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Die Welt · 1912-12-13 · 50 (13.12.1912) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Nr. 50 1572 DIE3$KLT Gar keinen Vergleich mit den beiden genannten älteren Dichtern, die sich schon längst das Ehrenbürgerrecht in unserer Literatur erworben haben, hält ein junger Dichter aus Galizien aus, der sich jetzt mit einem Band Skizzen einführt. ,,Im Sturm der Zeit“1) betitelt Ruhen Fahn seinen Skizzenband. Die sieben kurzen Erzählungen, die dieser Band enthält, verraten nichts von einem besonderen Talent, obw ohl einige nicht ohne Geschick geschrieben sind. Das Leben der galizischen Juden zu schildern, setzt entweder ein starkes tragisches Bewußtsein oder ein tragikomisches Talent voraus. Eine Schilderung des dortigen jüdischen Lebens ohne diese zwei Voraussetzungen muß bei der Konvention bleiben. Die Versuche Fahns, die das bürgerliche Leben der galizischen Juden in einer künstlerischen Skizze festhalten wollen, gehen, wie dieses Leben selbst, nicht über die Konvention hinaus. Banalität gibt es draußen genug, und wer sie künstlerisch verwerten will, muß hoch über ihr stehen. Damit soll keineswegs ein abschließendes Urteil über die Begabung des jungen Erzählers gefällt werden. Im Gegenteil möchte ich ihn zu weiterem Schaffen ermutigen, wenn er auch mit dem ersten Ruch keinen großen Wurf getan hat. Bevor ich diese Betrachtung schließe, möchte ich noch auf zwei IJ e b e r s e t z u n g e n hin weisen, auf die Uebersetzung von ,,Tausend und einer Nacht“ von David J eil in ') und auf die Uebertragung von Tolstois ,,Satan“-') durch S. Wirt. Seit einiger Zeit besteht in Odessa ein Verlag unter der Leitung unseres großen Bialik, ,,Meturgeman“ (der Dolmetscher) genannt, der es sich zur Aufgabe macht, das Beste aus der Jugendliteratur in fremden Sprachen unserer Jugend durch gute hebräische Uebersetzungen zugänglich zu machen. Bialik selbst hat Don Quichote ins Hebräische übersetzt, und David J e 11 i n ist die Uebersetzung von „Tausend und einer Nacht“ zugefallen. Daß die Bialiksche Uebersetzung eine meisterhafte Umdichtung ist, braucht kaum gesagt zu werden, aber auch Jellins Arbeit ist als ganz vorzüglich zu bezeichnen. Die Uebersetzung nähert sich dem biblischen Stil, ist leicht und fließend. Sie darf mit Recht als Bereicherung unserer hebräischen Jugendliteratur angesehen werden. Die Uebertragung des Tolstoischen „Satan“ ins Hebräische durch S. Wirt scheint mir weder nützlich noch gelungen. Ich kann die Verbreitung der Schriften Tolstois unter unserer Jugend sowohl aus allgemein menschlichen wie aus jüdisch-politischen Gründen nicht gutheißen. Fiir die Jugend ist Tolstoi sicherlich ein gefährliches Gift. Ich habe auch seinerzeit die hebräische Uebertragung von Tolstois größeren Werken aus denselben Gründen getadelt und halte meine damaligen Ausführungen noch immer aufrecht. Wie der moderne Staat aus politischen und moralischen Gründen eine gewisse Literatur, die ästhetisch gar nicht minderwertig sein muß, der Jugend nicht zugänglich machen will, so müssen auch wir uns aus nationalen und politischen Gründen gegen eine gewisse Jugendliteratur wehren . . . selbst auf die Gefahr hin, als Reaktionäre verschrien zu werden. Hebräische Sprache mit hebräischem positivem Inhalt muß die Devise unserer Literatur sein.;;) „I in Stur m der Z e i t.“ Von Ruhen F a h n. Halicz 1012. Verlag A k s e 1 r a d. 70 Seiten. }) „Lief lajlah velajlah.“ Uebersetzt von David Jellin. Verlag „iMeturgeman“, (Odessa 1912. Q „Hasatan.“ Von Leo Tolstoi. Uebersetzt von S. Wirt. Verlag „Achim“, Wilna. 1912. Chanukah ohne Licht Des Tages trübe Strömung trug (Dich einem Eiland jäh vorbei: Wie 6old entquoll das Öl dem Rrug Und friedlich schien der Lichtlein Reih’. Dem Segen war das Haus geweiht, Wo man des Bundes fromm gedacht ... In meinem brauste hin die Zeit Und hat kein Sternlein froh entfacht. Betrübten Blickes steht mein Rind flm lichteleeren Tisch und wird Einst glanz- und führerlos und blind Im Dunkel tappen, wie verirrt . .. Wien. Marek Scherlag. Bücherbesprechungen Denkmäler jüdischen Geistes. Herausgegeben von Dr. B. M a v lind B. B. Lev y. 1. Band : Moses M e n d e 1 s s o h n. Verlag von J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1912. Die Fierausgeber haben sich die dankenswerte Aufgabe gestellt, den deutschen Juden eine Reihe wertvoller und merkwürdiger Werke jüdischen Geistes vorzuführen, indem sie aus diesen Werken ausgewählte Abschnitte mit erläuternden Anmerkungen veröffentlichen. Als erstes Bändchen ist jetzt „Moses M end e 1 s sohn “ erschienen. Um gleich das vorwegzunehmen, was verbessert werden könnte, so möchte ich vorschlagen, die einzelnen Stücke nicht in zwangloser Reihe aufeinander folgen zu lassen, sondern die Anlage mehr in Form einer Biographie zu machen, wobei die Texte durch kurze Bemerkungen über die dazwischen liegenden Ereignisse verbunden werden. Insbesondere müßte die Wirkling einer Schrift besprochen werden (z. B. heim Brief an Lavater). Eine Inhaltsangabe den einzelnen Texten vorauszuschicken, halte ich für überflüssig, nur der Inhalt des Weg gelassenen müßte angegeben werden. Vielleicht berücksichtigen die Herausgeber diese Anregung in einer Neuauflage. Auch so, wie es jetzt ist, ist das Bändchen jedem zu empfehlen, der nicht die Zeit hat, Mendelssohns Schriften vollständig zu lesen, aber nicht zufrieden ist, über ihn etwas zu lesen. Man bekommt besser als aus jedem Geschichtsbuch ein Bild der Persönlichkeit und seiner Art zu schreiben. Man begreift den Einfluß, den er auf seine Zeitgenossen ausübte, aus der Klarheit seines Stils und seiner Gedanken, man sieht aber gleichzeitig, daß er nur der vollendetste Ausdruck seiner Zeit, nicht aber das bahnbrechende Genie war, für das man ihn lange gehalten hat. Seine Gedanken sind überholt, von Kant in der Philosophie, von den Tatsachen in jüdischen Dingen. Aber als historische Dokumente sind sie äußerst wertvoll, und so haben sich die Herausgeber großen Dank verdient, daß sie dieselben dem großen Publikum zugänglich machen. Auch als Schulbuch ist das Bändchen warm zu empfehlen. Frankfurt a. M. D. Tachauer.

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