Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 49 (6.12.1912)
- Date
- 1912-12-06
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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1530 Nr. 49 DIENTE LT dem Krankenhause, wo die Leichen lagen, staute sich die Menge und verlor sich, eine ungeheure wimmelnde Masse, in allen Gassen, die rechts und links vom Krankenhause liefen. Als der Zug sich in Bewegung setzte: die Särge von den schwarzen Bahrtüchern umflattert, je zwei und zwei in bestimmten Abständen über den Köpfen schwebten; das ungeheure Gewimmel aber um die schier endlose Reihe der Särge brandend, als wollte es sie überfluten — da war's eine Demonstration, von einer Gewalt und Tragik ohnegleichen. Es ging nur langsam vorwärts; zuweilen schien es, als sollten die furchtbaren Massen die Häuser zu beiden Seiten der Gassen sprengen, und ein wildes Chaos von Gebeten und Schreien, von Schluchzen und zornigen, unartikulierten Lauten füllte die Luft wie mit Sturmgebraus. Als ich vom Krankenhaus aus — denn ich konnte meinen Mann nicht verlassen — den gewaltigen Zug sich fortbewegen sah, vergaß ich für einige Zeit die bohrenden Schmerzen, und in meiner Seele wuchs ein Staunen. Ein Staunen und eine Erkenntnis. Ich sah zum erstenmal das jüdische Volk — es zog an mir vorbei, so, wie die tausendjährige Tradition lautet: heimatlos, schmerzgebeugt, fluchbeladen. Ich sah das jüdische Volk, seine echten unsterblichen Gestalten, die aus der Menge der Unbedeutenden hervortraten und mich daran gemahnten, daß der Boden, auf dem sie jetzt dahinwandelten, fremd sei, daß sie in eine andere, leuchtendere Welt gehörten, durch die der alte Geist der Geschichte, des Glanzes der Freiheit weht. Dieses Mädchen, das vorüberschreitet, mittelgroß, von etwas starken Formen, mit schwarzen Augen und Haaren und einem Mund voller Süße und sinnlicher Kraft: einst hat es unter Palmen gewandelt, in linden Nächten auf den Jüngling gewartet, der, voller Mut und Kraft, Judäa vom Drucke der Römer befreien wollte. Dieser junge Mann, dessen ein wenig eckiges Gesicht blaß aus dem Rahmen des schwarzen, gelockten Haares leuchtet, dessen Mund etwas wulstig, dessen Brauen stark gewölbt, dessen Augen tiefdunkel und grübelnd: vor zweitausend Jahren war er in Jerusalem wegen seiner Weisheit, seines eifrigen Thorastudiums, seines streitbaren Temperaments berühmt. Noch jetzt schießt zuweilen aus dem Grunde seiner Augen ein Blitz, ein Rest der alten Weisheit, der Gier, alles zu begreifen, in den Bann seines Geistes zu ziehen. Und der Greis, der aus dem Gewimmel hervorragt, hoch und breit gebaut, weißbärtig, mit kühnen Zügen und feuerbergenden Augen: als beredter, warnender Prophet hiat er einst inmitten seines zur Sünde neigenden Volkes gelebt — als machtvoller Hohepriester hat er im Tempel Salomos, beim Klange der Harfen und Trompeten den Segen über die Gemeinde gesprochen. So zogen sie an mir vorbei in drängenden, dumpf murmelnden, langsam sich fortschiebenden Massen, und es war mir, als ob die Abendwolken sich über ihren Häuptern zu einer grinsenden Fratze formten, und ich sali das fernere Schicksal, das ihrer in diesem Lande des Fluches wartete: grauenhaft, blutig, ein Golus und ein Sterben ohne Ende. Aber auch ich mußte meinen Tribut zahlen. Mein Mann starb zwei Tage nach seiner Verwundung. Eine Woche später folgten ihm meine Eltern, ihre alten Herzen konnten die Erinnerung an den blutigen Tag nicht ertragen. Nun konnte mich nichts mehr in Rußland zurückhalten. Ich verkaufte die beiden Liegenschaften in Ogrodno und Odessa und floh mit Anjuschka aus dem Lande. In der nun folgenden Zeit lebten die Geschehnisse als tiefe, schmerzende Wunde in meinem Herzen, und es wuchs in mir ein glühender Haß gegen alles, was aus Rußland kam, ein Haß, der mir alle Besinnung raubte und mich ungerecht machte. Dies äußerte sich auch, als Litwin, ein halbes Jahr, nachdem ich Rußland verlassen, mir in Zürich begegnete, wo ich meine einst in Odessa angefangenen Studien wieder aufgenommen hatte. In den ersten Tagen bekam ich heftiges Herzklopfen, so oft er mir begegnete, und kein Wort kam über meine Lippen. Es war, als hielte eine eiserne Faust mich an der Kehle fest. Litwin verstand mich, wußte, daß die Empfindungen, die mich überwältigten, stärker waren als mein Wille. Und eines Tages, als er mir wieder gegenüberstand und mein qualverzerrtes Gesicht und meine tränenvollen Augen sah, rief er, gleichsam sich selbst anklagend: „Sofia Semjonowna, ich bedaure, daß ich ein Christ bin!" Die Jahre gehen vorüber. Meine Anjuschka ist groß geworden; auf ihrer Stirn, vom linken Auge bis tief in die Haarwurzeln hinein, ist eine feine Narbe deutlich zu sehen. So oft meine Augen auf dieser Narbe ruhen, zieht eine dunkle Wolke durch meine Seele, und immer lebendiger wird in mir der Wunsch, mit meiner Tochter in jenes Land zu ziehen, wo das Meer blaut und die Palmen rauschen, wo unter glühender Sonne goldene Getreidefelder und segenschwere Feigenbäume der Ernte entgegenreifen. Aus der Kunstgewerbeschule „Bezalel“: Chanukahiampe aus getriebenem Messing mit Palästina-Steinen