Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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1571 DIE^ELT Nr. 50 Ordnung führen müsse, die Feuerwehr von Jehopitz hält er für die genialste Erfindung der Welt, und von der Höhe der Jehopitzer Zivilisation blickt er verachtungsvoll auf sein Kasrielewka nieder, wo Häuser wehrlos den Flammen ausgeliefert werden. Er hält seine Frau auf dem laufenden über alle großen Erscheinungen auf dem Gebiete des Handels und der Industrie und berichtet ihr über die großen Erfolge, die er hätte haben können. Immer war es nur ein Zufall, daß er keinen Erfolg hatte. Als strebsamer Mann versucht er alles, was zum Erfolg führen kann; er versucht sein Glück in London, in Odessa, in Warschau, ist bald Waldpächter, Holzhändler, Börsianer, Lumpenhändler, Makler, Schadchen, Unternehmer, Spekulant und zu allerletzt . . . der verkörperte hohlwangige Dalles. Scheue Schendel läßt sich nicht bluffen. In einem ihrer Briefe schreibt sie ihm kurz und grob: „O möchte doch der Himmel sich deiner erbarmen und alle bösen Geister aus dir heraustreiben, damit du nicht mehr unter den verschiedensten Himmelsgegenden herumlungerst, während deine Frau bis 12 0 Jahr’ mit ihren Kindern einsam darbe." Noch mehr als das materielle Elend quält Scheue Schendel das moralische Elend des Verlassenseins. Sie kann nicht mehr zum Hause hinaus, weil alle auf sie mit den Fingern weisen: ,,Diese Frau ist die Gattin des großen Jehopitzer Kaufmanns Menachem Mendel." Mit einem Worte: Menachem Mendel ist ein Träumer, ein Luftmensch, ein phantasiereicher, aber weltfremder und naiver Glücksucher, der in der großen Welt Glück und Reichtum sucht, während zu Hause das größte Elend herrscht. Aber noch mehr als ein phantastischer Glücksucher ist er, ein tragischer Ghettojude, typisch für Millionen, die sein Schicksal teilen. Er repräsentiert eine ganze Gattung, ein ganzes Geschlecht. Dieser heiniat- und wurzellose Menachem Mendel verkörpert doch ein Milieu, das unstäte Luftmenschentum. Darin besteht seine Größe und die Größe seines Schöpfers. Diese Schöpfung Scho lern Al eiche ms war nur durch das Hineinziehen lind Verwerten des fo 1kl oris tischen Motivs möglich, das im hebräischen Gewände dem Dichter fast noch besser gelungen ist als im jüdischen Original. Eine Skizzensammlung ganz anderer Art bietet uns Berdyczewski, der Dichter des Dunkeln, der Analytiker der ringenden Seelen. Berdyczewskis Kunst ist Heimatkunst im engsten Sinne des Wortes und daher nur wenigen verständlich. Als Heimatkünstler ist er ganz Tragiker. Was er sieht, ist Friedhof, und was er schreibt, ist tiefe, finstere Nacht. Berdyczew ski geht an seine Menschen nicht wie Scholeni Al eiche m von außen heran, sondern sucht sie von inne n zu erfassen. Er ist daher trotz seiner Heimatkunst nicht Volks-, sondern Kunstdichter. Statt durch die Handlung erkennt er seine Helden durch die seelische Emotion. Zu dieser akademischen Kunst gesellt sich noch eine starke Dosis Querköpfigkeit, und zu beiden eine unverwüstliche Phantasie, die sieh sicherlich nach der vierten Dimension sehnt .,Aus der Tiefe des Lehens" nennt der Dichter seine vorliegende Skizzensamnihmg.-) Der Dichter hätte sein Werk ebensogut und vielleicht noch mit mehr Recht „Aus den Untiefen der menschlichen Seele" nennen können. Berdyczewski sucht die letzten seelischen Motive und Abgründe seiner Menschen, die nur soziale Atome -) ,,A u s der Ti e f e des Leb e n s.“ Verschiedene Erzählungen von Micha Josef Berdyczewski, Verlag „Tuschijah“, Bibliothekka Gedola, Warschau. 