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Die Welt · 1912-12-06 · 49 (6.12.1912) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
49 (6.12.1912)
Date
1912-12-06
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 49 ---- DIE3§gELT— ... 1531 Das vierte Licht Von M. Riwesmann (Aus dem Russischen von R. Sondowitsc h.) Man sagt, daß die Alten mürrisch sind und gerne auf die Jugend schimpfen. Ihr müßt wissen, daß ich schon meine 60 Jahre hinter mir habe, und doch liebe ich die Jugend und die Kinder von Herzen. Als man meine Charineie, meine Enkelin, verschickt hatte, sagten alle Bekannten: So isfs recht! Ein jüdisches Mädchen muß nicht überall dabei sein. Wissen Sie, was ich darauf erwidert habe? Ich sagte: Wascht euch die Hände, bevor ihr von meiner Channele redet! Ich habe ihr Geld dahingeschickt, und an ihren lieben, süßen Briefen konnte ich mich gar nicht satt lesen. Warum? Weil nur ich wußte, daß es solche Mädchen wie sie nicht alle Tage gibt. Gewiß, Gott wollte mich nicht auf meine alten Tage trösten . . . Sie war ein schwaches, zartes Mädchen und dort war es sehr kalt . . . Und Sehnsucht hatte sie . . . Alles nach Seinem Willen! Gott gab, Gott nahm, gesegnet sei Gottes Name. Ja, worüber sprachen wir doch? Ich glaube darüber, daß die Alten mürrisch sind? Ich bin auch manchmal mürrisch ... Es tut mir leid, daß die Jugend so schwach im Glauben ist . . . Gewiß, all die Gymnasiasten, Studenten, Doktoren, Juristen sind gelehrte Leute; aber, war denn ein Rambam, gesegnet sei das Andenken des Gerechten, weniger gelehrt? Und doch schämte er sich nicht, zu sagen: „ich bin vollkommen überzeugt von der Ankunft des Messias, und ungeachtet seines langen Ausbleibens harre ich dennoch täglich seiner Ankunft“ Und die jetzigen jungen Leute? Ich könnte schwören, daß mancher Student mehr an die 'Elektrizität glaubt, als an den Messias. Und dieser Unglaube bringt manches Unglück.. Warum lächeln Sie? Sie glauben nicht? Da haben Sie ein Beispiel ... Es wurde hier ein junger Mann krank, es zeigte sich ein Geschwür auf seinem Rücken, er ging zum Arzt, der sagte ihm, daß das Krebs sei. Er kam vom Arzt, ich sah ihn an, — er sah schrecklich aus . . . Ich sprach ihm zu: Verliere den Mut nicht, weiß denn der Arzt alles? Gott, sagte ich, ist der beste Arzt. „Nein,“ sagte er, „der Arzt weiß alles.“ Er grämte sich . . . Ging wie ein Schatten umher, dachte immer nach. So oft ich ihn betrachtete, tat mir das Herz weh: ein junger Baum, schade . . . Täglich las ich seiner Genesung wegen ein paar Kapitel Tehillim. Er aber ging und erhängte sich... Einen Zettel hinterließ er seiner Mutter: „Ich wollte den Menschen nicht zur Last fallen.“ Kannten unsere Väter keine Krankheiten? Aber sie glaubten an Gott, und er half. Ich könnte euch noch vieles erzählen, aber ich weiß nicht, ob ihr mir glauben werdet. Und ich muß immer wieder sagen: Die jetzigen jungen Leute können nicht glauben. Und doch, wie gut wäre es für sie, wenn sie, wie es sich gehört, beten könnten! Uebrigens, ich bin kein Prediger: ich spreche nur so zum Beispiel. Ich will nicht mehr von anderen Leuten sprechen, ich will Ihnen lieber erzählen, was mir passiert ist, und Sie werden selbst urteilen, ob es einen Gott im Himmel gibt, oder nicht. Sie wissen doch, daß ich einen gebildeten Schwiegersohn habe, einen Ingenieur. Er Lebt in K. Meine Tochter schreibt mir ungefähr zweimal jährlich, aber er nie. Schon öfter