der vierten Duma wieder in unerfreulicher Weise zum Ausdruck gekommen. Die Kadettenpartei hat einen Gesetzentwurf betreffs der Gleichberechtigung aller Bürger ausgearbeitet, lieber die Rolle, welche die Judenfrage bei der Vorbereitung dieses Gesetzentwurfes gespielt hat, teilt der gutinformierte Petersburger Korrespondent des „Fraind“ interessante Einzelheiten mit. Danach forderte der jüdische Abgeordnete Friedman n von der Kadetten- Fraktion, in dem Entwurf die Gleichberechtigung der Juden, die eine Ausnahmestellung im Reiche einnehmen und die einzige gänzlich rechtlose Nationalität bilden, besonders hervorzuheben und zu motivieren. Einige Fraktionsmitglieder sprachen sich anfänglich dagegen aus, schließlich wurde dem Vorschlag prinzipiell zugestimmt und Friedmann mit der Ausarbeitung einer entsprechenden Begründung beauftragt. Friedmann beriet darauf die Angelegenheit mit den beiden anderen jüdischen Abgeordneten und den Mitgliedern des ,, Kownoer Komitees“, die sich jedoch in ihrer Mehrheit nicht auf seinen Standpunkt stellten. Er mußte daher seine Forderung zurückziehen und der Gesetzentwurf der Kadetten ist nunmehr ohn Erwähnung der Juden frage in der Duma eingebracht worden. Dieses Ergebnis hat in weiten Kreisen der russischen Juden-

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