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Die Welt · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1592 Nr. 51 DIES^ELT Partei), sind antisemitisch. Die Stadt Prag hat unter ihren vielen hunderten Beamten einen einzigen jüdischen Angestellten, der noch aus der alttschechischen Aera übernommen wurde. Die Gasanstalt, das Elektrizitätswerk beschäftigen gar keinen Juden. Die städtische Versicherungsanstalt hat zwar einen ,,tschechischen Juden“ aufgenommen, er mußte sich aber vorher — konfessionslos erklären, und dann noch blieb er (o Schrecken der Assiinilanten!) für den Direktor der „Jud“, Ebensolche Verhältnisse herrschen bei den Handelskammern in Prag, Pilsen, Budweis und im Handelsgremium, wo doch die Juden ausschlaggebende Bedeutung haben. Auch alle tschechischen Banken, Versicherungsanstalten und ähnliche Institute nehmen keine Juden, auch wenn sie geaichte „Tschechen“ sind. Die Hochschulen lassen keinen jüdischen Dozenten zu und ein „sonst liberaler“ Professor hat einmal geäußert: „Diesen Herrn würde ich zur Dozentur zulassen, er ist dessen würdig; aber ich fürchte, daß, wenn wir das tun, unsere Fakultät verjudet wie die Prager deutsche, die Wiener u. a.“ In allen Fällen, erzählt der assimilatorische Autor, sind auch die Versuche einer Intervention zugunsten „tschechischer Bewerber israelitischer Konfession“ vergeblich geblieben. Eine Enquete und ihre Lehren (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Das assimilatorische Kampforgan „Egyenlöseg“ veranstaltete gemäß der Tendenz der Assimilanten, die internen Angelegenheiten des Judentums vor allem mit Rücksicht auf die christliche Außenwelt zu behandeln eine Rundfrage bezüglich der Bestrebungen des Judentums nach Erlangung einer einheitlichen Autonomie. Die Rundfrage enthielt 3 Teilfragen: 1. Verhält sich der Befragte den Bestrebungen gegenüber sympathisch? 2. Ist ihm das Bestreben, die konservative Richtung ohne Berührung ihrer religiösen Ansichten, bloß behufs Erlangung * einer gemeinsamen einheitlichen Repräsentanz, zu einer Vereinigung zu bewegen, sympathisch? 3. Wie beurteilt er die Stimmung der (ungarischen) Nation dieser Bewegung gegenüber? Die Rundfrage beantworteten 21 hochstehende (selbstverständlich nichtjüdische, da die Rundfrage ausschließlich an Niclitjuden gerichtet wurde) Persönlichkeiten des ungarischen öffentlichen Lebens. Hervorragende aktive und inaktive Politiker, Schriftsteller, Richter, Mitglieder des Barreaus und die im „Egyenlöseg“ unausbleiblichen Bischöfe geben ihre Meinung ah über diese in erster Linie doch wohl jüdische Angelegenheit. Glücklicherweise besitzen die befragten Herren ein feineres Taktgefühl, als die Veranstalter der Enquete, ihre Antworten sind zumeist äußerst reserviert, und - sehr lehrreich. So fertigt unter anderem der frühere Ministerpräsident Exzellenz Graf v. Khuen-Hedervary die Anfrage mit folgenden Worten ab: „Ich vermeide es, mich in die Angelegenheiten anderer Konfessionen zu mengen. Die Aeußerung einer Ansicht ist bereits eine Einmengung. Jede Konfession ordne ihre Angelegenheiten nach ihrem besten Wissen und gemäß ihren Interessen. Ich will auch in dieser Beziehung liberal sein.“ Der Minister a. D. und Präsident der kgl. ung. Akademie der Wissenschaft, Dr. Albert v. Ber/.eviczv, schreibt, nachdem er der Bewegung kurz seine Sympathie ausgedrückt hat, folgendes: ,.luwieferne die Autonomie zu verwirklichen ist, so daß sie das gesamte Judentum umfasse, ist ein Problem, welches das Judentum in seinem eigenen Wirkungskreise zu lösen hat; die Einmengung von Personen anderer Konfession in diese Frage könnte deren Lösung nicht herbeiführen.