Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 51 (20.12.1912)
- Date
- 1912-12-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51 DIE3§KELT die Juden für die europäische Kultur und für ein modernes Schulwesen zu gewinnen, um sie allmählich zu russifizieren und auf diesem Wege zur Annahme des griechisch-orthodoxen Glaubens zu bewegen. Die erste, nach deutschen Vorbildern organisierte moderne jüdische Schule wurde in Riga errichtet und zu ihrem Leiter ein akademisch gebildeter deutscher Jude, Dr. Lilienthal aus München, berufen. Später bereiste Lilienthal im Aufträge des Ministers Uwarow die gröberen jüdischen Gemeinden Rußlands, um für die Eröffnung zeitgemäßer Schulen Propaganda zu machen. Hierbei wurde ihm in M i n s k und Wilna seitens der orthodoxen jüdischen Massen, die von weltlicher Bildung nichts wissen wollten und im übrigen die geheimen Absichten der Regierung durchschauten, übel mitgespielt. Auch mit den russischen „Maskilim“, die Lilienthal anfangs zujubelten, überwarf er sich schließlich und mußte seine Reise bald unterbrechen und nach Petersburg zurückkehlen. Der Aufsatz, der im nächsten Heft fortgesetzt werden wird, enthält auch eine interessante Charakteristik Isak Bär Lewinsohns und anderer bekannter Vorkämpfer der russischen Haskalah aus der damaligen Zeit. - L. A. Orloff setzt die Publikation seines Dramas ,,Allall Karim“ aus dem Leben der modernen jüdischen Jugend in Palästina fort. — Z. I) i s e n druck beschließt seine gedankenvolle Untersuchung über die „Produktivierung des Judentums“. Im letzten Teil seiner Abhandlung kommt er auch auf die Beziehungen einzelner westeuropäischer jüdischer Dichter und Schriftsteller, wie Z a n g w i 11 , Schnitzler, Wassermann, Buber, Brand e s und N o r d a u , zum Problem des schöpferischen Judentums zu sprechen. — Jecheskel ben Ch a j i m (Koiistantinopel) unterzieht in einem „Die zionistische politische Arbeit“ iiberschriebenen Artikel die geringe Propagandatätigkeit der zionistischen Organisation in Konstantinopel und der Türkei einer scharfen Kritik. Der eigentliche prinzipielle Gegensatz zwischen der „politischen“ und „praktischen“ Richtung innerhalb unserer Bewegung bestehe ja hauptsächlich darin, daß die letztere die Auffassung vertritt, entscheidende politische Erfolge können nur durch wirtschaftliche und kulturelle Paktoren, also durch die eigene unablässige Tätigkeit des Volkes erzielt werden, während die erstgenannte Richtung das Hauptgewicht auf die politischdiplomatische Tätigkeit e i n '/einer P e r s ö n 1 i c h k e i t e n legt. Von diesem Gesichtspunkte aus hält es der Artikelschreiber für einen schweren Felder und eine verhängnisvolle Verkennung der Grundlagen des „praktischen“ Zionismus, daß dessen Vertreter der Propaganda und der kulturellen und wirtschaftlichen Arbeit unter den ott-omanischen Sephardim nicht diejenige zentrale Stellung einräumen, die ihr nach seiner Ansicht zukomtnt. Man verfalle vielfach in die Sünden der alten politischen Schule und, was schlimmer ist, man sei sich über die Richtlinien der Arbeit selber nicht klar und gehe ganz unsystematisch und widerspruchsvoll vor. —- Den Schluß des Marcheschwanheftes bildet die Fortsetzung der lehrreichen Artikelserie von Josua Barsilai (Eisenstadt) über die Lage des neuen Jischub in Palästina. Der vorliegende Teil beleuchtet an Hand zahlreicher statistischer Daten die gegenwärtige Lage der Winzergenossensehaft und der Kolonie Rischon le-Zion. — An leitender Stelle des Kislew-Heftes beschäftigt sich Dr. S. Bernfeld mit dem in jüngster Zeit vielerörterten Problem der Zukunft des Judentums und zeigt an historischen Beispielen, welcher Art die Bestrebungen und geistigen Strömungen waren, die, so kühn