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Die Welt · 1912-12-13 · 50 (13.12.1912) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1561 Nr. 50 Die Anglo-Jewish-Association und die Juden in den Balkanstaaten (Von unserem Berichterstatter.) London. Diesen Sonntag hielt die Anglo-Jewish Association ihre Jahresversammlung ab, in der besonders die Lage der Juden auf dem Balkan zur Sprache kam. Die Tatsache, daß die Friedens Verhandlungen zwischen der Türkei und den Balkanstaaten sowie vermutlich auch die Botschafterkonferenz in London stattfinden werden, gibt den Leitern der Anglo-Jewish Association eine Verantwortlichkeit und ihren Beratungen ein Gewicht von größter Bedeutung. Ls ist vom jüdischen Standpunkte zu begrüßen, daß gerade London für die betreffenden Konferenzen gewählt worden ist, denn die politische Atmosphäre ist hier philosemitisch und würde keine Verkürzung jüdischer Rechte in den Balkanstaaten dulden. Hoffentlich wird es auch gar nicht dazu kommen, daß die Bürgerrechte der Juden in den Gebieten der Verbündeten in Frage gestellt werden, aber immerhin ist Vorsicht geboten. Denn schließlich haben wir es ja auch mit Rumänien zti tun, wo eine Viertelmillion Juden trotz aller verbürgten Rechte unter dem größten Druck schmachten. Gerade dieser heikle Punkt darf nicht aus dem Auge gelassen werden, und es ist die Aufgabe der Anglo- Jewish Association, die Sache der rumänischen Juden zu verteidigen. Auf der Jahresversammlung der A. J. A. wurden diese Punkte erörtert. Der Jahresbericht der A. J. A. enthält die gewöhnliche Wiederholung der Klagen über die traurige Lage in Rußland und Rumänien. Interessant ist die Beschreibung des Erziehungswesens der Association, das L 4545 in Anspruch genommen hat und wovon ein beträchtlicher Teil auf die Evelina de Rothschild-Schule in Jerusalem entfällt. Die A. J. A. hat während dieses Jahres von Mr. Jacob Krön heim er aus Melbourne (Australien) die Summe von C 4000 zur Gründung einer Stiftung für Woliitätigkeits- und Erziehungszwecke in Jerusalem erhalten. Die Boykotthetze in Warschau und unsere Assimilanten (Von unserem Berichterstatter.) Warschau. Die antisemitischen Orgien in den politischen und publizistischen Kreisen Warschaus, die seit den Dumawahlen einsetzten und in der zügellosen Boykotthetze ihren Ausdruck finden, hören nicht auf, die jüdische Oeffentlichkeit zu beschäftigen. Sehr erfreulich ist dabei die Tatsache, daß die gesamte jüdische Presse sich keineswegs durch diese Hetze einschüchtern läßt. In keiner einzigen jüdischen Zeitung ist etwas von Kopflosigkeit und Furcht zu merken. Nirgends eine Spur von kleinlauten Entschuldigungen und Ergebenheitsbeteuerungen, nirgends auch nur die leiseste Andeutung von etwaiger Reue über die Haltung der Juden in der Wahlkampagne. Das einzige Blatt, das diese Rolle übernommen haben würde, das Organ der Assimilantenclique, „Neues“, hat das Zeitliche gesegnet, da es die absolute Gleichgültigkeit der jüdischen Leserkreise nicht ertragen konnte, ln recht gelassener und im Vergleich mit dem Wutgeheul der polnischen Presse außerordentlich wohltuender ruhiger Weise wird hier der polnischen Gesellschaft zu bedenken gegeben, daß die Boykottsbestrebungen ein zweischneidiges Schwert bilden; daß die natürliche Folge dieser Bestrebungen ein enger Zusammenschluß der Juden sein dürfte, der auf Boykott mit Boykott antworten würde, wobei die polnischen Finnen mindestens ebenso schlecht fahren würden wie die jüdischen. Diese Argumente scheinen nicht ganz ohne Wirkung geblieben zu sein. Es lassen sich bereits unter den