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Die Welt · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1590 DIES^ELT nicht verproviantiert; sie können also wohl, ja sie müssen fallen, ganz ohne Schwertstreich, wenn die Friedensverhandlungen lange dauern. Den Bulgaren dagegen gibt der Waffenruhepakt das volle Recht, nicht nur Lebensmittel über den Bahnhof von Adrianopel herbeizuschaffen, sondern auch neue Truppenmassen durch ihn passieren zu lassen, mitten im Schuhfeld der schweren Festungskanonen. Inzwischen tauchen immer neue Fragen auf: Der Imam Jach ja hat in diesen Tagen seine Delegierten nach Konstantinopel entsendet; die offiziöse Presse spricht von einer Revision der im vergangenen Jahr mit ihm getroffenen Abmachung. Das ist die großarabisclie Frage. Werden die Delegierten nach London Weiterreisen? Weiß Großbritannien etwas von diesen altneuen Dingen? Dann ist da noch ein zweites: Die Armenier haben beschlossen, sich ebenfalls auf der Botschafter-Konferenz in London vertreten zu lassen. Der Katholikos von Edschmiadin wird im Namen seiner Nation Boten dahin entsenden, die um Garantien für die künftige Sicherheit und kulturelle Freiheit des armenischen Elementes zu sorgen haben werden. Werden ihre Forderungen auch auf das administrative und politische Gebiet übergreifen? Werden sie nicht Rußland, das seine Finger in dieser Richtung ausstreckt, höchst willkommen sein? Und endlich das dritte: das Problem der innertürkischen Reformen, für alle türkischen Gebiete, auch für Türkisch-Asien. Wieder wird von ausländischen und im besonderen von englischen Wilajetsbeiräten und Kontrollen gesprochen. Was wird aus alledem werden? ln eben dem Momente, da die Türkei all ihre Kraft zusammennehmen müßte, um das Schicksal in London nach Möglichkeit zu ihren Gunsten zu gestalten, tauchen in der türkischen Hauptstadt auf einmal wieder Anfänge innerer Verwicklungen auf. Nach dem Siege der Ententisten waren die Unionisten zum Teil eingekerkert oder in die Flucht getrieben worden; aber es blieben noch genug verborgen, um im Heere, diesem politischen Material von Wachs, neue Unzufriedenheit zu wecken. Die Drohungen der Tschataldscha-Offiziere wurden immer lauter, die Regierung mußte langsam nachgeben: erst bekam ein Teil der Komiteemänner die Freiheit wieder, bald ziemlich alle. Das Kriegsgericht wurde gewechselt, die Gehälter der Kriegsgerichtsoffiziere gestrichen, der Nachtverkehr gestattet, also der Belagerungszustand abgeschwächt, fast aufgehoben. Talaat Bej promeniert seit vorgestern wieder in den Straßen von Stambul, Dschahid und Dschawid werden erwartet . . . Wird die Regierung in andere Hände übergehen? Das ist hier die Frage. Aber niemand kennt die Antwort und niemand weiß, was die Folgen eines neuerlichen Umschwunges sein würden. Neues von Saloniki Der König von Griechenland hat Rabbi Jakob Meir in neuer Audienz empfangen. Rabbi Mei’r hat ihm freimütig; alle Schandtaten der griechischen Soldaten, Presse und Stadtbevölkerung vorgestellt: ein Dementi des Dementis in dem unglückseligen Briefe (vgl. „Die Welt“, Nr. 50). Es scheint übrigens, daß dieser Brief nicht niir die Frucht von Drohungen griechischerseits, sondern auch der furchtdiktierten Zureden einiger jüdischer Notabein gewesen ist. Der Stadtkommandant von Saloniki versprach ausreichenden Schutz. Die Militärbehörden ließen vierzig jüdische Gefangene frei, auf die Garantie der Gemeinde hin, daß sie nicht ohne Erlaubnis Saloniki verlassen würden. So wurde es