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Die Welt · 1912-12-06 · 49 (6.12.1912) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Nr. 49 \ i i i; \ i Ü \ 1532 DIE ELT Das alles wollte ich ihm sagen, aber ich sah, daß er mich nicht verstehen würde. Der Mensch war so weit gekommen, daß er sich vor seinen eigenen Dienstboten fürchtete und mir selbst das Essen reichte. Nu, wie gefällt Ihnen das? Die Fenster meines Zimmers führten auf einen leeren Hof. Gegenüber befand sich eine schmutzige Wand. Ich saß so volle zwei Tage im Zimmerchen. Es wurde mir langweilig und ich schämte mich vor mir selber. Ich beschloß, aufzupassen, wenn mein Schwiegersohn ausging, um diese Gelegenheit zu benutzen, meine Tochter und meine Enkel zu sehen. Aber als ich mein Zimmer verlassen wollte, fand ich die Tür verschlossen. Ich fing an, mit Messer und Schere zu hantieren, und es gelang mir, die Tür aufzumachen. Auf den Zehen schlich ich, bis ich an das Zimmer meiner kranken Tochter kam. Das Herz tat mir so weh, daß ich fühlte: noch ein Moment, und ich weine, wie ein Kind. Ich stand ein wenig hinter der Tür, guckte durch das Schlüsselloch. Meine Tochter saß auf dem Bette, bleich, abgezehrt, neben ihr ein Junge von ungefähr sieben Jahren. Ein bildhübscher Junge mit blonden Locken — ganz die Mutter. Leise machte ich die Tür auf. „Riwkele!“ sagte ich leise. „Papachen I“ Und beide weinten wir. Es stellte sich heraus, daß sie nichts von meinem Kommen gewußt hatte. „Papa,“ sagte meine Tochter, ..gleich kommt Boris.. Er wird ägerlich, wenn er dich sieht. Bei uns ist es jetzt so streng.“ „Aengstige dich nicht, Riwkele! Es gibt einen Gott im Himmel . . . Heute ist Chanukah, und um der Feiertage willen, wird uns der liebe Gott vor Unannehmlichkeiten schützen.“ „Ist heute Chanukah?“ fragte meine Tochter. - „Ja, Riwkele! Und du wußtest es nicht?“ Verlegen sah sic mich an. Nu, es macht nichts, Riwkele . . . Heutzutage ist das nun mal so . . . Und K. ist so weit von den jüdischen Städten entfernt. Riwkele erklärte dem Jungen, daß ich sein Großvater sei. Er sah mich mit seinen großen blauen Augen an und sagte nichts. „Kannst du im Siddnr lesen?“ fragte ich den Jungen auf Jüdisch. ,,Er spricht kein Jüdisch, Papa!“ erklärte mir Riwkele, und wurde noch verlegener. Ich begriff gleich, daß mein Enkel kein Rabbiner werden wird. Als mein Schwiegersohn kam und erfuhr, daß ich die Tür aufgeschlossen hatte, wurde er sehr aufgeregt. „Was habt Ihr gemacht? Ihr müßt sofort nach Hause reisen! Man findet Euch, und dann bin ich verloren“ — sagte er wiederum. Da konnte ich nicht mehr schweigen und sagte ihm kurz, daß er Dummheiten spräche. Abends steckte ich die vier Chanukah-Lichter an, klebte sie an die Fensterbank fest und verrichtete andächtig den Segensspruch. „Moaus Zur Jeschuossi“ . . . sang ich leise, und ich guckte auf meine Lichter, und es war mir wohl und traurig zumute. Plötzlich hörte ich draußen einen Lärm. Eine unbekannte, laute Stimme übertönte die zitternde, ängstliche Stimme meines Schwiegersohnes. „Leugnet es lieber nicht, wir haben alles von Euren Dienstboten erfahren!“ rief die laute Stimme, ln mein Zimmer trat ein Mann — sein Mantel war mit Messingknöpfen, seine Mütze mit einer Kokarde versehen. Mein Schwiegersohn, bleich wie der Tod, folgte ihm. Ich blieb ruhig stehen und nahm nicht einmal mein Käppchen ab. Ihr wollt wissen, ob ich sehr erschrocken war? Aber ihr werdet mir nicht glauben, wenn ich euch sage, daß ich durchaus keinen Schrecken empfand . . . Und der Mann im Mantel mit den Messingknöpfen stand in der Mitte des Zimmers und seine Augen ruhten auf den Lichtern. Sie brannten kaum noch und den Schammes hatte ich vorher schon ausgelöscht. Plötzlich fragte mich der Mann: „Ist’s jetzt Chanukah?“ Im ersten Augenblick glaubte ich es im Traume zu hören. Und die Augen meines Schwiegersohnes wurden groß, sehr groß . . . Der Mann näherte sich dem Fenster und guckte gerade auf die kleinen Lichtlein. Sein Gesicht war traurig und nachdenklich: „Zehn Jahre sind es her,“ sagte er, daß ich diese Lichter nicht mehr gesehen habe. Mein Vater pflegte sie immer anzustecken. Ich erinnere mich noch der Melodie, die ich dabei gesungen habe: Moaus Zur . . .“ Und der Mann im Mantel mit den blanken Knöpfen fing leise, leise zu singen an. Im Zimmer war es so still, daß man das Zischen der verglimmenden Lichtlein hörte. Ich schwöre Ihnen bei meinem grauen Bart: Wenn man mir statt dieser wenigen Minuten zehn Jahre gegeben hätte, ich hätte nicht getauscht. Wollen Sie wissen, was weiter war? Der Meschumined blieb stehen, bis die Lichtlein zu Ende gebrannt waren, dann sagte er: „Großvater, habt keine Angst!“ . . . Und er ging . . . Jetzt sagt: Gibt es einen Gott auf der Welt, oder nicht? Chanukahlampe, getriebene Arbeit mit Silberfiligran K u n s t g c \ v e r b e s c h u 1 e „Bc/.alel

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