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Die Welt · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1594 DIE3§KELT derselben als Sache der Taktik, die den Juden selbst nur von Nutzen sein würde ... Es erscheint jedoch sehr zweifelhaft, ob wir in diesen schweren Zeiten von den Allzuvorsichtigen etwas zu erwarten haben. Die' Boykotthetze in Warschau (Von unserem Berichterstatter.) Lodz. Die bereits geschilderte Bewegung gegen den jüdischen Handel in Polen wird fortgesetzt. Der Boykott ist ja eine so vorteilhafte Form des Patriotismus, da er vom polnischen Handelsstand keine Opfer fordert und ihm die jüdischen Einnahmequellen verspricht. Diese Stimmung wird anhalten, denn sie entspricht der Gemütsverfassung der polnischen Bourgeoisie: wozu rührige Unternehmungen, wozu Intensität der Arbeit und des Denkens, wenn man durch die einfache Losung ,,Kauft nicht hei Juden“ so leicht die Taschen des polnischen Handelsstandes füllen kann. Schon der bisherige Verlauf der Boykottbewegung erbrachte aber den Beweis dafür, daß der eigentliche jüdische Handel, der seine Stützpunkte in Rußland hat, sowie die ökonomischen Positionen der so verhaßten „Litwaks“ von der Bewegung nicht berührt werden können und daß sich die Spitze der polnischen Revanche nur gegen die armen jüdischen Lndenbesitzer, Kleinhändler, Marktleute usw. richtet. Wie erbärmlich ist diese Bewegung, die nur die jüdische Armut in Po Km erhöht. Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben. Diese Schichten der jüdischen Masse, die in der ökonomischen Struktur Polens keine genügenden Stützpunkte haben, die also immer die ersten Opfer wirtschaftlicher Konflikte sind, werden unter dieser Bewegung leiden und so ist eine Steigerung der jüdischen Emigration aus Polen für die nächste Zeit zu erwarten. Mit dieser Erscheinung muß schon jetzt das gesamte Judentum rechnen und die Grundlagen einer Hilfsaktion schaffen. Mit Genugtuung darf aber konstatiert werden, daß das Judentum Polens auf die Boykotthetze nicht durch Rückzüge, nicht durch Reue, sondern im vollen Bewußtsein seiner Würde reagiert. Ohne daß schon eine jüdische Abwehr organisiert worden Nr. 51 wäre, beginnen die polnischen Juden, vom nationalen Instinkt gedrängt, zum Schutz ihrer bedrohten Interessen das Gegenprinzip: „Kauft nur bei Juden“ zu betätigen. Diese Bewegung, deren nachteilige Folgen die polnische Gesellschaft schon fühlt, hat es veranlaßt, daß sich im polnischen Lager ein allerdings noch unbedeutender Widerspruch gegen den von den Polen selbst verhängten Kriegszustand bemerkbar macht. Als Aktivum dieser Entwicklung ist die ungeahnte Hebung des Nationalgefühls des gesamten polnischen Judentums zu konstatieren. Auch die halb assimilierten Juden haben jetzt die furchtbare Leere ihres „Ideals“ und dessen schreienden Widerspruch zur Wirklichkeit eingesehen; in ihren Herzen regen sich schon jüdische Gefühle. Interessant ist, daß das Organ der polnischen progressiven Parteien „Prawda“, das bisher zusammen mit der ganzen polnischen Presse den Unsinn von den reaktionären Tendenzen des jüdischen Nationalismus lanciert hat, demselben jetzt volle Gerechtigkeit widerfahren läßt. Nicht das Häuflein Börsianer, die sich Assimilanten nennen, meint die „Prawda“, sondern die jüdischen Nationalisten seien die einzige schöpferische Partei im Judentum und dazu berufen, die jüdische Masse kulturell zu heben; die Tragödie soll aber nach diesem Blatte darin bestehen, daß die beiden Nationen nicht zusammen auf dem polnischen Territorium leben können. Die „Prawda“ weiß natürlich nicht, daß die Tragödie nur in der engherzigen Auffassung des problematischen polnischen Liberalismus liegt, der sich nicht zu der Einsicht erheben kann, daß man durch die Erfüllung aller bürgerlichen Pflichten das Recht erlangt, in einem Lande zu leben, ohne dafür den Preis des Verzichtes auf die eigene Individualität zu zahlen. Die Polen bilden natürlich die Majorität in ihrem Lande und daher begreifen wir es als traurige, aber unabwendbare Erscheinung, daß die Polen den Juden mit der Zeit eine ökonomische Position nach der anderen abringen. Gegen diese Erscheinung, insofern sich dieselbe in den Linien der Evolution vollzieht, können die Juden wenig ausrichten, müssen vielmehr daraus die Konsequenzen ziehen. Was aber jetzt vorgeht, ist ein erbärmlicher Racheakt, die künstliche Schaffung sonst unbegründeter Animositäten, eine Hetze, die auch eine Demoralisation der polnischen Masse herbeiführen muß. mmm REVUE DER PRESSE 1 ui „Hasnian“ (Wilna) behandelt S. L. Zitron in einer interessanten Artikelserie d i e G e sch ic h t c d e r C h i hb a t h - Z i o n - ß e w e g u n g von ihren ersten Anfängen in den vierziger fahren des vorigen Jahrhunderts bis zum Auftreten Herzls. Eine zusammenfassende geschichtliche Darstellung der modernen Palnstinabewegung gibt es bisher nicht; um so dankenswerter ist dieser Versuch Zitrons. Es wäre zu wünschen, daß diese Artikelreihe in Buchform erschiene und auch - - vielleicht mit einigen Ergänzungen — ins Deutsche übert ragen w ürd e. Die beiden jüngsten Hefte der literarisch-wissenschaftlichen Monatsschrift „Hasch iloah“ (Marcheschwan und Kislew 5673) bringen wieder eine Fülle lesenswerter und anregender Beiträge. Im Marcheschwaiihcfte beleuchtet Dr. Jakob Klatzkin in einem ,,Judentum des Geistes und Geist des Judentums“ iibersdiriebeneii gehaltvollen methodologischen Essay das gegenseitige Verhältnis des nationalen und des religiösgeistigen Gedankens innerhalb des Judentums. Der Autor polemisiert gegen die von manchen nationalen Theoretikern der Gegenwart geübte Verquickung geistig-sittlicher Werte, also bestimmter Denk in halte, wie sie die Vertreter der religiösen und der späteren ethiscli-spiritualistischen Auffassung des Judentums formuliert haben, mit dem seiner innersten Natur nach rein formalen nationalen Gedanken, der von allen inhaltlichen Beziehungen abstrahieren müsse. Die beste Schutzwehr gegen diese Tendenzen der „Verinhaltlicliiing“ unserer nationalen Idee sieht der Autor in der „politischen Grundlegung der nationalen Anschauung“, wie sie Herzl und seine Richtung vollzogen haben. — Dr. Joseph Klausner fährt in der Schilderung seiner palästinensischen Reiseeindrücke fort. Er entwirft diesmal ein anschauliches Bild von T e 1 - A w i w, seinen kommunalen Einrichtungen, seinen öffentlichen und privaten Gebäuden und dem vielseitigen regen jüdischen Leben, das dort herrscht. Im Kislew-Hefte beschreibt er die übrigen jüdischen Stadtviertel Jaffas und die Erlebnisse seiner Eisenbahnfahrt von Jaffa nach Jerusalem. - David Kahane bespricht in seinem Aufsatze „Lilienthal und die Aufklärung der Juden in Rußland“ die interessante Epoche Nikolaus' I. und. die damaligen Bestrebungen der russischen Regierung,

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