1912. sind, ab und bedient sich dazu oft solcher Mittel, die sowohl technisch wie künstlerisch bedenklich erscheinen. Schon die erste Skizze dieses Bandes „Unter Toten und Lebenden" muß, weil ihr Inhalt sich himmelweit von der Wirklichkeit entfernt, zur Kritik herausfordern. Nicht jeder wird sich mit cler Art befreunden können, wie hier folkloristische Momente, Träume, abergläubische Vorstellungen, Ahnungen und Vorempfindungen eines Menschen für die Gestaltung eines Kunstwerkes verwandt werden. Darin allein schon äußert sich die ganze Unwirklichkeit seiner Kunst. Das Wirkliche ist das Allgemeine und nicht das Individuelle, die Gattung und nicht das Exemplar. Berdyczewski hat es nur mit dem Individium allein zu tun; aber da er es statt von außen, wie Scholem Aleichem, von innen zu erfassen sucht, bringt er seine Gestalten in gar keine Beziehung zum Leben und zu der Wirklichkeit. Aestheten und künstlerische Feinschmecker allerdings werden an den psychologischen Analysen des dunkeln Dichters ihre Freude haben. Seine ganze Kunst ist aber doch zu individuell und akademisch, um auf das große Lesepublikum wirken zu können. Berdyczewski ist ein Kind des Ghettos. Von den ersten Eindrücken seiner Kindheit, die gewiß keine freudigen waren, hat er sich anscheinend bis auf den heutigen Tag nicht zu befreien gewußt. Das ist ein Vorteil und ein Nachteil zugleich, denn es engt seinen Blick und die Sphäre seines dichterischen Schaffens ein. Mit w elcher Liebe er an seiner Heimat hängt, hat er in dem ersten Abschnitt seiner Skizze „Ben Hap attisch W e h a s s a d d a n" (Zwischen Hammer und Amboß) wie folgt auseinandergesetzt: „Den Ort, in dem der Mensch geboren ist und die ersten Eindrücke empfangen hat, trägt er immer mit sich, wie er Vater lind Mutter lind alles, was seiner Seele am nächsten ist, in seiner Seele trägt. Wer dieses Heimatsgefühl nicht in seinem Herzen trägt, wer es verläßt und vergißt, cler hat eine Schurkenseele in seiner Brust, der ist gottlos." Bei unserem Dichter nun ist dieses Bewußtsein zu stark entwickelt. Selbst wo er die tragischen Gestalten seiner Heimat verläßt und sich anderen Typen zu wendet, etwa den Studenten und Studentinnen, die im Ausland studieren, betrachtet er sie suh specie patriae. Sein seelisch unendlich komplizierter Mensch begegnet uns in verschiedenen Gestaltungen überall, und vor lauter Menschlichkeit tritt das allgemein Menschliche immer in den Hintergrund und das Individuell-Eigenartige tritt hervor. Ich hebe gerade diesen Punkt hervor, weil ich in einer auf die Spitze getriebenen Heimatkunst wie sie Berdyczewski pflegt, eine Gefahr für die organische Einheit unseres nationalen Schrifttums erblicke. Die Juden leben heute in dreißig verschiedenen Milieus. Wohin würde es führen, wenn jeder hebräische Dichter sich auf die Pflege seiner Heimattypen beschränkte? Lieber dem Individuellen darf doch das Allgemeine nicht übersehen werden. Abgesehen von der extremen Heimatkunst und dem extremen Psychologismus, die Berdyezewskis Schaffen kennzeichnen, dürfen wir in ihm einen echten Dichter begrüßen, wie er nicht alle Tage unserer nationalen Literatur ersteht. Obgleich Berdyczewski keine Verse schreibt, ist er doch ein Lyriker von Gottes Gnaden, seine Erzählungskuust ist lyrisch in ihrer visionären Andeutung. Dazu kommt noch seine weiche, modulationsreiche, am mystischen Schrifttum genährte Sprache, die seinen Andeutungen und symbolischen Hinweisen etwas Zartes und Gütiges verleiht.