ihnen erspart, mit den anderen Kriegsgefangenen nach Athen abgeschoben zu werden. Trotz dieser kleinen Freundlichkeiten ist die Situation im allgemeinen unverändert. Die Diebstähle, Plünderungen und Nr. 51 Ehrverletzungen dauern fort, unter offener Mitbeteiligung hellenischer Militärpersonen. Der „Independant“, das einzige Blatt, welches gewagt hatte, die Schandtaten mitzuteilen, wurde ohne Angabe von Gründen suspendiert, nachher aber, wieder ohne Angabe von Gründen, freigegeben. Wahrscheinlich eine kleine „Warnung“. Das Spital des Roten Halbmondes war in Gefahr, von den hellenischen Behörden völkerrechtswidrig fortgenommen und in ein griechisches Rotes Kreuz-Hospital umgewandelt zu werden. Ein Jude, der Direktor Dr. Dreyfus, verhinderte dies durch sein festes Auftreten. Das Allerschlimmste berichtet heute die Konstantinopeler Presse: Nach all den Versicherungen der Behörden, nach der Königsaudienz und allem anderen, sind plötzlich eine große Zahl von jüdischen N o t a b e 1 n der Stadt verhaftet und nach Athen deportiert worden! Nach ihrer Abreise wurden in ihren Häusern Haussuchungen vorgenommen und natürlich nichts gefunden, dafür aber alles aufs gründlichste geplündert. Einer anderen Nachricht zufolge sollen wohlhabende jüdische Kaufleute der Stadt, weil sie sich nicht gefügig berauben ließen, hier und da der Wut der Plünderer ihr Leben haben lassen müssen. Zwölf Kaufleute sollen bereits ermordet sein. Hilfesendung nach Adrianopel Angesichts des Waffenstillstandes ist auf Initiative der Vertreter des Hilfsvereins und des Ordens Bne Berith eine Hilfsaktion für das eingeschlossene Adrianopel versucht worden. Durch Vermittlung der Banque Imperiale Ottomane und des Kriegsministeriums, welches die Ueberweisungsdepesche der Bank an deren Filiale in Adrianopel durch Telegraphie ohne Draht beförderte, gelang es, 12 000 Frs. dahin zu senden. Ein Fünftel der Summe steuerte der Orden bei, zwei Fünftel der Hilfsverein und zwei Fünftel die Alliance. Man weiß freilich noch nicht, ob die Filiale der Ottomanbank Gelder liegen hatte, um die Order der Konstantinopeler Zentrale auszuführen und die Hilfssumme an Rabbi Bidgerano auszufolgen. Falls Nachricht über deren Erfolg einläuft, werden weitere Hilfssendungen versucht werden. Ueberschwemmungsnot in Serres Die jüdische Gemeinde von Serres, jener Stadt in der Nähe von Saloniki, bei der sich Griechen und Bulgaren geschlagen haben sollen, ist durch ein furchtbares Ueberschwemmungsunglück betroffen worden. Der Fluß trat über seine Ufer und stürzte über die Stadt hin. Das jüdische Viertel wurde gänzlich verheert. Die Juden retteten sich zum Teil in das hochgelegene Gebäude der Allianceschule, der Rest mußte aus der Stadt flüchten. Die Häuser sind weggerissen, alles, was der Krieg noch gelassen hatte, vernichtet. Die Kriegsflfichtlinge in der Hauptstadt und die Hilfsaktion Letzten Dienstag hatte die zentrale Hilfskommission eine Sitzung, der ein detaillierter Bericht über den Umfang; der Katastrophe und der notwendigen Hilfe vorgelegt wurde. Es waren bis vor einer Woche 2590 jüdische Kriegsflüchtlinge in der Stadt, die der öffentlichen Fürsorge benötigten. Seitdem sind es bereits über 3000 geworden. Sie kamen aus Adrianopel, Liile Burgas, Rodosto, Silivria, Kirk-Kilissc, Tschorlu, Baba Eski, Visa und anderen Orten. Sie wurden auf alle jüdischen Stadtteile Konstantinopels verteilt, die meisten nach Galata, Hasköj, Balat und Stambul.

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