wollte ich nach K. fahren. Ich wollte sehen, wie sie dort leben. Aber mein Schwiegersohn ließ es nicht zu; ich darf in K. nicht leben, sagte er, d. h. ich habe kein Wohnrecht ... Ich fuhr also nicht hin, aber oft dachte ich: Wird K. verloren gehen, wenn ich für eine oder zwei Wochen komme, um meine Tochter und meine Enkel zu sehen? Wird die dortige Polizei gleich erfahren, daß der alte Jude Ghaim gekommen ist? Ich habe dies auch an meine Tochter und an meinen Schwiegersohn geschrieben, aber sie wollten nichts davon hören ... Gerade jetzt, schrieb meine Tochter, ist es so streng geworden, wie noch nie. Man holt einfach die Juden von der Straße und transportiert sie nach ihrer Heimat. Wenn man bedenkt, welches Unglück! Nu, werden sie mich fassen . . . fressen werden sie mich nicht. Und ich werde meine Tochter und meine Enkel zu sehen bekommen. Ich bin Gott sei Dank nicht mehr jung. Noch ein paar Jahre, und dann ist Schluß. Sterben und das eigene Kind nicht Wiedersehen! Aber mein Schwiegersohn und meine Tochter zitterten vor meinem Kommen, wie vor Feuer. Die Bekannten rieten auch nicht zum Hinfahren. Gewiß, ein anderer an meiner Stelle wäre längst hingefahren, aber ich verschob es von einem Tag zum anderen. Einmal begegnete ich auf der Straße einem Bekannten, der eben von K. gekommen war. Ich fing sofort an, ihn auszufragen, was meine Tochter und meine Enkel machen; er antwortete mir, aber ich merkte, daß er meinen Fragen auswich. Das Herz des Vaters ist ein Prophet. Ich beschloß, sofort nach K. zu reisen. Ich fuhr. Ich dachte unterwegs: Was auch passiert sein möge, ich werde es mit meinen Augen zu sehen bekommen. Je näher ich K. kam, desto banger wurde es mir ums Herz. Ich hatte ein Vorgefühl, daß etwas Schlimmes passiert sei. Und was glauben Sie? Ich fand meine Tochter schwer krank .. Man erlaubte mir nicht, zu ihr zu gehen, und als mein Schwiegersohn mich erblickte, wurde er ganz schwarz vor Zorn: „Was habt Ihr gemacht?“ sagte er händeringend. „Fahret sofort zurück, man kann Euch finden, und dann bin ich verloren . . .“ „Aengstige dich nicht und rege dich nicht auf!“ sage ich ihm. „Ich bin kein Dieb und kein Mörder!“ — „Aber wißt Ihr denn nicht, daß ein Jude ohne Wohnrecht schlimmer ist, als ein Dieb?“ — „Ich will es nicht wissen, ich bin zu meiner Tochter gekommen, und gehe nicht, bis Gott ihr Genesung schickt.“ — „Aber ihr Zustand wird sich verschlimmern, wenn sie erfährt, daß Ihr hier seid.“ Ich sah ihn an, ich wollte ihm ein sehr grobes Wort sagen, aber ich hielt mich zurück. „Höret,“ sagte mein Schwiegersohn, indem er um sich blickte, „zeigt Euch nicht vor den Dienstboten und geht nicht aus dem Hause. In diesem Zimmer werdet Ihr bleiben, und da wird Euch alles gereicht werden.“ Wäre meine Tochter gesund gewesen, ich hätte gewußt, ihm gebührend zu antworten, aber so wollte ich keine Geschichten machen. Nur konnte ich nicht verstehen: Wie kann ein gebildeter Mann, ein Ingenieur ein solcher Feigling sein! Nu, nehmen wir an, man entdeckt mich, man schiebt mich ab, sagen wir, ich werde sogar bestraft . . . Hat denn ein Jude noch nie ein größeres Malheur gehabt . . . Weiß mein Schwiegersohn gar nicht, daß unsere Väter sich ins Feuer werfen ließen, daß sie Foltern ertrugen, nur weil sie Juden waren? . . . Un<1 die Pogrome? Und die vielen Hamans? Und doch ist das Haus Jakobs nicht verloren gegangen.

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