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Die Welt · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5! jüdischen Mitbürger vorzuwerfen. Jedenfalls rechnen sie sich jetzt gegenseitig vor, wie stark ihre jüdischen Sprachgenossen den gegnerischen nationalen Besitzstand kräftigen. „Das ,Deutschtum* der Juden ist nicht, wie die Tschechen irrtümlich meinen, von Wohlwollen gegenüber unserem Volke geleitet. Die Juden sind nur nicht so unklug, wie die Tschechen, daß sie sich des Anschlusses an eine weltbedeutende Kultur freiwillig begeben." Und weiter: „Es muß übrigens mit aller Entschiedenheit darauf hingewiesen werden, weil es zu wenig beachtet wird, daß die Juden weit größere Vorteile aus der Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreise haben, als die Deutschen daraus ziehen können. Die Juden werden es selbst einmal bitter bereuen, das warme deutsche Lager verlassen und dafür das harte tschechische eingetauscht zu haben." Die deutschnationalen Berechnungen über die Zahl der tschechischsprechenden Juden in Böhmen interessieren uns hier um so weniger, als sie falsch sind. Es sei nur erwähnt, daß es in dem Aufsatz von Alfred Piech heißt, in Prag — mit 18 753 Deutschen und 18 041 Juden — gäbe es 16 000 christliche Deutsche. Mit ähnlichen Ansätzen, die man im Notfall dann durch Druckfehler erklären kann, scheint die ganze politische Studie zu operieren, deren Verfasser von der Binnenwanderung und der Landflucht der Juden und ihren Folgen überhaupt noch nichts gehört hat. Wohl konstatiert er, daß der zionistische Gedanke gerade unter den mährischen Juden sehr ansehnliche Erfolge aufzuweisen hat. Welche Wirkung aber von der Nationalisierung der Juden zu erwarten ist, das weiß er nicht anzugeben. Immerhin verdient es volle Aufmerksamkeit, daß man im Organ des antisemitischen „Bundes der Deutschen in Böhmen" folgende diplomatische Auslassung findet: „Der Uebergang ins tschechische Lager ist nun dem Judentum nicht von Vorteil gewesen. Am klarsten zeigt sich dies auf politischem Gebiete. Welch großen Einfluß haben die Juden im deutschen Gebiet, er überragt ihre Kopfzahl ganz erheblidh. Die tschechischen Juden dagegen haben auf die 1589 tschechische Oeffentliehkeit, auf die tschechische Politik und die tschechischen Parteien keinen wie immer gearteten Einfluß, sie haben gar nichts zu reden, weder bei den Liberalen, Bürgerlichen, und noch weniger — wenn es da ein weniger gibt — bei den Sozialdemokraten. Der letztere Umstand ist besonders bemerkenswert im Hinblick auf die führende Rolle, welche die deutschsprechenden Juden in der deutschösterreichischen Sozialdemokratie spielen. Die slawische Bewegung unter den Juden bringt selbstverständlich manchen Nachteil für die politische Stellung des österreichischen Deutschtums mit sich, vor allem in der Zeit des Ueberganges, sie hat aber keinen entscheidenden Einfluß. In Ungarn würden die Dinge anders liegen, eine Abkehr der Juden von den Magyaren würde den Untergang der magyarischen Herrschaft und damit geradezu die Vernichtung des Magyarentums bedeuten." So schreibt der stramme deutsche Autor, dem, wie jedem echtnationalen Deutschen, das „Judäo-Magyarentum" bisher höchst verdammenswert schien. Indessen hat gerade jetzt der Führer der deutschen Antisemiten, Karl Hermann Wolf, im Hause und am Tische des magyarischen Juden Heltai mit den magyarsichen Magnaten Frieden geschlossen. Allerdings wird auch dieses neue Bündnis, das die Vorherrschaft der Deutschen und der Ungarn sichern soll, die Emanzipation der Juden auf die Dauer doch nicht verhindern. Doch diese vollzieht sich in Wirklichkeit nicht in der Form einer „slawischen Bewegung", sondern führt vielmehr zur Nationalisierung der Juden, die, sobald sie nur erst zur Einsicht kommen, ihre eigenen jüdischen Bedürfnisse und Interessen vertreten. Deshalb wollen sie zwar mit ihren Mitbürgern möglichst gut auskomm en und Zusammenleben, sich aber niemand — weder den Deutschen noch den Tschechen — auf Gnade und Ungnade ausliefern. Zweifellos zeigen die Tschechen für die jüdischen Emanzipationsbestrebungen mehr Verständnis als die Deutschen. Diesen würde es nicht schaden, wenn sie in dieser Beziehung von den Tschechen lernen wollten. L. H. □□□□OG WELTCHRONIK □□□□□□ Die augenblickliche Lage der Türkei (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel, 14. Dezember 1912. Die Anschauungen über das türkische Problem haben durch die neue Umwälzung des letzten Sommers und durch den Balkankrieg solche Erschütterungen erfahren, die Vielheit der Ereignisse hat so verwirrend gewirkt, daß es angezeigt sein dürfte, kurz festzustellen, wie die Türkei eigentlich heute steht. Am Ende des zweiten Kriegsmonats, an dem wir jetzt angelangt sind, ist ihre Situation jedenfalls eine ganz andere, als am Ende des ersten. Damals war sie mitten irn Sturze in eine bodenlose Tiefe, ihr vollkommener Untergang schien nur noch eine Frage von Tagen. Man erwartete den Feind in der Hauptstadt, das Kreuz auf der Ha ja Sofia, die Flucht des Sultans über den Bosporus, ja selbst die Aufteilung der asiatischen Gebiete. So schlimm ist das alles einstweilen nicht geworden. Die Cholera und die Kanonen der osmanischen Flotte haben den Bulgaren vor Tschataldscha Einhalt geboten; die Massen Brotes und neuer Truppen, die den Verteidigern der letzten türkischen Schanzen von Konstantinopel her zukamen, stärkten sie aufs neue; die drei Festungen im Osten, Süden und Norden des Reiches hielten wacker aus und brachten dem Feinde schwere und fruchtlose Verluste; unter den alliierten Balkanvölkern entstanden ernste Differenzen. Die Hohe Pforte atmet auf; der Waffenstillstand ist geschlossen und bald wird es zum Frieden kommen. Von Petersburg her tönt es jetzt wie Seufzer nach baldigem Ende des Abenteuers, dessen Erfolge, wenn nicht bald schwarz auf weiß eingeheimst, zum Teil zu zerrinnen drohen. Die Stimmung in England schlägt merkbar um, Herr Poincare ist bei der rhetorischen Verteilung des Schicksals zwischen Kreuz und Halbmond vorsichtiger geworden. Also: die Türkei steht heute entschieden besser als vor einigen Wochen. Nichtsdestoweniger gibt es noch genügend schwarze Punkte. Es gibt zu den alten Sorgen sogar noch neue. Die Waffenstillstandsbedingungen, authentisch festgestellt in ihrem Wortlaut, sind für die Türkei nicht so günstig, wie anfangs geglaubt wurde. Die osmanischen Festungen werden

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