und umstürzlerisch sie auch den Wortführern des Ueberlieferten erscheinen mochten, zu einer Bereicherung und Weiterentwicklung des Judentums führten, und welche geistigen Elemente andererseits ihrem innersten Wesen nach zersetzend auf den Fortbestand des Judentums wirken müssen. — Sehr 1595 aufschlußreich ist die von gründlicher Kenntnis der einschlägigen Literatur zeugende volkswirtschaftliche Studie „Die Landbevölkerung“ von A. L. Rosenberg, worin unsere mannigfachen Siedlungsprobleme in Palästina, die Landarbeiterfrage, die neueren genossenschaftlichen Versuche usw. eingehend besprochen und Parallelen aus der Kolonisationstätigkeit und den agrarpolitischen Bestrebungen anderer Völker herangezogen werden. — Schließlich seien noch die Gedichte von Isak Ko h e n, S. P i n s k i, P. G i n s b u rg, die Erzählung „Auf dem Gute“, von A. Klatschko, und die allgemeine Revue („Bi-Thephuzoth Israel“) erwähnt. * Das Kislevv-Heft der palästinensischen Monatsschrift „Moledeth“ (Heimat) steht ganz auf der Höhe der von der neuen Redaktion eingesclilagenen Richtung. Aus der Fülle der recht gediegenen Arbeiten seien erwähnt: Asch: „Galiläa“' (Bilder aus der Vergangenheit), A. J. Rabinowitz: „Der Gaon von Wilna und der Raw von Lady“ (eine Monographie), J. Fi sh mann: „Unter der Morgensonne“ (eine Erzählung), J. Z. Rinion: „Ich bin ein Königsolm“ (Gedicht), N. So ko low: „Die Entdeckung des Südpols“, R. Benjamin: „Jerusalem“, Bar-Tob iah: „Am Abend der Erlösung“ (die babylonische Epoche). In diesem Hefte beendet auch Fish mann seine Studie über A. M a p u. Das Heft enthält noch eine Reihe wohlgelungener Hebe Prägungen. * Die Deutsche Levantezeitung schreibt in Nr. 20 über die Jaffa-Orangen: Es dürfte verhältnismäßig wenige Deutsche geben, denen diese prächtigen Kinder unserer palästinensischen Sonne bekannt sind, diese köstlichen, saftreichen, meist kernlosen Orangen, die der Kenner denen von Messina, Spanien und Kalifornien vorzieht. Wenn sich über Deutschlands Fluren die ersten Fröste einer Herbstnacht breiten und das letzte Leben auf den Feldern erstirbt, ist die Zeit, da Jaffa sich zur Ernte rüstet. Die bunte Stadt, die, in leuchtenden Terrassen der blauen Flut des Mittelmeeres entsteigend, den Felsen erklimmt, der nach der Sage einst Andromeda in Ketten hielt, und die nach deren Mutter Joppe ihren Namen trägt, wacht aus den sommerlichen Träumen auf. Zu reger Arbeit reckt sie die gebräunten Arme und sammelt in den weiten, dunkelgrünen Mantel der die Stadt umgürtenden Orangengärten die schier unermeßliche Fülle goldiger Früchte. Dann flutet ein Singen und Klingen durch ihre Adern, wie der triumphierende Pulsschlag vollbrachter Tat: das Glockengeläut der Karawanen, die bei Tag und Nacht die versandbereite Frucht dem Hafen zuführen. Draußen auf der Reede aber liegen, gleich dunklen Ungeheuern, die Orangendampfer, die Kiste auf Kiste verschlingen, und die, wenn sie satt sind, rauschend westwärts ziehen, den fernen Küsten Albions entgegen. Nur wer die Mühen kennt, die es gekostet hat, bis die reife Frucht verstaut in dem dunklen Schiffe ruht, nur wer die Hoffnungen kennt, die diesen Dampfern gleich unsichtbaren Geistern folgen, kann den Jubel begreifen, mit dem in einer Frühlingsnacht die Raketen begrüßt werden, die von d^r See her das beendete Verladen der letzten Früchte verkünden. Dauert es doch sieben Jahre, bis die aus den Kernen von süßen Zitronen gezogenen Bäumchen, die in Abständen von etwa drei zu drei Meter in trockenes Erdreich gepflanzt und im vierten Jahre veredelt werden müssen, die ersten spärlichen Erträgnisse liefern. Letztere nehmen alsdann zwar rasch zu, doch nur bei sorgfältigster Pflege, zu der vor allem eine planmäßige Bewässerung gehört.