Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 50 (13.12.1912)
- Date
- 1912-12-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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1563 Nr. 50 erkennbar ist. So betrugder Wert der von der Organisation verkauften landwirtschaftlichen Maschinen 50 000 Dollars gegen 30000 Dollars im Vorjahr; die vom Warenkaufs-Bureau ausgegebenen Shares sind im Betrage seit 1910 von 496 Dollars auf 954 Dollars gestiegen, und auch auf dem Gebiet sozialen Lebens sind erfreuliche Entwicklungen zu konstatieren. Für 1913 plant die Federation eine landwirtschaftliche Ausstellung mit Bazar. ln zwei Punkten hat die junge Organisation bereits so wichtige Reformen eitigefiihrt, daß Vertreter der Staatsregierung dieselben für vorbildlich erklärt haben: Die erste wichtige Institution ist die Einrichtung von kooperativen Darlehensgesellschaften, welche die einzigen derartigen Institute im Lande sind und die Lösung eines Problems darstellen, mit dem sich die Staatsregierung seit langer Zeit abmüht. Ferner entspricht das zur Organisation gehörige „Industrial Rem oval Office“, das die Verteilung von jüdischen Bewohnern dichtbevölkerter Städte auf das Land zur Aufgabe hat, etwa dem staatlichen „Informations- und Verteilungsbureau“. Der Chef dieses Staatsdepartements hat dem jüdischen Bureau kürzlich Worte hohen Lobes gespendet und geäußert, daß er bei genügender Bewegungsfreiheit das Staatsamt nach seinem Vorbilde einrichten würde. Es ist erfreulich, daß die junge Organisation bereits in zwei so wichtigen Punkten die Anerkennung der Fach- und Regierungsmänner erworben hat. Europa (Einige Gedanken an einem Chanukah-Abend.) Was will man von den Hellenisten? Warum verkleinert man sie zu einfachen nationalen Verrätern? Da sie doch weit mehr sind als das: die ersten Opfer der großen europäischen Suggestion. Die ersten jüdischen Intelligenten, die sich von diesem tönenden und strahlenden Kulturkoloß verblüffen ließen. Unser aller Vorbilder, wiewohl wir es uns nicht einzugestehen lieben. Habe nicht z. B. auch ich dreißig Jahre meines Lebens Reden gegen sie gehalten und Artikel gegen sie geschrieben und war doch im Grunde ihr geistiger Enkel Wußte es nur nicht. * Ich stelle Europa nicht in Gegensatz zum Orient Ich weiß nicht, ob das, was der absolute Gegensatz des Europäismus ist, Orientalismus heißen darf. Vor allem weiß ich nicht, ob und welche orientalischen Völker diesen absoluten Gegensatz ebenso oder ähnlich verkörpern, wie ihn die Juden ihrer Bestimmung nach verkörpern sollen und trotz allem lind allem in ihrer Geschichte verkörpert haben. Aber das weiß ich, daß mich die flammenden Worte, die eine berühmte französische Schauspielerin, Yvette Guilbert, in einem Pariser Blatte zugunsten der Türken veröffentlichte, aufrichtig freuten. Ich kann natürlich nicht nachprüfen, ob die Türken ihr Lob so ganz verdienen, aber das weiß ich, daß sie die wunderbarsten und ganz uneuropäischsten Worte fand, um die Europäer - „Barbaren“ nennt sie sie — zu geißeln. Dabei empfand ich etwas wie Neid gegen sie: Eine Europäerin, der — übrigens ähnlich, wie vielen anderen, größeren, als sie, mir fällt Tolstoi ein — diese wirbelnde Jagd nach dem funkelnden Scheine, dieses Losrasen auf ein absolutes Seelenvakuum der Menschheit, - in der Seele zuwider geworden ist! Und auf der andern Seite wir, die Söhne des Volkes der siegenden Seele, wie wir unser letztes Restchen Weltallglut aufbrauchen, um den Götzen anzubeten, den jene verwirft! Prinzen, die den Ehrgeiz haben, am Leierkasten zu drehen! Und bis zu den Clianukah-Lichtern verfolgt uns der Wahn, der wüsteste Traum, den die dem Lichte entgegenschlummernde Menschheit jemals geträumt hat — das Europäertum. So haben sichEs die Makkabäer wahrlich nicht gedacht . . . * Zweckvoll nennen uns unsere europäischen Feinde. Wir täten nichts ohne Zweck, sagen sie, nichts um des Lebensgefühls selbst willen, nichts als stille Statisten des Weltgeschehens. O, über ihren blinden Blick und ihre Selbstüberhebung! Sie können uns noch immer nicht vergessen, was wir ihnen damals taten, als wir den großen, über alle Zwecke erhabenen Gottgedanken, das brennende, über alle Zwecke erhabene Gottgefühl, in uns auslösten und über ihre Welt hin verbreiteten: daß wir da mit unserem stillen Weltenernst ihre lauten Weltentändeleien verscheuchten. Wir hätten Zwecke, sagen sie. In der engen Welt sinnlicher Wirklichkeit gewiß! Wie sie und wie andere auch. Doch mit einem Unterschiede: Keiner unserer Zwecke ist vom Geiste der zweckfreien Welt- und Gotteserkenntnis so verlassen, daß wir, wie jene, die Maske spielerischer Zwecklosigkeit vornehmen müßten, um unsere Blöße zu verdecken.. Und darum liebten wir auch niemals den Krieg ,,urn des Krieges willen“, Makkabäer aber hatten wir . . . * Freilich, heute haben wir keine — so weit das Auge reicht, keine — was man sich auch als ihre Aufgabe denken mag. Woher das kommt? Zunächst daher, daß die jüdische Hingabe an das, was über allen Zwecken thront, an das Ewige und Absolute so mächtig war, daß sie selbst in die Dinge der Wirklichkeit hinüberfloß, das politische Leben ergriff und den Zwecken nur die Sphäre des Erwerbslebens ließ. Aber dabei hätte es nicht bleiben müssen. Gerade das Beispiel der Makkabäer lehrt uns von einer andern Seite, daß eine Herstellung des Gleichgewichts, ein Kompetenzraum für das Reich der Gesamtheitszwecke möglich wäre. Ja, wenn es nur nicht jene Suggestion gäbe, von der wir sprachen, jenen wüsten Traum, der, unserer jüdischen Seele fremd, wie Gn Alb uns jüdische Intelligente drückt, und tausendfach mehr uns drückt, als in jenen alten Zeiten, weil er heute auf uns allen lastet, auf den ,,Getreuen“ ebenso wie auf den Ungetreuen. Wie sollen aus europäisch verkrümelten Menschen „Makkabäer“ hervorgehen — Sachwalter jüdischen Geistes und jüdischer zeitlicher Kraft zugleich . . .? * Lächerliche, europäische Frage, ob die Makkabäer für den jüdischen Glauben oder für das jüdische Volk kämpften. Nur Europäer, diese schwachen Rohre unter dem Sturme der zweckfreien Ewigkeit und diese Helden im Kleinkram der mit Zwecken vollgepfropften Zeit konnten ihre Geschicke und Gedanken so weit laufen lassen, daß sich ihnen nun Religion und Volk (nicht etwa nur Staat, worum es etwas ganz anderes ist) voneinander zu scheiden scheinen. Für Juden aber, die es