“ Der Minister a. D. Franz v. Kossuth antwortet auf die zweite Frage: „Ich verfolge sympathisch die Einigungsbestrebungen der Juden, doch will ich mich zur Frage nicht äußern, da ich damit, gegen meinen Willen, religiöse Anschauungen berühren würde.“ Dies sind die Hauptmotive, welche auch aus den Antworten anderer Persönlichkeiten herausklingen, die sich mit der Frage eingehender befassen. Die Juden mögen ihre Angelegenheiten unter sich austragen, sagt der eine; es ist schwer für einen Andersgläubigen, sich zu dieser heiklen Frage zu äußern, meint der andere. Ein großer Teil der Befragten schüttelt die Anfrager in der auch bei anderen Rundfragen üblichen Weise mit konventionellen Höflichkeitsphrasen ab oder sagt auf jede Frage Ja und Amen. Diese Antworten können natürlich nicht in Betracht gezogen werden. Von den auf die dritte Frage gegebenen Antworten verdienen zwei besondere Beachtung. Der Staatssekretär a. D„ Michael v. Zsilinskv, welcher in konfessionellen Fragen als einer der größten Kenner gilt, schreibt: „Die Stimmung des christlichen Teiles der Nation zu erfassen, ist schwer. Viele stehen der ganzen Bewegung indifferent gegenüber, es gibt aber auch solche, die den Erfolg der Einigungsbestrebungen bezweifeln.“ Magnatenhausmitglied Graf Emerich Kärolyi meint: „Der größte Teil der ungarischen christlichen öffentlichen Meinung steht der Angelegenheit absolut interesselos gegenüber. Von denjenigen, welche die Bewegung verfolgen, teilen einige meine Meinung. Andere (und diese sind die zahlreicheren), welche gegen jede jüdische oder auf das Judentum bezughabende Angelegenheit eine mehr oder minder offene und eingestandene, aber immer tiefe und oft jede Sachlichkeit entbehrende Antipathie bekunden, freuen sich sehr, daß es eine Angelegenheit gibt, worüber die Juden untereinander streiten und um derentwillen sie sich heftig befehden.“ So mußte das assimilierte Judentum von hervorragenden Nichtjuden erfahren, daß es seine Angelegenheiten unter sich ohne Heranziehung von Nichtjuden austragen sollte. Auch mußte ihm das ABC der allerprimitivsten Politik beigebracht werden, daß nämlich jedermann seine Angelegenheiten so regeln muß, wie es ihm seine eigenen Interessen vorschreiben. Ein Pogromprozeß Petersburg. In Jekaterinodar fand dieser Tage die Schlußverhandlung gegen den dortigen Apothekergehilfen Timop h e i e w statt, der im Jahre 1905 in Jekaterinodar einen Pogrom gegen die dortige jüdische Bevölkerung organisiert und die sengende und plündernde Hooliganenschar persönlich „befehligt“ hatte. Die Gerichtsverhandlung brachte recht merkwürdige Tatsachen ans Licht, die wieder einmal die Beziehungen behördlicher Kreise zu den wüsten Ausschreitungen jener für die russische Judenheit ewig denkwürdigen Schreckenszeit grell beleuchteten. So wurde festgestellt, daß die Pogrombande in Gegenwart von Militär und Polizei das Haus des jüdischen Arztes Dr. Rochlin plünderte und in Brand steckte, desgleichen das Haus des Dr. Maiero witsch und den Laden von R u b i n s k i. Die Zeugenaussagen ergaben ferner, daß die Feuerwehr, die den Brand löschen wollte, gewaltsam verhindert wurde, die Brandstelle zu betreten, daß der Polizeimeister, der die Plünderung des Roehlinsehen Hauses seelenruhig beobachtete, einen aus dem Fenster hinausgeschleuderten Paletot selbst auf hob und einem Hooligan weiterreichte. Die Kosaken und Polizisten zogen einen Kordon um die Hooligans und verwehrten angesehenen christlichen Bürgern, die den Juden zu Hilfe eilten und den Mob vertreiben wollten, den Zutritt. So sonderbar wie jene Vorgänge war nun das Urteil in dem Prozeß gegen den Rädelsführer T i m o p h e i e w. Der

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