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Die Welt · 1912-12-13 · 50 (13.12.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
50 (13.12.1912)
Date
1912-12-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1556 Nr. 50 DIE^ELT HOHE ZIELE ln diesen Zeiten, die für die Völker Europas ernsteste Entscheidungen bringen werden, in diesen Zeiten, da unter Waffengeklirr und Kanonendonner der nationale Gedanke seinen Siegeslauf um den Erdball zu vollenden strebt, in diesen bedeutsamen Zeiten beginnt auch das deutsche Judentum sich zu regen und einen politischen Eifer zu bekunden, der ihm bislang fremd war. Dieses deutsche Judentum, dem so oft Mangel an jüdischen Interessen vorgeworfen wurde, hat endlich den Weg der Tat beschritten. Es hat erkannt, welche Losung in dieser Stunde befolgt werden muß, seine Führer sind erwacht und zeigen der Menge das hohe Ziel, dem der Eifer aller Gutgesinnten dienen muß. Es gilt, die Zukunft Israels sicherzustellen, es gilt, den inneren Feind, der das Judentum bedroht, mit starker Faust niederzuhalten — kurz und gut: es wurde in Berlin ein Komitee zur Bekämpfung des Zionismus gegründet. Wir geben hier — der Gegenwart zur Trauer, der Nachwelt zum Gelächter — ein Schriftstück wieder, das kürzlich verschickt wurde, auf daß die Pest des Zionismus ausgerottet werde in deutschen Landen. Berlin, den 22. 11. 1912. Antizionistisches Komitee. Bureau: Berlin W. 8, Mauerstr. 49. Tel. Zentrum 162. Vertraulich! Sehr geehrter Herr! Die zionistische Bewegung hat seit dem letzten halben Jahre Formen angenommen, die es notwendig machen, sich zu einer wirksamen Abwehr zusammenzuschließen. Der Zionismus hat in der letzten Zeit sich nicht nur an unsere jüdischen Glaubensgenossen gewandt, um sie für seine Zwecke gefügig zu machen, sondern auch Unterstützung gesucht bei antisemitischen und konservativen Parteien. Die Zionisten haben weiter den Versuch gemacht, durch literarische Debatten einen Kulturkonflikt zwischen Juden und Christen hervorzurufen, der es befürchten läßt, daß selbst uns günstig gesinnte politische Kreise die Lösung der Judenfrage nicht mehr in der vollen Gleichberechtigung der Juden erblicken, sondern ebenfalls wie die Zionisten uns von den anderen Staatsbürgern trennen wollen. Um diesen Gefahren vorzubeugen, haben wir uns zu einem Komitee zusammengeschlossen und wenden uns auch an Sie mit der Bitte, uns in unserem Kampfe gegen die Zionisten zu unterstützen. Wir lassen in allernächster Zeit zwei Broschüren erscheinen, welche die deutsche Judenheit über die von dem Zionismus drohende Gefahr aufklären sollen. Wir bitten Sie, den VertriebdieserBroschüren für dort und die Umgegend gefälligst übernehmen zu wollen und uns umgehend mitzuteilen, wie viele Exemplare wir Ihnen zusenden dürfen. Wir gedenken die Broschüren auch im Buchhandel erscheinen zu lassen und wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie dafür sorgen würden, daß in den dortigen Tageszeitungen die Broschüren angekündigt würden. Wir erlauben uns darauf hinzuweisen, daß in Ihrer Gemeinde der Zionismus stark vertreten ist. Es sind dort nach einer uns vorliegenden Statistik . . . organisierte Zionisten und es werden für zionistische Zwecke nicht weniger als . . . M. verwendet. Es dürfte daher auch Ihr besonderes Interesse an der Bekämpfung der zionistischen Bewegung gegeben sein. Indem wir Sie um eine baldige gefl. Antwort bitten, zeichnen wir hochachtungsvoll das antizionistische Komitee i. A. (Unterschrift). Wir wollen die Unterschrift dieses Zirkulars verschweigen, um dem Miniatur-Herostrat, der für das Komitee zeichnet, nicht zu unfreiwilliger Berühmtheit zu verhelfen. Es genügt, wenn wir sagen, daß die Adresse des antizionistischen Komitees mit der Adresse der Vereinigung für das liberale Judentum identisch ist. Wir erleben hier eine Neuauflage des Vorstoßes, den seinerzeit die „Protest-Rabbiner“ gegen den Zionismus unternahmen. Aber welch ein Unterschied zwischen damals und heute! Damals trat der Zionismus als eine neue, gänzlich unbekannte Kraft auf, er erschreckte das dumpf dahinvegetierende Gemeindejudentum durch die Kühnheit seiner Forderungen und löste so ganz naturgemäß den Widerstand der älteren Generation aus, die mit Hilfe rabbinischer Beschwörungsformeln, der neuen, unheimlichen Bewegung zu begegnen suchte. Seitdem sind 16 Jahre vergangen, der Zionismus schuf sich eine mächtige Organisation, er weckte die Jugend, gründete Banken und Fonds, wandte sich praktischer Betätigung zu und erzwang sich die Achtung aller Kreise, die in Palästina durch kolonisatorische und kulturelle Bestrebungen dem Judentum einen Stützpunkt zu schaffen suchen. Heute ist der Kampf gegen den Zionismus nicht mehr der Kampf gegen eine Ideologie, sondern der Kampf gegen eine politische Organisation, ein Angriff gegen einen wesentlichen Teil der Judenheit selbst und der Versuch, eine im Dienste des Judentums schaffende Kraft zu zerstören. Um so härter muß das Urteil über diejenigen ausfallen, die einen solchen Kampf — so aussichtslos er auch ist — zu unternehmen wagen. Ganz von selbst erhebt sich die Frage, welchen Motiven dieser Angriff entspringt. Was veranlaßt Vertreter des religiös-liberalen Judentums, also sozusagen Verkünder der jüdisch-christlichen Nächstenliebe — denen sich übrigens auch Elemente aus den ßne-Brith-Logen und dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zugesellen — was veranlaßt sie zu diesem Kampf gegen den Zionismus? Die Unwissenheit, die in den genannten Kreisen über alle modernen jüdischen Fragen herrscht, erklärt wohl manches. Wüßten diese Leute, was sie tun, wenn sie gerade jetzt, da die Grundlagen der künftigen Entwicklung des jüdischen Volkes durch mühsamste Vorarbeit geschaffen werden, dem Zionismus in den Rücken fallen, sie würden sich vielleicht ihre hochverräterische Taktik überlegen. Aber ihre Unwissenheit läßt ernsthafte Bedenken gar nicht erst aufkommen. Was ist jedoch der eigentliche Beweggrund ihres Handelns? Was treibt diese wohlgenährten Justizräte auf den rauhen Kriegspfad? Es gibt nur eine Erklärung: Diese Leute, die nicht etwa — wie die konsequenten Assimilanten — dem Judentum bewußt den Rücken kehren, sondern sich auf ihre Art „jüdisch“ zu betätigen suchen, empfinden dunkel die Resultatlosigkeit ihrer Bemühungen im eigenen Kreise.

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