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Die Welt · 1912-12-13 · 50 (13.12.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 Ringsum bröckelt der Bau des Judentums ab. Die Jugend in Deutschland, der die „liberalen Richtlinien“ fast durchweg ebenso gleichgültig sind, wie der Formalismus der Orthodoxie, empfindet das Judentum ihrer Väter nicht mehr als eine lebenspendende Macht, sondern als ein Ueberbleibsei, das man — aus Stolz, Trotz oder Pietät — noch eine Zeitlang aufbewahrt, um es, wenn Ehren und Vorteile winken, gänzlich beiseite zu schieben. Der Kampf für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung ist zwar an sich gerechtfertigt und alle Juden müssen ihn führen, aber er gilt doch keinem jüdischen, sondern nur einem bürgerlichen Ziel. Er ist eine für den Staatsbürger notwendige Aktion, erweckt aber kein Interesse am Judentum. Es fehlt allen diesen Bestrebungen der positiv-jüdische Inhalt, der dem Juden als Juden etwas gibt, der der jüdischen Jugend ein Ziel, eine Aufgabe setzt. Nur der Zionismus hat diesen positiven Inhalt. Darum erzielt er Erfolge, darum entfaltet er eine werbende Kraft, darum strömt ihm die Jugend zu. Die Aelteren sehen es mit Erbitterung. Sie wollen nicht zum Zionismus kommen. Sie ahnen, daß es hier eine Entscheidung fürs Leben gilt, und sie können sich von den Vorstellungen nicht trennen, die sie sich in ihrer eigenen Jugendzeit über die „Judenfrage“ gebildet haben. Die Besseren unter ihnen, die Jüdischeren, die sich noch die Empfindung für das große jüdische Ideal bewahrt haben, erkennen dies — und schweigen. Sie merken wohl, daß das Judentum am Scheidewege steht, daß die kommende Generation zwischen dem jüdischnationalen Gedanken und der Assimilation endgültig zu wählen haben wird. Aber für keine von beiden Richtungen wollen sie sich entscheiden; deshalb schweigen sie, und wenn sie reden, so mahnen sie zum Frieden, damit die Reste jüdischer Kraft nicht durch inneren Hader vermindert werden. Das sind die von ehrlichem jüdischen Empfinden geleiteten Persönlichkeiten, wie wir sie in den jüdischen Organisationen noch oft antreffen. Die Schlechteren aber, die unjüdischer Gewordenen, schweigen nicht. Sie reden, und wenn sie reden, predigen sie den Unfrieden, den Kampf gegen jene andere, gegen die nationale Richtung im Judentum, deren Erfolge sie grollend mit der Unzulänglichkeit ihrer eigenen Bestrebungen vergleichen. Ihre angeblichen „Gründe“, ihr deutsch-patriotisches Gewissen, das die jüdisch-natio- 1557 nale Agitation nicht erträgt, ihr demokratisches Bewußtsein, das sich über das angebliche Zusammengehen der Zionisten mit den finsteren Mächten der Reaktion empört — all das sind nur Scheingründe eines jüdischen Betätigungsdranges, der kein ernstes; positives Arbeitsgebiet mehr weiß. Konsequente Assimilanten, die den Zionismus ablehnen und „voll und ganz“ für die Nationalität ihres Wirtsvolkes optieren, haben keine Veranlassung zur Gründung einer geheimen Kampforganisation gegen den Zionismus, der ihre Kreise nicht stört. Aber bedenkenfreie Halbjuden, die vor dem Zionismus zurückschrecken und dennoch den Anspruch erheben möchten, im Namen des Judentums zu sprechen, müssen, um ihre jüdische Existenz zu rechtfertigen, auf den Weg eines mit Pamphleten geführten Verleumdungsfeldzuges gegen den Zionismus geraten. In diesem unfruchtbaren Kampf gegen den Zionismus suchen sie Ersatz für die jüdischen Inhalte, die ihnen ihr eigenes jüdisches Dasein nicht bietet. So kehrt sich die«erlöschende Kraft des inkonsequenten Assimilantentums in einer letzten Anstrengung gegen die siegende Macht des jüdischen Volksgedankens. Hohe Ziele sind es, denen diese Männer nachstreben! Sie wollen nicht Kräfte sammeln, sondern zerstören! Sie begnügen sich nicht damit, den Zionismus für ihre eigene Person abzulehnen, sie wollen ihn auch der Umwelt denunzieren. Sie suchen durch Beeinflussung der jüdischen Lehrer die Jugend von der nationalen Bewegung fernzuhalten und errichten ein Bankkonto, um Schriften gegen den Zionismus herauszugeben. Sie sagen dem Leben Fehde an und proklamieren den Tod. Für uns ist es traurig, zu sehen, wie die Ohnmacht, die Ratlosigkeit, die innere Leere dieser entjudeten „Notabein“ in giftigen Haß gegen die jüdische Volkssache umschlägt. Spätere Generationen werden nicht trauern, sie werden urteilen. Das Urteil steht schon geschrieben. In diesen Tagen, da wir uns der Makkabäer erinnerten, haben wir auch jener Griechlinge gedacht, die ebenfalls ein „antizionistisches Komitee“ gegründet hatten. Was ist von ihnen geblieben? Nichts als die Erinnerung an schmachvollen Verrat, an feiges Ueberläufertum. Die Geschichte warnt und richtet. Die Warnung war vergeblich — das Gericht wird kommen! R.L. o || □□□□□□ WELTCHRONIK =^=52 □ □□□□□ J O O o Ein Angstdementi (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel, 7. Dezember. Das orientalische Judentum hat, scheint es, wenig Glück mit seinen Rabbinern. Der Rabbiner von Athen richtete namens seiner Gemeinde eine unangebrachte anmaßende und zugleich verdächtigende Mahnung an die Juden von Saloniki, solche Hellenenfreunde und ergebene griechische Patrioten zu werden wie die Juden des Königreiches. Und jetzt kommt der schlimmste Schlag für die Saloniker von keiner anderen Seite als ihrem Großrabbiner Jacob Me’f r selber. Wir müssen gestehen: viel Sympathie hat es in unseren Reihen für diesen Greis gegeben, dem man ein tiefes jüdisches Gefühl und Güte nachrühmte. Aber diese Sympathie hat sich nicht aufrechterhalten lassen. Rabbi Jacob Mei’r mag Seele haben, aber er hat keinen Charakter; die Schwäche und die Furcht haben sich als sein hervorstechendster Zug erwiesen. Er hat der Welt vor zwei Jahren einen Beweis davon geliefert in seinem schmählichen Protesttelegramm gegen den Zionismus, den er gegen besseres Wissen und Wollen auf Order seiner Gemeinde-Gewaltigen an die türkische Regierung gerichtet hatte, mit seinem Namen und Siegel unterfertigt. Er hat jetzt einen neuen Beweis dafür geliefert, indem er in einem Briefe von schmählicher UnWahrhaftigkeit den Griechen gegen seine eigene Gemeinde und das ganze Judentum Eideshelferdienste tat. Als auf Grund der an den diplomatischen Stellen Konstanünopels unternommenen Schritte zugunsten der Saloniker Juden Herr Poincar 6 den hellenischen Gesandten in Paris,

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