Polen einzelne vorläufig recht schüchterne Stimmen vernehmen, die an dem Segen der Boykottbestrebungen zu zweifeln wagen. Symptomatisch nach dieser Richtung ist die Stimme des bekannten polnischen Publizisten Grendeszinsky, der sich gegen den Boykott äußerte, weil dieser in sich die Gefahr einer Verrohung und Herabdrückung des allgemeinen kulturellen Niveaus, somit aber auch einer Schwächung der sozialen Widerstandsfähigkeit in sich berge. Was gegenwärtig in dieser Beziehung geschehe, sei kein Kampf mehr, sondern eine wilde Hetze, von dieser aber sei nur ein Schritt bis zum Pogrom und dem wüstesten Banditismus. Während nun in der polnischen Gesellschaft sich einige, vorläufig allerdings sehr wenige nüchterne Köpfe befinden, die sich durch die hohle patriotische Phrase nicht berauschen lassen, haben wir die beschämende Tatsache erleben müssen, daß unsere ,,Polen mosaischen Glaubens“, die in diesen schweren Zeiten ganz den Kopf verloren zu haben scheinen, sich patriotischer als die polnischen Patrioten gebärden und im Feldzug gegen die Juden in den ersten Reihen stehen. Hier seien nur einige markante Tatsachen angeführt. Der edle Pole Dr. Nathan soll n, Hauptarzt am jüdischen Krankenhaus zu Warschau, hat seinem Assistenten Dr. Lippstadt, der als Wahlmann in den vordersten Reihen der Gegner Kucharzewsky s stand und von seinen jüdischen Kollegen als Reservekandidat für die Abgeordnetenwahl in Aussicht genommen wurde, ,,wegen seiner antipolnischen Betätigung“ den Stuhl vor die Tür gesetzt. Ein anderer Herr Nathansohn (eine sehr vielseitige und verdienstvolle Familie!) hatte gleichfalls Gelegenheit, sich für die heilige Volkssache ein zu setzen. Der ,, Verein christlicher Handelsangestellter“, natürlich eine patriotische Gesellschaft par excellence, hatte im Vorstand einen — christlichen — Herrn, der es gewagt hatte ,anläßlich der jüngsten Dumawahlen die antisemitische Hetze zu mißbilligen. Dieser mißratene Pole durfte nun in der unbescholtenen Gesellschaft nicht länger bleiben. Er ging, und seinen Sitz im Vorstande der vaterlandstreuen Kommis nahm Herr Nathansohn ein. Eine weitere patriotische Leistung in der Domäne der N a t h a n s o h n s. Im jüdischen Kranken hause wurde ein strenger Dkas erlassen, wonach die Kranken jüdische Zeitungen — bekanntlich sind diese sehr gefährliche Polenfeinde! unter keinen Umständen lesen dürften, auch nicht, wenn sie des Polnischen unkundig sind. Und nun die Glanzleistung unserer Warschauer Offiziellen, ln einer der letzten Sitzungen des Gemeindevorstandes wurde der Antrag erörtert, zwei Gemeindebeamte, die während der Duma wählen im Lager der Nationalisten standen, zu entlassen. Diese Beamten sind: der Dichter Perez und Rechtsanwalt Seide m a n n. Ein endgültiger Beschluß wurde vorläufig noch nicht gefaßt. Da aber die Herren in der Kultusstube die N a t li a n s o h n s und die D i c k s t e i n s sind, so ist zu erwarten, daß die vaterlandslosen Beamten ihr Verbrechen in gebührender Weise büßen werden. Wie mögen sich nun die Chassidim, die der Assiniilantencliijue bei den Gemeindewahlen zum Siege verhalten, die aber bei den Dumawahlen mit den Nationaljuden gingen, bei dieser patriotischen Enunziation ihrer Freunde von der Kultusstube fühlen? Uebrigens hat es den Anschein, daß das unnatürliche Bündnis der unerschütterlich Thoratreuen mit den polnischnationalen Tauf Kandidaten anläßlich der jüngsten Ereignisse einen unheilbaren Riß erfahren hat. Dieser Umstand wird wohl auch zum Teil an der übergroßen Nervosität der der-

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