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Die Welt · 1912-12-13 · 50 (13.12.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1558' blEÄELT Herrn Romanos, über die Angelegenheit um Auskunft ersuchte, erbat sieh dieser einige Tage Zeit, um Informationen seitens seiner Regierung einzuholen. Kurz darauf erschien Herr Romanos wieder und hielt Herrn Poincare freundlich lächelnd eine Nummer des „Temps“ unter die Augen, die ihm weitere Explikationen ersparte. Diese Zeitungsnummer enthielt die wörtliche Wiedergabe eines Briefes des Großrabbiners Jacob Meir von Saloniki, den dieser an den Prinzen Nicolaus von Griechenland gerichtet hatte. Das Schriftstück lautete folgendermaßen: Hoheit! Ich erfahre, daß gewisse englische und französische Presse-Organe Nachrichten aus Konstantinopel und Saloniki veröffentlichen, denen zufolge Griechen jüdische Synagogen unserer Stadt geplündert und zerstört, jüdische Mädchen geschändet und unter meiner Gemeinde Schrecken gesät hätten. Die gleichen Blätter fügen hinzu, daß ich mich angesichts dieser Lage an die englischen und französischen Botschafter in Konstantinopel gewandt hätte, um ihren Schutz zu erbitten. Es ist meine Pflicht und ich bin es der Wahrheit schuldig, Ihnen zu erklären, daß das Rabbinat von Saloniki niemals irgendwelche Schritte bei den beiden Botschaftern unternommen hat noch zu unternehmen gedachte, und ebensowenig hat das Großrabbinat von Konstantinopel jemals eine Note solcher Art an das Saloniker Großrabbinat gerichtet. Seit dem Einzuge der hellenischen Armee in Saloniki ist bei mir keine Klage wegen Zerstörung oder Plünderung von Synagogen in den ersten Tagen der Besetzung weder gegen Militärpersonen noch gegen zivile eingelaufen. Ich möchte feststellen und ich gebe die formelle Erklärung ab, daß ich meine Klagen direkt an die hellenischen Behörden gerichtet habe, die sich mit großem Eifer und gutem Willen dazu hergegeben haben, Abhilfe zu schaffen, um die Ordnung in der Stadt wiederherzustellen. Dank der wohlwollenden Haltung der Behörden — für die ich nicht genug danken kann — ist die Ordnung wieder hergestellt worden, und wenige Tage nach der Besetzung haben meine Gemeindeangehörigen keinerlei Klage mehr an mich zu richten gehabt. Indem ich Eure Hoheit ermächtige, von diesem meinem Schreiben nach Gutdünken Gebrauch zu machen, bitte ich, den Ausdruck meiner Hochachtung und meiner tiefen Ergebenheit entgegennehmen zu wollen. Der Großrabbiner von Saloniki J. Mei’r. Wie steht es mit dem Inhalt dieses rabbinischen Dokumentes? Dieser ist von Anfang bis zum Ende unwahrhaftig, um nicht zu sagen verlogen. Dieser Anfang und dieses Ende widersprechen sich schon selber; erst heißt es, daß keinerlei Klagen dem Rabbiner vorgekommen seien, nachher: daß er seine Klagen den hellenischen Behörden direkt unterbreitet habe. Es wird festgestellt, was unnötig war: nämlich, daß Rabbi Jacob Meir nicht bei den Botschaftern in Konstantinopel interveniert habe (das konnte er gar nicht tun, weil keine Verbindung mit der Hauptstadt vorhanden war); ferner: daß das Konstantinopeler Großrabbinat ihm keine entsprechende Note zugestellt habe (das war ja ebenfalls unmöglich, aus dem gleichen Grunde). Im übrigen werden alle Tatsachen kühn geleugnet, die durch die Konsularberichte mehrerer Großmächte und durch alle großen Presseorgane, „Times“, „Temps", „Frankfurter Zeitung“, Berliner Tageblatt", „Vossische Zeitung“ unwiderleglich bewiesen und in allen Details zehnfach bestätigt waren. Nr. 50 Wie kommt Rabbi Jacob Mei'r dazu, einen solchen Brief zu schreiben und ihn noch zur Ausnützung nach Gutdünken anzubieten? Dieses unwürdige Schalten eines auf den Führerplatz gestellten Mannes kann nicht entschuldigt werden. Es gefährdet im höchsten Maße die Interessen des gesamten Judentums. Mit welcher Stirne können sich nochmals dessen Vertreter an die Mächte um Schutz für unsere bedrängten Brüder wenden, wenn sie jeden Moment befürchten müssen, von irgendeinem übereifrigen oder rückgratlosen Rabbiner dementiert zu werden? Bei der deutschen Regierung, die sich so entschlossen der Saloniker Juden angenommen hat, hat sicher die Veröffentlichung des Rabbi Meir einen peinlichen Eindruck auslösen müssen. Sie bedeutet auch moralisch eine große Schädigung für das Judentum. Der Vorwurf der Feigheit erhält durch sie neue und anscheinend berechtigte Nahrung. Es wird Zeit, daß derartige Schwächlinge an der Spitze des Judentums verschwinden. Der Großrabbiner der Türkei, Rabbi Nahum, war durch diesen Vorfall aufs äußerste erregt. Er ist tatsächlich in eine unangenehme Situation gesetzt, da er es war, der offiziell bei der türkischen Regierung um Schutz intervenierte, und auch die Botschafter der Entente cordiale um Hilfe bat. Rabbi Nahum sprach davon, den Saloniker Großrabbiner abzusetzen und hat nur angesichts der allgemeinen traurigen Zustände des Reiches und des orientalischen Judentums davon abgesehen. Man muß sich nur fragen, ob die Saloniker Gemeinde selber sich nicht schließlich für ihren Seelenhirten bedanken wird, der aus blasser Furcht so weit ihre Interessen schädigt. Die Bulgaren schützen die Saloniker Juden In einem sehr langen, höchst interessanten und lichtvollen Bericht über die Saloniker Exzesse, den der „Jeune Turc“ publiziert, findet sich folgender Passus: „Die unglücklichen Juden, wehrlos dem Fanatismus der griechischen Soldaten ausgeliefert, sind ganz besonders schwer mitgenommen, ihre Quartiere vollständig ausgeplündert worden. Um sich gegen neue Exzesse sicherzustellen, baten sie den bulgarischen Kommandanten, sie unter seinen Schutz zu nehmen. Dieser traf strenge Maßregeln und läßt Tag und Nacht bulgarische Patrouillen in den gefährdeten Stadtvierteln zirkulieren. Die jüdischen Familien haben sich mit schrillen Pfeifen versehen; beim geringsten Alarm wird gepfiffen und die Bulgaren eilen herbei. Vor zwei Wochen brachen griechische Soldaten nächtlicherweile in ein jüdisches Haus ein; die Nachbarn pfiffen, und sofort stürzten die bulgarischen Soldaten heran, rechtzeitig genug, um die Diebe niederzuschlagen, die, sich umzingelt sehend, auf die Dächer geflohen waren.“ Ein unerwarteter Helfer Zum Schutz der Saloniker Juden eilt jetzt eine Macht herbei, von der wir es am wenigsten erwartet hätten: Spanien. Der Marquis von Prat de Nantouillet, bevollmächtigter Gesandter für Konstantinopel und Athen zugleich, machte dieser Tage bei einem Besuche, den er dem türkischen Großrabbiner abstattete, die Mitteilung, daß er bei der Athener Regierung sowohl, wie bei dem in Saloniki weilenden griechischen Prinzen Nikolas energischen Protest gegen die an den Juden begangenen Ausschreitungen erhobenhabe.

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