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Die Welt · 1912-12-20 · 51 (20.12.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
51 (20.12.1912)
Date
1912-12-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1588 Nr. 51 -- - —- D1E1^ELT= --- . Die slawische Bewegung unter den Juden Oesterreichs Die südslawischen Siege haben nicht nur den ängstlich gehüteten Status quo auf dem Balkan zerschlagen; sie haben jetzt das slawische Problem, das bisher westwäits der russischen Grenze nur als eine in n erbst erreich is che, ja zuweilen nur als eine böhmische Angelegenheit galt, in den Mittelpunkt e uropäisc h e r Machtfragen gestellt. Kein Wunder daher, daß vor allem die Deutschen in Oesterreich und namentlich in Böhmen nervös werden lind in ihrer Nervosität überall Gespenster sehen, überall eine organisierte Verschwörung gegen das Deutschtum wittern. Bisher sprach die deutschösterreichische Terminologie von der ,,tschechischen Gefahr“ und von der ,Judengefahr“ als von zwei durchaus verschiedenen und verschieden zu behandelnden ,,Gefahren“: die Tschechen, die die deutschen Minoritäten vergewaltigen und in das deutsche Sprachgebiet erobernd einbrechen, mühten zur Respektierung des deutschen Besitzstandes gezwungen werden; die Juden, die mit dem gefährlichen Geist des Judentums (und Kapitalismus) die Rassenreinheit germanischen Volkstums zu vergiften drohen, müßten durch zielbewußten praktischen Antisemitismus aus allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Positionen verdrängt werden. Nun plötzlich fließen das slawische und das jüdische Gespenst in einer gefährlichen Nebelgestalt zusammen. Jetzt wird entdeckt, daß cs eine ungeheure „slawische Bewegung unter den Juden Oesterreichs“ gibt. Unter diesem Titel veröffentlicht der „Bund der Deutschen in Böhmen“ im Dezemberheft seiner offiziellen „Mitteilungen“ einen langen Aufsatz von Alfred Piech. Zunächst konstatiert der Aufsatz zwar, daß in den nördlichen Gegenden Oesterreichs das „Judentum lange Zeit für das Deutschtum optiert hat, wenn es auch niemals eine so geradezu schwärmerische Liebe dafür empfunden hat, wie etwa die Juden in Ungarn für das Magyarentum“. Der nunmehr erkennbare Abfall der Juden vom Deutschtum sei am deutlichsten in Galizien, wo die Juden seit 1890 zur polnischen Umgangssprache abschwenkte u. Zwar tröstet der deutschnationale Autor sich und die Leser über diesen Verlust des Deutschtums, das in Wirklichkeit nie von den galizischen Juden völkisch gefördert worden sei — woraus es ja auch wohl zu erklären ist, daß der Deutsche Schul verein vor mehr denn 20 Jahren seine „uneigennützige“ Arbeit für deutsche Kulturförderung unter den Juden Galiziens eingestellt hat. Trotzdem aber hören wir einen schweren deutschen Seufzer. „Allerdings darf nicht übersehen werden, daß durch Schwenkung der galizischen Juden die Gesamtziffer des österreichischen Slawentums günstiger gestaltet wird, ein Umstand, den die Slawen bis in die letzten Folgerungen auszunützen nicht ermangeln werden.“ Diese Bemerkung charakterisiert die Ehrlichkeit, aber auch die Intelligenz der deutschen Politik in Oesterreich: man muß nämlich wissen, daß das polnische Unterdrückungssystem, unter dem Juden und Ruthenen zu leiden haben und das das Anschwellen der polnischen Bevölkerungszahlen erklärt, gerade durch die verständnisvolle Unterstützung der Deutschen gehalten wird. Deutsche und Polen haben gemeinsam gegen die parlamentarische Resolution gestimmt, die für die Volkszählung das National i t ä t s bekenntnis neben der „Umgangssprache“ verlangte und deren Durchführung die Juden davon befreit hätte, der statistische Zankapfel zwischen den österreichischen Nationen zu sein. Nun spüren eben schon die Deutschen die Folgen ihrer ja auch für die Regierung maßgebenden Judenpolitik. Klagen doch die Mitteilungen des „Bundes der Deutschen in Böhmen“ jetzt „über die Bewegung unter dem Judentum, die zur Abwendung der Juden in Böhmen und Mähren vom D e u t s c h t um und zu deren U ebertritt zum Tschechen! um führt“. Trotz der langjährigen Erfahrung aber, die schon endlich eine richtige Wertung der bemerkbaren Verschiebungen hätte lehren können, ist die deutschnationale Betrachtungsweise der jüdischen „Schwenkungen“ so schief wie je zuvor. Es fällt dem Autor des besprochenen Aufsatzes nicht ein, zu untersuchen, ob nicht eine wirklich wahrheitsgemäße Erfassung des nationalen Standpunktes der Juden solange unmöglich ist, solange die Anerkennung der jüdischen Nationalität verweigert wird, solange die Juden gezwungen werden, sich unter dem Drucke übermächtiger wirtschaftlicher Verhältnisse der jeweiligen Majoritätsgruppe zurechnen zu lassen. Unter dem Einflüsse der nationalen und nationalwirtschaftlichen Kämpfe haben die Juden des böhmischmährischen Flachlandes, soweit es tschechisch ist, allerdings aufgehört, sich für die Deutschen prügeln zu lassen. Werden sie nun, trotz ihrer „tschechischen Umgangssprache“, von den Tschechen bekämpft, so können sie wenigstens wissen, daß sie für eigene jüdische Rechnung leiden und kämpfen und nach der Art ihrer j ü - d i s c h e n Bedürfnisse ihre Haltung zu richten haben. Es ist aber bezeichnend für die Ahnungslosigkeit, mit der die Deutschnationalen dieser Erscheinung gegenüberstehen, daß sie von ihnen nicht etwa als die notwendige Folge der schwierigen Lage der jüdischen Minorität aufgefaßt wird — verstärkt allerdings durch den Antisemitismus der Deutschen —, sondern vielmehr als „eine wohlüberlegte, planmäßige politische Anschauung“. Die Bedeutungslosigkeit der tschechisch-jüdischen politischen Bewegung sollte aber doch auch Herrn Alfred Piech nicht entgangen sein. Wenn er die angebliche „Schwenkung“ der Juden zu den Tschechen nur als die Wirkung einer systematischen Arbeit slawischer Juden hinstellen möchte, so will er aber damit vielleicht nur vergessen machen, welche Rolle der deutsche Antisemitismus bei der Abstoßung der Juden gespielt hat. Klingt es doch wie eine vorsichtige Verwahrung gegen diese Annahme, wenn wir lesen: „Es ist wohl überflüssig, darauf näher einzugehen, daß gerade von tschechischer Seite ein Hinweis auf die judenfeindliche Bewegung unter den Deutschen eine Heuchelei ist. Das tschechische Volk ist durch und durch antisemitisch, und es hat diesem Gefühle schon sehr oft recht derben Ausdruck verliehen man erinnere sich da nur einiger wüster Ausschreitungen, wie sie von deutsch-antisemitischer Seite nie mitgemacht wurden und ohne Zweifel auch von den ärgsten Judenhassern nicht gebilligt worden wären. Wenn man es gut überlegt, so ist ein tschechisch nationaler Jude eine politische Geschmacklosigkeit, eine nationale Verirrung.“ Es ist ganz unnötig, zu entscheiden, ob ein deutscher Antisemit recht hat, wenn er den tschechischen Antisemitismus für kräftiger hält als den deutschen. Es haben sich beide Völker nicht allzu große Freundlichkeit gegen die

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