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Die Welt · 1912-12-13 · 50 (13.12.1912) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Nr. 50 1570 ... DIE^DELT arrangiert werden. Einige gutsituierte Mitglieder der Gemeinde haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. Zwei G rund stücke in der Niilie von Joubert Park sollen gekauft werden, ein Baufonds ist geschaffen worden und die Beträge, welche bereits eingegangen und zugesagt sind, berechtigen zu der Hoffnung, daß der Plan Erfolg haben wird. Leider sammelt auch die ,,Johannesburg Jewish üuild“ für einen Baufonds. Ein jüdischer Arbeiterklub Johannesburg. Die jüdischen Arbeiter von Johannesburg werden ihren eigenen Klub haben, und in Anbetracht dessen, dah das Unternehmen sich der Billigung und Unterstützung der Herren H. I). B e r n b e r g , B. J. S h acksnovis, Harry G r a u m a n n und Emile N a t h a n erfreut, ist seine Zukunft jedenfalls für einige Jahre gesichert. Solch ein Klub ist allmählich eine Notwendigkeit für eine große Industriestadt geworden und er kann viel Gutes wirken. Es ist zu hoffen, daß die Juden von Johannesburg dem neuen Arbeiterklub ihre Unterstützung nicht versagen werden. Verein jüdischer Mädchen in Berlin Am Sonnabend, den 14. Dezember 1912, '> ,9 Uhr abends, findet in den Musikersälen, Kaiser-Wilhelinstr. 1SM, ein Vortrag des Herrn Rabb. Dr. Warschauer über „Die Strömungen im Judentunie der Gegenwart und ihre gemeinsamen Verpflichtungen“ statt. Im Anschluß daran gemütliches Beisammensein; gesangliche und deklamatorische Darbietungen. Gäste Damen und Herren, herzlich willkommen. (□□□□□□ 72^ FEUILLETON =^22 □ □□□□□ )§ Neue hebräische Erzählungsliteratur Von Dr. 8. M. Melamed, London. Seit einigen Jahren ist kein bedeutenderes großes belletristisches Werk mehr in hebräischer Sprache erschienen. Die Bedingungen, unter denen die hebräische Literatur ihr Dasein fristet, lassen kein großes, einheitliches Werk entstellen. Ein Volk, das immer auf der Wanderung begriffen ist und auf keiner festen „Landschaft" ruht, kann keine reiche epische Dichtung, die ein großes Maß von Sammlung und Abgeklärtheit des schaffenden Dichters zur Voraussetzung hat, hervorbringen. Dem dichterischen Genius dieses Volkes offenbaren sich nur springende, zappelnde Gestalten, umherhuschende Schatten, irrende, ruhelose Seelen, die in keiner Heimat, in keinem festen Milieu wurzeln. Der Dichter sieht nur Einzeliridividuen, aber keine Landschaft, keine Ebene und keine Gebirge; er sieht soziale Atome, aber keine festgefügte Gesellschaft und keinen sozialen Grund, auf dem diese Individuen ruhen. Darum kann er nur flüchtige Erscheinungen festhalten und das Festgehaltene in der Skizze oder in der kurzen Erzählung künstlerisch gestalten. So haben wir es in der hebräischen Erzählungsliteratur vornehmlich mit einer S k i z z e n 1 i t e r a t u r zu tun. Diese Skizze aber hat freilich in der hebräischen Literatur eine Entwicklung erfahren, wie vielleicht in keinem anderen Schrifttum der Welt. Die kleine Skizze ist eine ganze kleine Welt, in der Regel eine recht düstere und einsame, in der zu leben es gar nicht schön ist. Wird diese Welt geschildert wie sie ist, dann kommt in der Regel eine Tragikomödie heraus, denn die Fülle von Pein und Mißgeschick, Schmerzen und Unglück wirken in dieser kolossalen Anhäufung ebenso komisch wie tragisch. Man denkt da unwillkürlich an den ewigen Sehlemiehl, an den Pechvogel, den das Unglück wie ein Schatten begleitet. Zu dem elementaren Unglück muß der Dichter den naiven Ton finden, um uns zum Weinen und Lachen zugleich zu zwingen. Die naive Darstellung einer großen erschütternden Tragik gelingt keinem besser als S c h o 1 e in A 1 e i - ehern. Man hat Scho lern Aleichem oft mit Mark Twain verglichen. Nichts dünkt mir oberflächlicher als dieser Vergleich, denn Schülern Aleichem ist nicht ein Situationskomiker, sondern ein Tragiker von großem Ernst. Daß seine Tragik oft komisch wirkt und uns Lachsalven abzwingt, beweist nur, daß die jüdische Tragik sich selbst überbietet. . . . Scholem Aleichem, der ehemalige Kiew er Großkaufmann, ist kein klügelnder Psychologe und kein Bücherwurm, sondern ein Mann des Lebens, der das Leben kennt. Statt „interessante“ Seelenanalysen liefert er uns lebensvolle, tätige Menschen, die in ihrem Sinne auch „mondain“ sind. Mcnachem Mendel der Träumer1), der nach Odessa auszieht, um Geschäfte zu machen, mit Bank und Börse in Verbindung steht, in verschiedenen kommerziellen Unternehmungen engagiert ist, hat ein Auge für alles, was in der großen Welt vorgeht. Er interessiert sich für Politik, für sensationelle Prozesse, für die hohe Gesellschaft usw. Nur sieht er alles durch das Prisma seiner kleinen, engbegrenzten, tragikomischen Welt. In den Briefen an seine treue Frau Schendel in Kasrielewka schreibt er sehr viel über alles, was er sieht und was er nicht sehen sollte, und über die wichtigsten Dinge, die sein und seiner Familie Glück betreffen, schreibt er in einem kurzen und drolligen Postskriptum. Seine treue Ehehälfte tituliert er in seinen Briefen gemäß der traditionellen Schablone: „An meine teuere, fromme, weise und züchtige Frau Gemahlin Schene Schendel in Kasrielewka. Segen und Gruß an meine ganze Familie. Mögen sie alle des Segens teilhaftig werden!“ Und die treue Frau Schendel spricht ihren Gatten in ihren Briefen ebenso an: „Meinem geehrten, teuern Herrn Gemahl, dem berühmten Weisen und Gelehrten, Herrn Menachem Mendel, möge sein Licht leuchten.“ Sie erzählt ihrem frommen, weisen und gelehrten Herrn Gemahl in der treuherzigsten Weise über alles, was sich in ihrer kleinen Welt zuträgt, so z. B„ daß ihr Bub' eine Kopeke verschluckt, daß die Kopeke wieder auf ganz natürlichem Wege . . . zum Vorschein gekommen sei, woraus zu schließen ist, daß die Aerzte, die die Münze auspumpen wollten, eine nichtsnutzige Pfuscherbande sind; daß sie von ihrem Großvater geträumt, er habe ihr Geld für ihren Lebensunterhalt gebracht, daß sich Riwkele in einen jungen Mann verliebt, daß sich zwei jüdische Weiber von Kasrielewka auf offener Straße gezankt haben usw. Der getreue Gatte liest die Briefe seiner getreuen Gemahlin sehr aufmerksam und kommentiert jeden Bericht seiner Frau in seiner Weise. Die Liebe z. B. hält er für eine neue Landplage, die zur völligen Ablösung aller ehelichen „Menachem Mendel der Träumer.“ Von Scholem Aleichem. Warschau, „Haschachar“, 1912.

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